
2 Startplatzätze, 2 Landeplatzätze
Ausführliche Recherche und lokales Wissen
Das Sonnenstudio der Alpen: Eine umfassende Monografie zum Fluggebiet Speiereck
In der Gemeinschaft der alpinen Gleitschirmpiloten gibt es Orte, die einen fast mythischen Ruf genießen. Bassano für den Winterrost, Kössen für das Testival-Flair, und das Speiereck im Salzburger Lungau für jene Tage, an denen der Rest der Alpen unter einer stabilen Inversion erstickt oder im Nordstau versinkt. Das Speiereck ist nicht bloß ein Berg mit einer Seilbahn; es ist ein meteorologisches Phänomen. Gelegen in einem inneralpinen Becken, abgeschirmt durch die Hohen Tauern im Norden und die Nockberge im Süden, bildet der Lungau ein eigenes Mikroklima, das oft als „Sonnenstudio Österreichs“ bezeichnet wird.
Für den ambitionierten Piloten bedeutet dies vor allem eines: Basis. Während im Ennstal oder Pinzgau die Wolkenuntergrenzen oft bei 2.500 Metern über dem Meeresspiegel (MSL) stagnieren, sind im Lungau Basishöhen von 3.500 bis über 4.000 Meter keine Seltenheit, sondern an guten Tagen die Norm. Diese Monografie zielt darauf ab, über die Basisinformationen des offiziellen DHV-Eintrags hinauszugehen. Sie ist das Destillat aus lokalen Erfahrungen, Fluganalysen und meteorologischen Beobachtungen – ein Werkzeugkasten für den Piloten, der das volle Potenzial dieses hochalpinen Spielplatzes sicher und effizient nutzen möchte.
Die topografische Lage des Speierecks (2.411 m) nördlich der Marktgemeinden St. Michael und Mauterndorf bietet eine Startrampe, die wie ein Balkon in dieses thermische Becken ragt. Doch wo viel Licht ist, ist auch Schatten: Das komplexe Talwindsystem und der berüchtigte „Katschberg-Jet“ bei Südföhn fordern vom Piloten nicht nur technisches Können, sondern vor allem meteorologische Weitsicht.
Um das Fluggebiet zu verstehen, muss man die Geografie verinnerlichen. Man stelle sich das Speiereck als massiven, südseitig exponierten Klotz vor, der das Murtal dominiert. Das Tal selbst liegt bereits auf über 1.000 Metern Seehöhe, was die effektive Höhendifferenz auf etwa 1.000 bis 1.400 Meter reduziert, je nach Startplatz.
Die Infrastruktur teilt sich auf zwei Talseiten auf: Im Westen St. Michael/St. Martin mit der Sonnenbahn, und im Osten Mauterndorf mit der Grosseckbahn. Dazwischen spannt sich ein riesiges Flugareal, das sowohl im Sommer als auch im Winter beflogen wird. Eine schematische Betrachtung der Anlage zeigt, dass die Startplätze wie Perlen an einer Kette entlang des Südgrates und der Südostflanken aufgereiht sind, wobei jeder Platz seine eigene aerologische Signatur besitzt. Die Liftanlagen fungieren dabei als Zubringer zu diesen Startpunkten, wobei die Verbindung zwischen den beiden Talseiten oben am Berg nahtlos ist, unten im Tal jedoch logistische Planung erfordert.
Die Wahl des richtigen Startplatzes ist am Speiereck nicht nur eine Frage der Bequemlichkeit, sondern der Saison und der Windrichtung. Ein häufiger Fehler von Gastpiloten ist der Versuch, im Winter am Sommerstartplatz zu starten (Tiefschnee) oder im Sommer den Gipfel zu erzwingen (langer Fußmarsch ohne thermischen Mehrwert).
Dies ist der Dreh- und Angelpunkt der Sommersaison (ca. Mai bis Oktober). Er ist perfekt infrastrukturell erschlossen und bietet die höchste Startfrequenz.
Geodaten: 47° 07' 15.50'' N, 13° 38' 28.50'' O.
Höhe: 2.010 m MSL (Höhendifferenz zum Landeplatz ca. 970 m).
Ausrichtung: Südost (SO) – Süd (S) – Südwest (SW).
Geländebeschaffenheit: Eine breite, mäßig steile Almwiese direkt unterhalb des markanten Peterbauerkreuzes. Der Untergrund ist griffig (Wiese/Almrausch), keine groben Steine, was Leinenhänger minimiert.
Meteorologische Signatur: Der Startplatz liegt in einer idealen Abrisskante. Die Thermik zieht oft direkt vor dem Startplatz aus dem Kessel unterhalb der Peterbauerhütte hoch. Ein Windsack ist vorhanden, ebenso eine Webcam direkt am Kreuz, die zur Live-Einschätzung der Bedingungen unverzichtbar ist.
Zugang:
Via Sonnenbahn: Auffahrt von St. Michael. Von der Bergstation führt ein Weg ca. 10–15 Minuten bergab (!) bzw. querend zum Kreuz.
Via Clubbus: Der DFC Lungau Bus fährt an flugbaren Tagen (meist Wochenenden/Feiertage) direkt bis zum Startplatz – ein Luxus, der das Equipment schont.
Im Winter, wenn die Skipisten in Betrieb sind, verlagert sich das Geschehen nach oben. Im Sommer ist dieser Startplatz oft nur mühsam erreichbar und thermisch nicht zwingend besser.
Geodaten: 47° 07' 33.50'' N, 13° 37' 31.00'' O.
Höhe: 2.330 m MSL.
Ausrichtung: S – SO – SW.
Charakteristik: Start direkt unterhalb des Gipfels, oft auf präpariertem Schnee (Pistenrand).
Kritische Warnung (Lee-Falle): Bei Westwind liegt dieser Startplatz massiv im Lee des Gipfelgrates!. Die Strömung bricht über den Grat und erzeugt Rotoren, die am Startplatz als böiger Südwind missinterpretiert werden können. Ein Blick auf die Windwerte der Wetterstationen am Aineck oder Katschberg ist hier obligatorisch.
Neben den Hauptplätzen existieren Nischen-Startplätze, die bei speziellen Wetterlagen den Flugtag retten können:
Peterbauerhütte (1.935 m, SO): Etwas unterhalb des Hauptstartplatzes. Dieser Platz ist anspruchsvoller, da man nach dem Abheben durch eine Waldschneise fliegen muss. Er wird genutzt, wenn die Basis sehr tief liegt oder man zu Fuß von der Mittelstation kommt. Bei Westwind herrscht hier gefährliches Lee! Nur für Routiniers empfohlen.
Kl. Lanschütz (2.355 m, O/W): Ein reiner Hike & Fly Startplatz für Abenteurer. Erreichbar in ca. 35-45 Minuten Fußmarsch von der Grosseck-Bergstation. Er ist technisch anspruchsvoll ("schwer"), bietet aber die seltene Möglichkeit, bei reinem Ost- oder Westwind zu starten, wenn das Speiereck selbst nicht ideal angeströmt wird.
Pisten-Starts (Sommer): Es gibt Möglichkeiten, auf der Piste Richtung Osten (2.100 m) oder an der Pistenkreuzung Richtung Nordost (2.150 m) zu starten. Das ist ein "Geheimtipp", wenn am Hauptstartplatz (Süd) der Wind zu stark von der Seite kommt oder leichte Nordkomponente herrscht (im Sommer selten, aber möglich).
Die Landung im Lungau erfordert Konzentration, da der Talwind am Nachmittag kräftig sein kann und thermische Ablösungen im Talboden keine Seltenheit sind.
Dies ist der offizielle Landeplatz für Piloten, die mit der Sonnenbahn oder dem Clubbus hochfahren.
Lage: Direkt neben dem Clubhaus des DFC Lungau und der Talstation der Sonnenbahn.
Koordinaten: 47° 05' 45.50'' N, 13° 39' 24.50'' O.
Höhe: 1.045 m MSL.
Charakteristik: Eine großzügige Wiese. Dennoch gibt es Tücken:
Die "Dächer-Falle": Ein klassisches Szenario im Frühjahr. Der Landeanflug führt oft über die Häuser von St. Martin und die Talstation. Die dunklen Dächer heizen sich auf und produzieren aggressive, eng begrenzte thermische Ablösungen (Blasen). Piloten rechnen mit Sinken im Endanflug, werden aber plötzlich 10-20 Meter hochgehoben und schießen über den Landeplatz hinaus. Strategie: Den Endanflug seitlich versetzen oder defensiv tiefer ansetzen.
Talwind-Lee: Bei starkem Ostwind (Talwind) können die hohen Sträucher und Bäume entlang der Straße und des Bachs ein Lee erzeugen, das den bodennahen Bereich turbulent macht.
Für Piloten, die Richtung Osten abdriften oder von der Grosseckbahn kommen.
Status: Hierbei handelt es sich um den höchstgelegenen Flugplatz Österreichs (LOSM). Es herrscht reger Segelflug- und Motorflugbetrieb.
Regelung: Gleitschirme dürfen landen, müssen sich aber strikt an die Sektoren halten. Niemals auf der Asphaltbahn oder dem Haupt-Rollfeld landen, sondern auf den ausgewiesenen Wiesenbereichen.
Koordinaten: Bereich um 47° 07' 55.0" N, 13° 41' 46.0" E.
Gebühren: Es können Landegebühren anfallen, die im Büro des Flugplatzes zu entrichten sind.
Alternative: Es gibt Wiesen südlich des Ortes Mauterndorf, die gelegentlich genutzt werden ("Außenlandung"), hier ist jedoch vorab die Wuchshöhe des Grases zu prüfen (Bauernregeln beachten!).
Die Logistik im Lungau ist entspannt, erfordert aber Kenntnis der Fahrpläne, da die Bahnen saisonale Pausen haben und der Shuttle-Bus ein "Insider-Service" ist.
Das Fluggebiet wird von zwei Talseiten erschlossen:
Sonnenbahn (St. Michael/St. Martin): Die Hauptbahn für Piloten, da der Landeplatz direkt an der Talstation liegt.
Status: Moderne 8er Kabinenbahn.
Betrieb: Fährt im Sommer nicht täglich! Oft gibt es Ruhetage (z.B. Montag/Dienstag in der Nebensaison). Unbedingt vor Anreise den aktuellen Fahrplan auf der Website der Bergbahnen prüfen.
Grosseckbahn (Mauterndorf):
Status: Ebenfalls eine 8er Kabinenbahn.
Vorteil: Fährt im Sommer oft täglich, auch wenn die Sonnenbahn steht.
Nachteil: Längerer Weg zum Hauptstartplatz (30 min Wandern) und man landet nicht am Auto, wenn man in Mauterndorf parkt, aber in St. Michael landet (Rücktransport per Bus oder Autostopp nötig).
Eine Besonderheit des DFC Lungau ist der Clubbus, der den Zugang massiv erleichtert.
Treffpunkt: Ca. 10:00 Uhr am Clubhaus/Landeplatz St. Martin.
Vorteil: Er fährt über Forststraßen direkt bis an den Startplatz Peterbauerkreuz. Das erspart den 15-minütigen Abstieg von der Bergstation und ist die einzig wahre Option an Tagen, an denen die Bahn steht.
Verfügbarkeit: Keine Garantie. Er fährt meist an Wochenenden bei gutem Flugwetter und genügend Nachfrage.
Kommunikation: Lokale Piloten checken oft die Facebook-Seite des DFC Lungau oder kontaktieren den Verein, um die Fahrt zu bestätigen.
Kosten: Es wird ein Unkostenbeitrag für die Auffahrt erhoben (Bargeld bereithalten).
Wer unabhängig von Betriebszeiten sein will, kann das Speiereck zu Fuß erklimmen.
Route ab St. Michael: Über markierte Wanderwege via Trogalm. Dauer ca. 2,5 - 3 Stunden. Es sind ca. 1.000 Höhenmeter zu überwinden.
Route ab Mauterndorf (Talstation): Über die Skipisten (im Sommer Wiesen/Forstwege) zur Grosseck-Bergstation und weiter. Diese Route ist sehr steil und extrem sonnig ("Schwitzkasten").
Tipp: Eine schöne Feierabend-Tour im Frühsommer, wenn die Bahnen schon stehen, es aber bis 21 Uhr hell ist. Der Abgleiter in der ruhigen Abendluft ("Magic Air") entlohnt für die Mühe.
Das Speiereck liegt in einem inneralpinen Becken. Das sorgt für ein spezielles Mikroklima, das sich deutlich vom Alpennordrand (z.B. Kössen) oder der Alpensüdseite (z.B. Bassano) unterscheidet. Wer die "Lungau-Logik" versteht, fliegt länger und sicherer.
Der Lungau wirbt damit, der sonnenreichste Ort Österreichs zu sein. Meteorologisch bedeutet das vor allem: Trockenheit. Die Luftmasse im Becken ist oft deutlich trockener als in den Staulagen der Nordalpen.
Die Basishöhe: Das Resultat der trockenen Luft ist eine extrem hohe Kondensationsbasis. Während man im Ennstal oft bei 2.500 Metern an der Wolke kratzt, sind im Lungau 3.500 Meter bis über 4.000 Meter keine Seltenheit. Das öffnet fliegerisch völlig neue Dimensionen und ermöglicht Talquerungen, die anderswo unmöglich wären.
Starke Thermik: Die trockene Luft begünstigt eine starke Sonneneinstrahlung und hohe Temperaturgradienten (Lapse Rate). Steigwerte von 6–8 m/s sind an guten Frühjahrstagen (März-Mai) eher die Regel als die Ausnahme. Das erfordert aktives Pilotiere und robustes Equipment.
Ganzjahres-Potenzial: Durch die südseitige Ausrichtung der "Schüssel" heizt sich das Gelände auch im Dezember und Januar so stark auf, dass thermisches Soaring und kleine Strecken möglich sind – ein Phänomen, das man sonst eher aus Südfrankreich kennt.
Ein typischer Flugtag am Speiereck folgt einem fast ritualisierten Muster, das Piloten kennen sollten, um ihre Startzeit zu optimieren.
Der Vormittag (10:00 – 12:00 Uhr): Die Ostflanken und südöstlich ausgerichteten Hänge beginnen zu arbeiten. Dies ist die Zeit der ersten "Hausbärte" (siehe Abschnitt 6). Die Luft ist oft noch ruhig, aber thermisch aktiv. Wer Strecke fliegen will, muss jetzt starten, um die Basishöhe aufzubauen.
Der Mittag (12:00 – 14:00 Uhr): Die Thermik erreicht ihren Höhepunkt. Die Südhänge feuern massive Bärte ab. Gleichzeitig beginnt der Talwind im Bodenbereich einzusetzen (siehe unten).
Der Nachmittag (14:00 – 17:00 Uhr): Der Talwind erreicht sein Maximum. Im Tal kann es bockig werden, aber in der Höhe herrscht oft bestes Streckenflugwetter. Wer jetzt landet, muss mit 20-30 km/h Wind am Landeplatz rechnen.
Der Abend (ab 17:00 Uhr): Das Phänomen der "Magic Air" oder Restitution setzt ein. Der Talwind flaut ab, die Wärme strahlt aus den Wäldern zurück. Es entsteht ein großflächiges, sanftes Steigen, das oft bis Sonnenuntergang trägt.
Der Lungauer Talwind
Wie alle großen alpinen Täler entwickelt der Lungau ein Talwindsystem.
Richtung: Der Talwind strömt meist aus Osten (vom steirischen Murtal herauf) in das Becken ein. Er "belüftet" das sonnengeheizte Becken.
Stärke: Er kann am Landeplatz St. Michael am Nachmittag sehr kräftig werden (20–30 km/h). Das ist fliegerisch meist noch handhabbar, erfordert aber einen sauberen Vorhaltewinkel in der Landevolte.
Gefahr: Am Landeplatz St. Martin (Talstation) kann der Ostwind durch die Bebauung und Vegetation Turbulenzen erzeugen.
Der Katschberg-Jet (Südföhn) – Die tödliche Falle
Das ist die größte Gefahr des Gebiets und darf niemals unterschätzt werden.
Mechanik: Der Katschberg-Pass (südlich von St. Michael) fungiert als Düse. Er ist die niedrigste Einschartung im Alpenhauptkamm in dieser Region. Wenn im Süden Überdruck herrscht (Südföhn), wird die Luftmasse durch diesen Einschnitt gepresst wie Wasser durch einen Feuerwehrschlauch.
Effekt: Während es am Speiereck-Gipfel (2.400m) noch fliegbar scheinen mag (oder "nur" starker Südwind herrscht), kann der Wind im Tal bei St. Michael bereits Orkanstärke erreichen, da der "Jet" direkt auf den Talboden und den Landeplatz zielt.
Warnzeichen: Lenticularis-Wolken (Föhnfische) am Himmel, rapide steigende Temperaturen im Tal, oder eine Druckdifferenz Bozen-Innsbruck/Salzburg von mehr als 4 hPa.
Regel: Bei Föhnprognose ist St. Michael als Landeplatz tabu. Lokale Piloten bleiben an solchen Tagen oft am Boden oder weichen in föhngeschützte Gebiete aus (was im Lungau schwierig ist, da der Föhn hier voll durchgreift).
Das Speiereck ist der Ausgangspunkt für einige der spektakulärsten Flüge der Ostalpen. Die Kombination aus hoher Basis und klassischer Rennstrecke lockt Piloten aus ganz Europa.
Die Standard-Rennstrecke für das 100km FAI-Dreieck ist fast schon eine Pflichtübung für ambitionierte Piloten. Wir zerlegen sie in ihre taktischen Bestandteile:
Schenkel 1: Nach Nordwesten ins Zederhaustal
Vom Startplatz Speiereck gilt es, sofort Höhe zu machen. Ziel ist eine Basishöhe von über 3.000m.
Route: Man quert vom Speiereck nach Nordwesten über die Autobahn (A10) hinweg auf die Hänge des Zederhaustals.
Taktik: Immer an den sonnenbeschienenen Südwestflanken bleiben. Die Hänge sind steil und thermisch zuverlässig.
Wendepunkt: Meist wählt man das Mosermandl oder den Faulkogel als ersten Wendepunkt. Hier ist die Landschaft hochalpin, felsig und beeindruckend.
Schenkel 2: Der Ritt nach Osten zum Preber
Nach der Wende am Talende fliegt man oft mit Rückenwind (Westkomponente in der Höhe) zurück Richtung Osten.
Route: Man fliegt nördlich am Speiereck vorbei, über Mauterndorf hinweg in Richtung des markanten Berges Preber.
Achtung Luftraum: Östlich des Prebers lauert die unsichtbare Wand der MTMA Zeltweg (siehe Kapitel Sicherheit). Viele Piloten setzen ihren Wendepunkt exakt an die Grenze dieses Luftraums, um keinen Meter zu verschenken, aber auch keine Verletzung zu riskieren.
Schenkel 3: Der schwierige Rückweg (Südschenkel)
Der Weg zurück zum Aineck/Katschberg und dann zum Landeplatz ist oft der kniffligste Teil ("Crux").
Problem: Man muss vom Preber Richtung Südwesten queren. Der direkte Weg führt über das Tamsweger Becken oder an den Rand der Nockberge.
Tücke der Nockberge: Der Flug nach Süden in die Nockberge sieht auf der Karte verlockend aus, ist aber berüchtigt. Die Berge dort sind "runde Kuppen" (Nocken), an denen die Thermik oft unsauber abreißt und schwer zu zentrieren ist. Zudem ist es eine sehr waldreiche Gegend mit wenig Außenlandemöglichkeiten in den tief eingeschnittenen Tälern.
Lösung: Viele Piloten versuchen, nicht zu tief in die Nockberge einzudringen, sondern hangeln sich an den Randbergen zurück Richtung Aineck.
Pongau-Querung: An Tagen mit extrem hoher Basis (4.000m+) ist eine Querung nach Norden über den Alpenhauptkamm in den Pongau (Kleinarl/Wagrain) möglich. Das ist landschaftlich grandios, aber man verlässt den geschützten Bereich des Lungaus.
Steiermark-Connection: Wer die Freigabe für die MTMA Zeltweg hat (sehr selten) oder an Wochenenden fliegt, an denen sie inaktiv ist (unbedingt prüfen!), kann bis tief in die Steiermark Richtung Murau fliegen.
Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Diese Informationen stammen aus Foren-Diskussionen, lokalen Briefings und Fluganalysen und sind in keinem Standard-Reiseführer zu finden.
Du bist gestartet – wo fliegst du hin? Suchen ist Zeitverschwendung, wenn man die Trigger kennt :
Der "Peterbauerkreuz-Bart": Direkt südlich der Windfahne am Peterbauerkreuz löst fast immer eine Thermik ab. Das ist der "Fahrstuhl" nach oben. Oft muss man nur 50 Meter vorfliegen und eindrehen.
Der "Schlag": Etwas weiter südlich, neben der Piste, gibt es eine markante, abgeholzte Schneise (Schlag). Hier steht oft der stärkste und engste Bart, besonders am Vormittag, wenn die Sonne in die Schneise knallt.
Der "Sonnenbahn-Bart": Östlich der Bergstation der Sonnenbahn (über den Lawinenverbauungen) steht oft eine zuverlässige "Rettungsthermik", die man nutzen kann, wenn man am Peterbauerkreuz abgesoffen ist und tief "kratzen" muss. Sie ist oft etwas zerrissen, trägt aber zuverlässig wieder auf Startplatzhöhe.
Die "Tourist Trap" (Zu früh starten): Die Ostflanken gehen früh, aber die großen Hämmer an der Südseite brauchen Sonne und Einstrahlungswinkel. Wer im Frühjahr schon um 10:00 Uhr rausstartet, steht oft um 10:15 Uhr frustriert am Landeplatz, während die Locals erst um 11:00 Uhr auspacken und dann direkt auf 3.000m aufdrehen. Geduld ist am Speiereck eine Tugend.
Unterschätzung der Kälte: Auf 4.000m ist es auch im Juli eiskalt (-5°C bis -10°C sind möglich). Die Temperaturabnahme (Lapse Rate) ist in trockener Luft höher. Wer mit Sommerhandschuhen startet, wird den Flug abbrechen müssen. Beheizbare Handschuhe und Neopren-Überzieher für das Vario (Batterieschutz!) sind Standardausrüstung für Lungau-XC.
Lokale Piloten verlassen sich nicht auf Apps allein. Sie nutzen visuelle Bestätigung:
Webcam Peterbauerkreuz: Zeigt direkt den Windsack am Startplatz. Wenn der Windsack "steht", ist es oft schon zu stark zum Starten.
Holfuy Stationen: Es gibt private und öffentliche Windmessstationen am Berg, deren Daten oft über die DFC Lungau Website oder Holfuy-App abrufbar sind.
Ein guter Flugtag endet nicht mit der Landung. Das soziale Gefüge im Lungau ist herzlich, aber man muss wissen, wo man hingeht.
DFC Clubhaus: Direkt am Landeplatz St. Martin. Das ist der soziale Hub der Szene. Wenn Clubmitglieder da sind, ist die Hütte offen. Es gibt Getränke aus dem Kühlschrank (Kasse des Vertrauens) und oft wird spontan gegrillt. Hier erfährt man die wahren News des Tages.
Metzgerstub'n (St. Michael): Wer es deftiger mag, geht in die Metzgerstub'n. Solide Salzburger Hausmannskost, große Portionen, beliebt bei Einheimischen.
Freibad St. Michael ("Das Schlauchboot"): An heißen Sommertagen treffen sich Piloten oft im Bistro des Freibads zum Stammtisch. Es liegt strategisch günstig in der Nähe des Landeplatzes. Ein Sprung ins kühle Wasser nach einem 5-Stunden-Flug im Neoprenanzug ist unbezahlbar.
Camping: Wildcampen ist im Lungau streng verboten und wird kontrolliert (Naturschutzgebiet-Status in vielen Tälern). Man sollte offizielle Campingplätze nutzen, z.B. den Campingplatz in Mauterndorf, der sehr gut ausgestattet ist.
Fliegerfreundliche Pensionen: Viele Pensionen im Ortsteil St. Martin sind an Piloten gewöhnt. Eine Empfehlung ist, bei der Buchung explizit nach "Nähe Sonnenbahn Talstation" zu suchen, dann ist der Landeplatz fußläufig erreichbar, was das Logistik-Problem "Auto am Berg" entschärft.
Wenn am Speiereck der Wind nicht passt (z.B. zu starke Nordkomponente oder reine Westlage), weicht man oft auf das Aineck aus.
Lage: Gegenüberliegende Talseite (Katschberg).
Vorteil: Das Aineck ist ein sanfterer Grasberg und bietet Startplätze in fast alle Richtungen (auch Nord!).
Logistik: Auffahrt meist von der Katschberghöhe (Auto/Bus nötig) mit der Aineckbahn. Im Winter ein Traumgebiet, im Sommer oft ruhiger als das Speiereck.
Das Speiereck ist kein rechtsfreier Raum. Die Einhaltung dieser Regeln sichert nicht nur den Fortbestand des Fluggebiets, sondern auch das eigene Überleben.
Der Lungau ist von kritischen Lufträumen umzingelt. Eine Luftraumverletzung wird in Österreich rigoros verfolgt (Radarüberwachung!).
MTMA Zeltweg (LO Zeltweg):
Status: Militärische Kontrollzone für Eurofighter-Übungen.
Lage: Beginnt östlich des Preber (Grenze Salzburg/Steiermark).
Grenze: Vertikal bereits ab 2.286 m (7.500 ft) MSL!
Konsequenz: Wer hier ohne Freigabe einfliegt, riskiert nicht nur eine Anzeige, sondern Begegnungen mit Jets im Tiefflug. Absolutes Tabu für Streckenflieger Richtung Steiermark, wenn nicht aktiv freigegeben (Statusabfrage via Austro Control vor dem Flug zwingend!).
CTA C & CTA Glockner:
Der Luftraum C (kontrolliert, verkehrsreich) deckelt das Gebiet.
Standard: Ab FL 125 (ca. 3.810 m).
Ausnahme "CTA Glockner": In Teilen des Lungaus (z.B. hinteres Zederhaustal und Muhrtal) ist die Untergrenze angehoben auf 4.420 m. Das ist der "Secret Sauce", der die extremen Höhenflüge legal macht. Unbedingt aktuelle ICAO-Karte auf das Vario laden, um nicht versehentlich in den Airliner-Korridor zu steigen!.
Landevolte: Am Landeplatz St. Martin wird eine Linksvolte geflogen (Standard). Bei starkem Talwind (Ost) muss die Volte entsprechend angepasst werden (Vorhalten!).
Notfall & Kontakt:
Geländehalter: DFC Lungau (Obmann Michael Wieland).
Frequenz: Es gibt keine offizielle Club-Frequenz, aber viele lokale Piloten sind auf PMR Kanal 8 (oder den klassischen LPD Frequenzen) hörbereit.
SOS: Euro-Notruf 112. Alpin-Notruf 140. Da das Gebiet hochalpin ist, ist eine Bergrettungsversicherung obligatorisch.
Fazit
Das Speiereck ist ein "Must-Fly" für jeden ambitionierten Piloten in den Alpen. Es kombiniert die Infrastruktur eines modernen Skigebiets mit der wilden, ursprünglichen Aerologie der Zentralalpen. Es ist kein Anfängerberg für die ersten Allein-Flüge um 13:00 Uhr mittags, aber ein Paradies für jene, die ihr Handwerk verstehen. Wer den Katschberg-Wind respektiert, die Lufträume im Osten im Auge behält und sich warm anzieht, wird hier Flüge erleben, die tief im Gedächtnis bleiben – oft mit einem Blickwinkel von weit oberhalb der 3.500-Meter-Marke auf eine Welt aus Fels, Eis und tiefgrünen Tälern.
Fly safe, fly high!
Live-Kameras in der Nähe