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Der Col Rodella: Eine aerologische und logistische Monographie des zentralen Dolomiten-Startplatzes
In der Welt des alpinen Gleitschirmfliegens gibt es Orte, die als bloße Startplätze dienen, und es gibt Orte, die als Institutionen gelten. Der Col Rodella im Fassatal gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Für den Gelegenheitsflieger mag er, reduziert auf die nüchternen Faktenblätter der Geländedatenbanken, wie ein einfacher Grasbuckel mit Seilbahnanschluss erscheinen: Startrichtung Süd, Höhendifferenz 1.000 Meter, Talwind beachten. Doch diese simplifizierte Darstellung, wie sie oft in Standardführern wie dem des DHV zu finden ist, wird der Komplexität, der aerologischen Gewalt und der strategischen Bedeutung dieses "Panettone" der Dolomiten nicht gerecht.
Dieser Bericht zielt darauf ab, diese Lücke zu schließen. Wir bewegen uns weg von der reinen Datenauflistung hin zu einer tiefgreifenden Analyse des Systems Col Rodella. Wir schreiben das Jahr 2026. Die Infrastruktur des Tales hat sich durch den Bau der neuen 3S-Bahn fundamental gewandelt. Die mikroklimatischen Bedingungen, diktiert durch die Interaktion zwischen der "Ora" (dem Gardasee-Wind) und den vertikalen Wänden des Langkofels, erfordern ein Verständnis, das über das bloße "Wind von vorne" hinausgeht. Dieser Guide ist für den Piloten geschrieben, der nicht nur konsumieren, sondern verstehen will; der nicht nur abgleiten, sondern das massive Potential der Sella-Runde und der Marmolada-Querung sicher ausschöpfen möchte.
Wir betrachten den Col Rodella nicht isoliert, sondern als das pulsierende Herz eines der komplexesten Fluggebiete der Welt. Von der psychologischen Komponente des überfüllten Startplatzes bis zur taktischen Entscheidung bei der Landevote im turbulenten Talwindsystem von Campitello – dies ist die operative Anleitung für den ambitionierten Piloten.
Der Col Rodella erhebt sich auf 2.484 Metern als isolierter vulkanischer Kegel südlich des massiven Dolomitgesteins der Langkofelgruppe (Sassolungo). Diese geologische Besonderheit ist entscheidend für seine thermische Qualität. Während der helle Kalkstein der Sella-Gruppe und des Langkofels die Sonnenenergie oft reflektiert, absorbiert das dunklere Gestein und der Grasbewuchs des Rodella die Wärme effizienter, was ihn zu einem zuverlässigen "Hotspot" macht, der oft früher "zündet" als die umliegenden Felswände.
Geographisch markiert der Rodella die Wasserscheide und Luftmassengrenze zwischen dem Fassatal im Süden und dem Grödnertal (Val Gardena) im Norden. Diese Positionierung macht ihn zu einem klassischen Prallhang für Südwinde, aber auch zu einer potenziellen Leefalle bei Nordströmungen. Die Nähe zum Sellajoch und die Verbindung zum Belvedere schaffen einen natürlichen Riegel, der die Luftmassen kanalisiert.
Das Tal selbst, das Val di Fassa, verläuft von Moena im Südwesten nach Canazei im Nordosten. Diese Ausrichtung ist perfekt, um den thermischen Talwind vom Gardasee und der Po-Ebene tief in das Herz der Dolomiten zu leiten. Campitello di Fassa liegt auf ca. 1.440 Metern am Fuße des Rodella. Der Höhenunterschied von über 1.000 Metern bietet genügend Arbeitshöhe, um thermische Anschlüsse zu suchen, selbst wenn der Hausbart am Startplatz temporär schwächelt.
Das Verständnis der Luftmassenbewegung im Fassatal ist der Schlüssel zum Überleben und zum Genuss. Anders als in vielen Mittelgebirgsregionen, wo der Wind oft laminar strömt, ist das Fliegen in den Dolomiten ein Schachspiel gegen thermische Giganten und Talwindsysteme. Die simplen Warnhinweise "Vorsicht bei Talwind" reichen hier nicht aus; man muss die Mechanik verstehen.
Der dominierende Faktor für jeden Start am Col Rodella ist die „Ora“. Dies ist ein thermischer Talwind, der vom Gardasee ausgehend durch das Etschtal nach Norden zieht und schließlich bei Auer (daher der Name „Ora“) in die Fleimstaler und später Fassataler Täler abzweigt. Er ist der Puls des Fluggebietes.
Die Chronologie der Intensität:
Vormittags (bis ca. 11:00 Uhr): In dieser Phase herrscht oft noch ein Rest von Bergwind oder eine neutrale Schichtung. Die Luft ist oft ruhig oder leicht thermisch durchsetzt. Dies ist das exklusive Zeitfenster für Anfänger, Schulen oder Genussflieger, die ruhiges Abgleiten oder sanftes Soaring suchen. Die Bedingungen sind fehlerverzeihend.
Mittags (11:00 – 13:00 Uhr): Die Transition beginnt. Die Ora beginnt, sich gegen die abfließenden Bergwinde durchzusetzen. Am Landeplatz in Campitello kann dies zu abrupten Richtungswechseln führen – Windsäcke an verschiedenen Enden des Landeplatzes können gegensätzliche Richtungen anzeigen. Thermische Ablösungen werden kräftiger und durchmischen die Talatmosphäre.
Nachmittags (13:00 – 17:00 Uhr): Die „Hoch-Zeit“ der Ora. Sie prallt nun ungebremst auf die Südwände des Rodella und des Belvedere. Die Windgeschwindigkeiten am Startplatz erreichen oft 20–30 km/h, verstärkt durch thermische Ablösungen, die Böenspitzen von 40 km/h erzeugen können. Für erfahrene Piloten ist dies der Treibstoff für Streckenflüge; für Unerfahrene ist der Startplatz jetzt eine absolute "No-Go-Zone". Die Talsohle verwandelt sich in einen Windkanal, und Landungen in Campitello werden extrem turbulent.
Abends (ab 18:00 Uhr): Das „Magic Light“ oder die Restitution. Die Thermik wird weicher, der Talwind laminarer und verliert seine aggressive Böigkeit. Dies ermöglicht das berühmte „Restitution-Soaring“, bei dem man im öligen, ruhigen Aufwind bis zum Sonnenuntergang vor den Felswänden des Langkofels parken kann. Es ist die belohnendste Zeit des Tages.
Eine der tückischsten und potenziell tödlichen Fallen am Col Rodella ist die Interaktion der südlichen Ora mit einem überregionalen Nordwind. Wenn in der Höhe (über 2.500m) ein Nordwind herrscht (z.B. Föhn), kann der Col Rodella im Lee liegen, obwohl am Startplatz scheinbar ein perfekter Südwind ansteht.
Dieser „Südwind“ am Startplatz ist jedoch oft nur der Rotor des Nordwindes, der die Südwand hinaufkriecht. Startet man in diese vermeintlich perfekte Brise, steigt man wenige Meter später direkt in die turbulente Scherzone des Nordwindes, der über den Grat presst. Klapper, massive Sinkwerte und Kontrollverlust sind die Folge.
Der visuelle Indikator: Beobachten Sie zwingend die Wolkenfahnen am Langkofel (Sassolungo). Wenn diese Wolkenfetzen deutlich nach Süden ziehen oder über den Gipfel "schwappen", während Sie am Startplatz Wind von vorne (Süden) haben, befinden Sie sich in einer klassischen Lee-Falle. Die Regel ist eisern: Starten Sie niemals bei Nordföhn-Anzeichen am Südstartplatz, egal wie einladend der Wind am Boden wirkt.
Der Col Rodella funktioniert wie ein gigantischer Hitzesammler.
Der "Schuhkarton": Direkt vor dem Startplatz Süd, oft nur 50-100 Meter draußen, löst sich die Thermik sehr zuverlässig ab. Es ist der klassische "Hausbart". Hier herrscht oft extremes Gedränge („Thermikkurbeln im Pulk“). Disziplin und ständiger Schulterblick sind Pflicht.
Die Westflanke: Wenn die Ora stärker wird und eine Westkomponente bekommt, verlagert sich der Aufwind oft auf die Westseite Richtung Sella-Pass. Hier mischt sich dynamischer Aufwind (Hangaufwind) mit Thermik.
Die Zahnstocher-Thermik ("Cinque Dita"): Östlich des Startplatzes, unterhalb der markanten Felsnadeln, stehen oft sehr enge, starke Bärte. Sie sind der Schlüssel für den Einstieg in die Sella-Runde, da sie die nötige Überhöhung für den Sprung zum Belvedere liefern.
Dies ist der wohl wichtigste Abschnitt für jeden Piloten, der in der Saison 2025/2026 eine Reise plant. Die Informationen in Standardführern sind hierzu oft veraltet oder unvollständig. Das Fassatal durchläuft derzeit die größte infrastrukturelle Änderung der letzten 40 Jahre.
Die ikonische rote Großkabinenbahn, die seit Jahrzehnten das Bild von Campitello prägte und Millionen von Skifahrern und Fliegern transportierte, ist Geschichte. Sie wurde im April 2024 stillgelegt und demontiert. Damit entfällt temporär der direkte, schnelle Zubringer vom Landeplatz zum Startplatz, der den Col Rodella so komfortabel machte.
An der gleichen Stelle entsteht eine hochmoderne 3S-Bahn (Dreiseilumlaufbahn) von Doppelmayr.
Eröffnung: Geplant für den 19. Dezember 2025.
Kapazität: Die Förderkapazität wird von ca. 1.000 auf über 2.812 Personen pro Stunde fast verdreifacht.
Komfort für Piloten: Die neuen Kabinen bieten Platz für 30 Personen und sollen explizit auch Stauraum für Drachenflieger bieten ("space for hang-gliders"), was eine massive Verbesserung darstellt, da Drachen früher oft kompliziert transportiert werden mussten.
Auswirkung auf den Flugbetrieb: Die Verdreifachung der Kapazität bedeutet potenziell eine Verdreifachung der Piloten am Startplatz in kürzerer Zeit. Der Startplatz Col Rodella, ohnehin schon eng, wird ab der Saison 2026 einem noch höheren Druck ausgesetzt sein. "Startplatz-Management" und zügiges Auslegen werden zur sozialen Pflicht.
Für den Sommer 2025 (Juni bis Oktober) müssen Piloten umdenken. Der „einfache Weg“ existiert temporär nicht. Die Baustelle dominiert Campitello.
Option A: Die "Pradel"-Route (Der Umweg) Diese Route ist die offizielle Alternative, aber zeitaufwendig.
Anfahrt: Man fährt nicht zur Talstation in Campitello, sondern muss zum Pian de Frataces (Lupo Bianco) oder nutzt Verbindungen von Canazei.
Lift-Kette: Nutzung der Kabinenbahn „Pradel – Salei“ (Betriebszeiten 08:30-17:00 beachten ).
Letzte Meile: Von der Bergstation Salei ist es ein Fußmarsch oder eine kurze Fahrt mit dem Sessellift „Rodella – Des Alpes“. Wichtig: Der Sessellift transportiert laut aktuellen Informationen des Icarus Flying Teams nur Gleitschirme, keine Drachen ("no delta").
Zeitaufwand: Deutlich höher als bisher. Rechnen Sie mit 45–60 Minuten von der Talsohle bis zum Startplatz.
Option B: Ausweichen auf Belvedere / Col dei Rossi Da der Col Rodella schwerer erreichbar ist, wird sich der Flugbetrieb massiv auf den Col dei Rossi (Belvedere) verlagern.
Zugang: Von Canazei mit der Gondelbahn zum Pecol und weiter mit der Pendelbahn ("Funifor") zum Col dei Rossi.
Vorteil: Schneller Zugang, direkt am Startplatz.
Nachteil: Der Startplatz am Col dei Rossi ist technisch anspruchsvoller als der Rodella. Er ist steiler, kürzer, felsdurchsetzter und bei starkem Talwind turbulenter. Zudem ist mit einer extremen Überfüllung zu rechnen, da der gesamte Rodella-Verkehr hierhin ausweicht.
Option C: Shuttle-Dienste & Hike & Fly Es gibt Shuttle-Busse bis zum Sella-Pass (Passo Sella). Von dort (Bereich Refugio Valentini) ist es ein ca. 30–40 minütiger Fußmarsch zum Startplatz Col Rodella. Für puristische Piloten ist dies eine valide Option, um den Massen an den Liften zu entgehen, erfordert aber physische Fitness mit 15-20kg Gepäck.
Die Parkplätze an den Talstationen sind in der Regel kostenpflichtig (ca. 5-10€/Tag), außer während spezieller Promo-Aktionen (z.B. vor Weihnachten 2025 ). Ein "Panorama Pass" oder "Dolomiti Super Summer" Ticket ist für Vielflieger fast immer lohnenswert, da Einzelfahrten (Berg- und Talfahrt) schnell 25-30€ kosten können.
Der Startplatz selbst ist ein Phänomen. Obwohl er auf den ersten Blick riesig wirkt, erfordert er Disziplin und Etikette. Er liegt auf 2.380m bis 2.485m.
Ausrichtung: Süd / Süd-Ost.
Oberfläche: Eine weite, steile Wiese, die im oberen Bereich oft mit Matten ausgelegt ist, um Erosion zu verhindern und das Verhaken der Leinen zu minimieren.
Kapazität: Theoretisch können hier 3–4 Schirme nebeneinander ausgelegt werden. Praktisch wird dieser Raum oft durch kommerzielle Tandempiloten beansprucht, die hier Vorrangregeln (ungeschriebene, aber durchgesetzte) geltend machen.
Die "Klippen"-Gefahr: Unmittelbar unterhalb des Startplatzes fällt das Gelände steil ab. Zudem verlaufen hier die Seile der (ehemaligen und neuen) Bahn. Ein Startabbruch muss zwingend vor der Kante erfolgen. Wer über die Kante stolpert, landet im steilen, felsdurchsetzten Geröllfeld oder riskiert eine Kollision mit der Seilbahninfrastruktur.
Starttechnik: Aufgrund der Höhe (dünne Luft) ist die Abhebegeschwindigkeit höher als im Flachland. Bei Nullwind muss energisch und lange gelaufen werden. Bei starkem Wind (ab 13 Uhr) ist die Beherrschung des Rückwärtsstarts ("Cobrastart" um Überschießen zu vermeiden) absolute Pflicht. Piloten, die bei 20 km/h Wind vorwärts aufziehen wollen, werden oft gnadenlos ausgehebelt und gefährden sich und andere.
Ausrichtung: Nord / Nord-West.
Lage: Etwa 100-150m hinter der Bahnstation, Richtung Sellajoch, unterhalb der Sesselbahn.
Saisonale Nutzung: Dieser Startplatz ist primär ein Winter-Startplatz. Im Sommer liegt er meist im Lee der Thermik, die die Südwand hochzieht.
Warnung: Ein Start hier im Sommer bei thermischer Aktivität ist russisches Roulette. Selbst wenn ein leichter Nordwind ansteht, kann dies das Ansaugen der Thermik von der Südseite sein. Sobald man abhebt und in die Scherung fliegt, drohen massive Klapper in Bodennähe. Nutzen Sie diesen Startplatz im Sommer nur, wenn Sie absolut sicher sind, dass eine stabile, überregionale Nordströmung ohne thermische Konkurrenz herrscht (extrem selten fliegbar).
Während der Start am Col Rodella oft als „einfach“ und "touristisch" gilt, ist die Landung in Campitello (Landeplatz Ischia) der eigentliche Stressfaktor. Der DHV-Eintrag erwähnt dies oft nur am Rande, aber hier passieren statistisch die meisten Unfälle im Fassatal.
Lage: Am östlichen Ortsrand von Campitello, nahe der Talstation der Bahn.
Topographie: Eine große Wiese, die jedoch von Hindernissen eingekesselt ist: Seilbahnstation im Westen, Ortschaft im Norden, Wald und Fluss (Avisio) im Süden.
Die Todeszone (Hochspannungsleitung): Quer durch den südlichen Anflugbereich verläuft eine Hochspannungsleitung. Sie ist zwar mit Kugeln markiert, aber gegen das dunkle Grün des Waldes und bei schnellem Licht-Schatten-Wechsel oft schwer sichtbar. Viele Piloten konzentrieren sich so sehr auf den starken Talwind und den Verkehr, dass sie die Leitung vergessen. Halten Sie stets ausreichend Höhe über der Leitung oder planen Sie die Volte so, dass Sie nicht darüber hinweg gleiten müssen.
Die Thermik-Falle: Der Landeplatz selbst ist thermisch aktiv ("Buli-Gefahr"). Mitten im Endanflug kann sich eine Blase ablösen, die den Piloten plötzlich 5-10 Meter hebt oder den Schirm entlastet. Aktives Fliegen bis zum Boden ist Pflicht.
Windscherung & Düseneffekt: Da das Tal bei Campitello sehr eng ist, kanalisiert sich die Ora hier extrem ("Venturi-Effekt"). Am Boden können 25-30 km/h Wind herrschen, während in 100m Höhe noch Turbulenzen von den umliegenden Gebäuden und Bäumen (Leewirbel) wirksam sind.
Volteo (Lande-Einteilung): Es wird strikt linksherum (Linksvolte) geflogen, um Kollisionen zu vermeiden. Drachenflieger haben oft einen separaten Landestreifen parallel zur Stromleitung – diesen Bereich als Gleitschirmflieger unbedingt meiden.
Pferdekoppeln: Achten Sie auf temporäre Zäune (oft kaum sichtbare Litzen) für Pferde, die manchmal Teile des Landeplatzes beschneiden.
Wenn der Wind in Campitello zu stark ist ("hackt") oder der Platz überfüllt wirkt (typisch während der Fassa Sky Expo), ist das Ausweichen nach Canazei oft die taktisch klügere Wahl.
Landeplatz Ciuck: Ein großer Wiesenbereich am westlichen Ortseingang von Canazei, direkt über den Fluss.
Landeplatz Pareda: Direkt neben dem Parkplatz der Belvedere-Bahn in Canazei.
Vorteil: Das Tal ist hier etwas breiter, was den Düsen effekt der Ora leicht abschwächt. Zudem entfällt die psychologische Belastung durch die Hochspannungsleitung quer über dem Platz.
Nachteil: Man muss sicherstellen, dass die Gleitzahl vom Rodella ausreicht, besonders bei starkem Gegenwind (Ora). Planen Sie den Abflug rechtzeitig (mit mind. 1.800m Höhe über Campitello starten).
Der Col Rodella ist nicht nur ein Startberg für Abgleiter, er ist das Tor zu einigen der spektakulärsten XC-Routen der Alpen.
Ähnlich wie die berühmte Skirunde kann man den Sellastock umrunden. Dies ist der "Einstiegs-XC" für ambitionierte Piloten.
Route (Klassisch gegen den Uhrzeigersinn): Start Rodella -> Querung zum Langkofel (Höhe machen!) -> Weiter zum Grödner Joch (Passo Gardena) -> Überquerung zur Puez-Gruppe / Sassongher -> Corvara -> Piz Boè -> Arabba -> Bindelweg (Viel dal Pan) -> Belvedere -> Landung Campitello.
Schlüsselstelle Grödner Joch: Hier prallen oft Talwinde aus dem Grödnertal (Westwind) und dem Gadertal (Nordwind) aufeinander. Diese Konvergenzzone kann extrem turbulent sein. Achten Sie auf die Sinkwerte.
Höhenregime: Man sollte konstant über 2.800m bleiben, um nicht in die leeseitigen Fallen der vertikalen Felswände zu geraten. Wer unter Gratniveau sinkt, hat oft keine Chance mehr, thermisch Anschluss zu finden und muss in einem der Nebentäler (Corvara, Arabba) außenlanden.
Der Flug zur „Königin der Dolomiten“ (Marmolada, 3.343m) ist der Traum vieler Piloten.
Taktik: Nach dem Start am Rodella Höhe machen (mind. 2.900m) und Richtung Belvedere queren. Dort erneut "voll tanken" an der Südwand des Sass Bece. Dann der Sprung über das Tal (Avisio-Schlucht) Richtung Vernel / Marmolada-Südwand.
Gefahr: Die Südwand ist eine massive Prallfläche für die Sonne. Die Thermik ist hier brutal, eng und ruppig. Es ist hochalpines Gelände ohne Notlandemöglichkeiten im Geröll.
Top-Landung (Warnung): Eine Landung auf dem Gletscher oder am Gipfel (Punta Penia) ist technisch möglich, aber extrem anspruchsvoll. Aufgrund der Gletscherschmelze, Spaltenbildung und der dünnen Luft (hohe Landegeschwindigkeit) ist dies absoluten Experten vorbehalten.
Sensibilität nach Tragödie: Nach dem verheerenden Gletschersturz (Serac-Abbruch) im Jahr 2022 , bei dem Bergsteiger ums Leben kamen, herrscht eine erhöhte Sensibilität. Tiefes Fliegen über den Restgletschern oder Landungen in gesperrten Zonen werden von den Behörden und Einheimischen extrem kritisch gesehen.
Das Fassatal ist eines der einsatzreichsten Gebiete für die Bergrettung in den Alpen.
Das Problem: In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Konflikten, weil Gleitschirmpiloten Rettungshubschrauber behinderten ("Gaffer-Effekt" aus der Luft). Dies führte beinahe zur kompletten Schließung des Fluggebiets.
Die Regel: Sobald Sie einen Hubschrauber sehen oder hören, müssen Sie den Luftraum sofort und großräumig freimachen (mindestens 2-3 km Abstand horizontal). Landen Sie wenn möglich oder weichen Sie in ein anderes Tal aus. Es gibt keine Diskussion. Das "Icarus Flying Team" und die FIVL überwachen dies streng.
Der lokale Club, das "Icarus Flying Team Val di Fassa", ist der Hüter des Fluggebiets. Sie pflegen die Start- und Landeplätze und installieren die Windsäcke.
Informationsquellen: Sie betreiben mehrere Webcams und Holfuy-Wetterstationen (z.B. am Rodella Gipfel und am Landeplatz). Der Zugriff auf diese Live-Daten per Smartphone ist vor jedem Start obligatorisch, um die Ora-Entwicklung zu prüfen.
Gastfreundschaft & Support: Der Club heißt Gastpiloten willkommen. Es wird erwartet, dass Piloten die lokalen Regeln respektieren. Es gibt keine Landegebühr im klassischen Sinne, aber die Unterstützung der lokalen Infrastruktur (Bahn-Tickets, Gastronomie) sichert den Erhalt des Geländes.
Das Fassatal ist eng und von hohen Wänden umgeben. Wenn man bei starkem überregionalem Westwind fliegt, entstehen hinter den Kanten des Rosengartens massive Rotoren, die bis ins Tal reichen können.
Regel: Fliegen Sie im Zweifel immer in der Talmitte oder an der luvseitigen Flanke. Meiden Sie bei Westwind die Ostseite des Tals unterhalb der Gipfelkante.
Kabel & Hindernisse: Neben der Leitung am Landeplatz gibt es diverse Materialseilbahnen zu den Hütten (z.B. zur Plattkofelhütte oder im Bereich Pordoi). Diese sind in Luftfahrtkarten oft nicht verzeichnet ("Thin wires"). Halten Sie immer einen Sicherheitsabstand von mindestens 50m zu jedem Gebäude und jeder unbekannten Struktur im Hang.
Campitello ist voll auf Tourismus eingestellt.
Rifugio Des Alpes: Direkt an der (ehemaligen) Bergstation gelegen. Ein Treffpunkt für Piloten zwischen den Flügen. Die Küche ist typisch ladinisch (Canederli, Polenta, Wildgerichte). Es bietet auch Übernachtungsmöglichkeiten für diejenigen, die den Sonnenaufgang am Startplatz erleben wollen.
Rifugio Friedrich August: Etwas weiter westlich Richtung Plattkofel, ca. 20 Minuten zu Fuß vom Rodella. Bekannt für seine Hochlandrinder-Zucht ("Highland Cattle") und exzellente Küche.
Tal: In Campitello und Canazei gibt es unzählige Hotels und Apartments. Für Flieger empfiehlt sich eine Unterkunft in Gehentfernung zum Landeplatz Ischia, um logistisch unabhängig zu sein.
Jedes Jahr Ende September (meist am letzten Wochenende) findet in Campitello die Fassa Sky Expo statt.
Was ist das? Eine der wichtigsten Messen für Gleitschirm-Equipment in Italien. Hersteller präsentieren ihre neuen Schirme und Gurtzeuge.
Auswirkung für Piloten: Während dieser Tage ist der Luftraum extrem voll ("Leien-Salat"). Hunderte Piloten testen neue Schirme. Für Ruhe suchende Genussflieger ist dies der falsche Zeitpunkt. Wer jedoch Equipment testen will und Trubel mag, findet kein besseres Szenario. Die Party am Landeplatz ist legendär.
Der Col Rodella ist weit mehr als nur ein Startplatz in den Alpen; er ist eine Hochschule des Fliegens. Er bietet die Infrastruktur eines Massentourismus-Gebiets gepaart mit den wilden, unberechenbaren Bedingungen des Hochgebirges.
Wer den Rodella meistern will, muss demütig bleiben. Die neue 3S-Bahn im Jahr 2026 wird den Zugang erleichtern und beschleunigen, aber sie wird die aerologischen Gesetze nicht ändern. Die „Ora“ wird weiter pünktlich um 13 Uhr hämmern, und die Leefallen am Sellastock werden weiterhin auf unvorsichtige Piloten warten.
Dieser Guide soll nicht nur informieren, sondern sensibilisieren. Nutzen Sie die modernen Wetterdaten, respektieren Sie die lokalen Regeln (besonders bezüglich Hubschraubern) und planen Sie Ihre Logistik für die Saison 2025/2026 sorgfältig. Dann werden die Flüge vom Col Rodella vor der Kulisse des Langkofels zu den unvergesslichsten Ihres Fliegerlebens gehören.
(Ende des Berichts)