
1 Startplatz, 1 Landeplatz
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Der Kirgel: Eine Aerodynamische und Topografische Monografie des Anspruchsvollen Odenwald-Klassikers
In der umfangreichen Kartei deutscher Gleitschirmgelände existieren Orte, die als "Schulungshänge" bekannt sind – weitläufig, fehlerverzeihend und oft überlaufen. Und dann gibt es jene verborgenen Juwelen, die in der offiziellen Geländedatenbank des DHV nur als unscheinbare Punkte erscheinen, in der Realität jedoch eine fliegerische Komplexität offenbaren, die den Piloten auf eine harte Probe stellt. Der Kirgel in Gaildorf (Baden-Württemberg) ist ein solches Gelände.
Der offizielle Datenbankeintrag liefert die nüchternen Fakten: 458 Meter Startplatzhöhe, Ausrichtung Nordost, Höhendifferenz 78 Meter. Doch diese Zahlen verschweigen die Essenz dieses Ortes. Sie erzählen nicht von der psychologischen Komponente des "Schneisenstarts", bei dem die Baumwipfel wie Wächter einer grünen Schlucht den Startkorridor begrenzen. Sie erfassen nicht die mikro-meteorologischen Besonderheiten des Kochertals, die diesen kleinen Hügel an guten Tagen in eine Rampe für stundenlanges thermisches Fliegen verwandeln. Und sie warnen nur abstrakt vor den Konsequenzen eines misslungenen Startlaufs in einem Gelände, das keine Auslaufzone bietet.
Dieser Bericht ist als umfassendes Kompendium konzipiert. Er richtet sich an den erfahrenen Piloten, der den Kirgel nicht als bloßen Abgleiter, sondern als technisches Projekt begreift. Wir werden die Aerodynamik der Waldschneise analysieren, die komplexen Luftraumstrukturen zwischen Schwäbisch Hall und Stuttgart entflechten und die logistischen Feinheiten des "Hike & Fly" im Limpurger Land beleuchten. Unser Ziel ist es, das offizielle "Briefing" nicht nur zu ergänzen, sondern durch tiefgreifende Analysen zu ersetzen, die Sicherheit und Performance maximieren.
Der Kirgel ist ein "Ehrlichkeits-Berg". Er verlangt präzises Groundhandling, ein tiefes Verständnis für Lee-Situationen und Demut vor der Natur. Wer hier startet, muss fliegen können. Im Gegenzug bietet er, fernab vom Massentourismus der Alpen, eine intensive, fast private Flugerfahrung über den Dächern des schwäbischen Waldes.
Um die fliegerischen Herausforderungen des Kirgels zu meistern, ist ein Verständnis seiner geografischen Einbettung unerlässlich. Wir befinden uns im Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald, spezifisch in den Limpurger Bergen, die das Kochertal flankieren. Diese Lage bestimmt das Windsystem und die thermische Entwicklung.
Der Startplatz thront oberhalb der Stadt Gaildorf (PLZ 74405), die als Zentrum des Limpurger Landes fungiert. Die genauen Koordinaten lauten:
Startplatz: N 48°59'38.74" E 9°45'30.48".
Landeplatz: N 48°59'37.65" E 9°45'45.35".
Betrachtet man diese Koordinaten auf einer topografischen Karte, offenbart sich eine entscheidende Information: Die horizontale Distanz zwischen Start und Landung ist extrem gering. Wir sprechen hier von einem steilen Gleitwinkel-Konus. Der Landeplatz liegt quasi "unter der Nase" des Berges. Mit einer Höhendifferenz von lediglich 78 Metern (Start 458 m NN, Landung 380 m NN) bleibt dem Piloten nach dem Start kaum Zeit für Entscheidungen.
Diese 78 Meter sind kein Sicherheitspolster; sie sind der "Trigger-Bereich". In diesem schmalen vertikalen Band muss der Pilot den Übergang vom dynamischen Hangaufwind in die thermische Ablösung finden. Gelingt dies nicht, befindet man sich fast unmittelbar in der Landeeinteilung. Die Topografie erlaubt keine Fehlerkorrekturen durch langes Abgleiten ins Tal, wie es an großen Alpenbergen möglich ist.
Die Ausrichtung des Startplatzes ist NO (Nordost). Das Kochertal verläuft hier grob von Südost nach Nordwest. Bei den klassischen Nordost-Wetterlagen (Bisen-Lage) fungiert das Tal als Kanal. Der Wind streicht das Tal hinauf und trifft auf die Flanken der Limpurger Berge. Der Kirgel ragt dabei als markante Nase hervor, was zu einer lokalen Kompression der Strömung führt.
Diese geografische Nase ist Fluch und Segen zugleich:
Segen: Sie bündelt den Wind und verstärkt den dynamischen Aufwindanteil, was trotz der geringen Höhe Soaring ermöglicht.
Fluch: Die seitlichen Flanken der Nase erzeugen bei nicht frontalem Wind (z.B. reiner Ostwind) ausgeprägte Leewirbel und Turbulenzen, die genau in den Abflugsektor der Schneise driften können.
Das dominierende Merkmal des Kirgels ist der Schneisenstart. Anders als auf einer freien Almwiese, wo der Wind laminar über den Boden streicht, wird die Luftmasse in der Schneise kanalisiert (Venturi-Effekt).
Düseneffekt: In der Mitte der Schneise kann die Windgeschwindigkeit höher sein als im freien Vorfeld.
Scherung: An den Rändern, wo die dichten Fichtenwälder stehen, ist die Luftströmung stark abgebremst. Zwischen der schnellen Luft in der Mitte und der stehenden Luft am Rand entstehen Scherschichten. Ein Schirm, der nicht exakt mittig aufgezogen wird, kann eine asymmetrische Anströmung erfahren – die linke Flächenhälfte fliegt in schnellerer Luft als die rechte, was zu einem sofortigen Ausbrechen oder Klapper in Bodennähe führt.
Wann funktioniert der Kirgel? Die pauschale Antwort "bei Nordostwind" ist für eine ernsthafte Flugplanung unzureichend. Die meteorologische Erfolgsquote am Kirgel hängt von einem sehr engen Fenster ab, das wir als "Goldlöckchen-Zone" bezeichnen können: Nicht zu stark, nicht zu schwach und exakt ausgerichtet.
Der Kirgel blüht auf bei stabilen Hochdruckrandlagen im Winter oder Frühjahr, wenn kontinentale Kaltluft aus Nordosten einfließt (Bise).
Windrichtung: Der tolerierbare Sektor ist schmal. Ideal sind 30° bis 60° (NNE bis ENE).
Dreht der Wind auf Nord (0°-20°), schiebt er sich oft parallel zum Hang, was wenig dynamischen Auftrieb erzeugt.
Dreht der Wind auf Ost (>70°), wird der Startplatz durch den östlich vorgelagerten Waldrücken abgeschattet oder liegt im Lee.
Windstärke:
< 10 km/h: Startbar, aber oft nur ein kurzer Abgleiter ("Sled Ride"). Der Laufstart in der steilen, unebenen Schneise erfordert gute Fitness.
10-15 km/h: Der "Sweet Spot". Der Schirm lässt sich kontrolliert aufziehen (evtl. rückwärts), der dynamische Aufwind trägt sofort nach dem Abheben.
> 20 km/h: Gefahrenzone. In der Schneise verstärkt sich der Wind. Das Risiko, nach dem Start "rückwärts einzuparken" (keine Vorwärtsfahrt über Grund) und in die Lee-Rotoren hinter den Baumwipfeln gedrückt zu werden, steigt exponentiell an.
Da der Kirgel selbst über keine breit publizierte Live-Wetterstation verfügt, nutzen Piloten oft die Station am Einkorn (Holfuy Station #737). Der Einkorn liegt nur ca. 6-8 km Luftlinie nördlich bei Schwäbisch Hall. Die Datenübertragung vom Einkorn auf den Kirgel erfordert jedoch Interpretation:
Höhenkorrektur: Die Station Einkorn misst auf ähnlicher Höhe, steht aber freier.
Vektor-Analyse:
Zeigt der Einkorn NO mit 12 km/h: Gute Chance für Kirgel.
Zeigt der Einkorn O (Ost): Warnung! Am Kirgel kommt dieser Wind oft als "falscher" Wind über die Kante oder ist böig.
Zeigt der Einkorn S oder SW: Dies ist die häufigste Windrichtung in der Region (Westwindzone). In diesem Fall ist der Kirgel absolut unfliegbar (Rückenwind/Lee). Die Station zeigt oft "S 183°" oder "WSW 244°" an , was Piloten sofort signalisieren muss: Heute kein Kirgel-Tag.
Böenfaktor: Wenn die Holfuy-Station am Einkorn Böen über 25 km/h anzeigt ("Gust 24", "Gust 27" ), ist der Start in der Kirgel-Schneise aufgrund der oben beschriebenen Düsenwirkung lebensgefährlich.
Das Kochertal ist thermisch durchaus potent. Die Ost- bis Nordost-Ausrichtung der Hänge bedeutet, dass die beste Zeit für Thermikflüge der späte Vormittag bis frühe Nachmittag ist. Die Sonne heizt die Hänge früh auf. Ab dem späten Nachmittag liegen Startplatz und Hang oft schon im Schatten, während West-Startplätze (wie der Einkorn) dann erst ihre volle Leistung entfalten. Ein besonderes Phänomen ist der Talwind im Kochertal. Da der Landeplatz tief im Tal liegt (380 m), kann hier ein ganz anderes Windregime herrschen als am Startplatz (458 m). Es ist nicht ungewöhnlich, oben bei leichtem NO zu starten und unten auf einen strammen Talwind aus West zu treffen. Ein Blick auf Windsäcke im Tal oder Rauchfahnen ist vor dem Start Pflicht.
Der DHV klassifiziert das Gelände als "Schwer". Diese Klassifizierung ist keine bürokratische Übervorsicht, sondern eine realistische Einschätzung der Fehlerintoleranz des Geländes.
Die Beschreibung "kaum breiter als eine Flügelspannweite" ist wörtlich zu nehmen. Ein moderner High-B oder C-Schirm hat eine ausgelegte Spannweite von 11 bis 13 Metern. Die Schneise lässt links und rechts oft nur wenige Meter Toleranz. Das Startgelände ist nicht nur eng, sondern auch uneben und von Vegetation (Wurzeln, kleineres Gestrüpp am Rand) geprägt. Dies erschwert den sauberen Laufimpuls, der für einen Vorwärtsstart nötig wäre.
Aufgrund der Enge und der Notwendigkeit absoluter Kontrolle bevorzugen lokale Experten fast ausschließlich den Rückwärtsstart, selbst bei schwachem Wind.
Visuelle Kontrolle: Nur beim Rückwärtsstart kann der Pilot während der Aufziehphase sehen, ob die Kappe symmetrisch steigt. Bricht der Schirm auch nur leicht zu einer Seite aus (Richtung Baumreihe), kann der Start im Ansatz abgebrochen werden.
Abbruch-Möglichkeit: Beim Vorwärtsstart bemerkt der Pilot eine Asymmetrie oft erst, wenn er bereits Zug auf den Leinen hat und läuft. In der engen Schneise führt eine Korrektur im Laufschritt oft direkt in die seitlichen Hindernisse.
Korrektur-Limit: Ist der Schirm einmal oben, darf kaum noch seitlich korrigiert werden. Jede Steuerbewegung, die den Schirm zur Seite neigt, bringt die Flügelspitze gefährlich nah an die Äste.
Empfehlung: Piloten, die den Rückwärtsstart bei wenig Wind (5-8 km/h) nicht sicher beherrschen, sollten den Kirgel meiden oder vorher auf einer offenen Wiese trainieren. Der Kirgel ist kein Übungsgelände.
Jeder Startplatz hat einen Entscheidungspunkt. Am Kirgel liegt dieser extrem früh. Sobald der Pilot die Kante der Schneise in Richtung Tal verlässt, gibt es kein Zurück mehr. Ein Startabbruch im unteren Drittel der Schneise endet unweigerlich im Unterholz oder in den Baumkronen unterhalb des Startplatzes. Die Entscheidung "Fliegen oder Stoppen" muss fallen, während man noch auf dem oberen Plateau steht.
Sobald der Boden unter den Füßen schwindet, beginnt ein taktischer Kampf gegen die Schwerkraft. Die geringe Höhendifferenz diktiert den Rhythmus.
Ein typischer Flug am Kirgel lässt sich in drei kritische Phasen unterteilen, die in Sekundenschnelle aufeinanderfolgen:
Die Exit-Phase: Nach dem Abheben aus der Schneise muss der Pilot sofort Geschwindigkeit aufnehmen (Hände hoch!), um sich vom Relief zu lösen und aus dem möglichen Rotorbereich der Baumkronen herauszufliegen. Hier "Höhe zu schinden" durch Anbremsen ist ein fataler Fehler, der zum Strömungsabriss oder zum "Absaufen" in die Bäume führen kann.
Die Such-Phase (Soaring-Band): Hat man die Baumwipfel sicher überflogen, befindet man sich im dynamischen Aufwindband vor dem Waldrücken. Dieses Band ist schmal. Man muss eng am Hang fliegen ("Kratzen"), um den Heber zu nutzen. Hier ist extreme Vorsicht geboten:
Verkehr: Bei mehr als zwei oder drei Schirmen in der Luft wird das Ausweichen schwierig. Die Hangflugregel (Hang rechts vor links) ist überlebenswichtig.
Turbulenz: Da der Wind durch die Vegetation am Boden gebremst wird, ist der Aufwind oft turbulent durchsetzt.
Die Thermik-Phase: Der "Hausbart" steht oft nicht direkt vor der Schneise, sondern leicht versetzt an kleinen Geländekanten oder dort, wo die Sonneneinstrahlung den Waldrand am effektivsten erwärmt. Findet man diesen Bart, kann man die 78 Meter Arbeitshöhe schnell in 500 Meter Basishöhe verwandeln. Verpasst man ihn, folgt Phase 4.
Die Lande-Phase: Ohne Aufwind ist der Flug zum Landeplatz in weniger als 60 Sekunden vorbei. Da die Strecke kurz ist, muss die Landeeinteilung (Position, Gegenanflug, Queranflug) mental bereits vor dem Start geplant sein. Es bleibt keine Zeit, um die Windrichtung im Tal erst während des Fluges zu suchen.
Daten-Einblick: Obwohl ein Höhenprofil-Diagramm an dieser Stelle technisch aufschlussreich wäre, lässt sich die Situation verbal prägnanter zusammenfassen: Der Gleitwinkel des Geländes liegt oft nah am Gleitwinkel moderner Schirme. Bei Gegenwind (NO) verschlechtert sich der Gleitwinkel über Grund drastisch. Man hat oft den Eindruck, man würde "auf der Stelle" sinken, bis man den Landeplatz erreicht. Dies erfordert ein aktives Flugstil-Management (Beschleunigereinsatz bei Bedarf), um nicht vor dem Landeplatz "auszuhungern".
Der Luftraum über Süddeutschland ist komplex und dicht gestaffelt. Der Kirgel bildet hier keine Ausnahme und liegt in einer Zone, die höchste Aufmerksamkeit erfordert.
Nur wenige Kilometer nördlich des Kirgels liegt der Verkehrslandeplatz Schwäbisch Hall-Hessental (EDTY) sowie das Segelfluggelände Weckrieden (EDTX).
Gefahrenpotential: Auch wenn der Kirgel knapp südlich der direkten Anflugschneisen liegen mag, ist der Luftraumfrequenz hoch. IFR-Verkehr (Instrumentenflug) und VFR-Verkehr (Sichtflug) nutzen den Raum intensiv.
Neue Regelungen 2024: Mit den Nachrichten für Luftfahrer (NfL) 2024-1-3178 wurden die Regeln für EDTY verschärft. Parallele Startvorgänge sind untersagt, und es gelten spezifische Sektoren für den Segelflug. Für Gleitschirmflieger bedeutet dies:
Absolute Meidung des nördlichen Sektors: Flüge vom Kirgel Richtung Norden (Richtung Schwäbisch Hall) sind tabu, um nicht in Konflikt mit dem An- und Abflugverkehr von EDTY zu geraten.
Funkdisziplin: Wer ein Flugfunkgerät besitzt (und die Lizenz dazu), sollte die Frequenz von EDTY/Weckrieden (meist Info-Frequenz) mithören, um ein Situationsbewusstsein für startende Segelflieger oder anfliegende Business-Jets zu entwickeln.
Südlich und westlich von Gaildorf beginnt der Deckel des Stuttgarter Flughafens (EDDS).
Luftraum C/D: Der Luftraum C von Stuttgart senkt sich stufenweise ab. Bei Streckenflügen vom Kirgel Richtung Westen (Löwensteiner Berge) stößt man unweigerlich an diese Grenzen.
Sektor Alb Nord: Die Deutsche Flugsicherung (DFS) richtet teilweise flexible Sektoren wie "Alb Nord" ein, die Segelfliegern Höhenfreigaben bis FL 60 oder höher ermöglichen. Diese Sektoren werden oft per ATIS oder Funk aktiviert. Da Gleitschirmflieger oft nicht über die technische Ausstattung verfügen, um diese Aktivierung live zu verifizieren, gilt der Grundsatz: Bleib unter dem Deckel. Die ICAO-Karte ist die Bibel. Eine Verletzung des Luftraums C oder D in der Nähe eines internationalen Flughafens wie Stuttgart zieht nicht nur empfindliche Strafen nach sich, sondern gefährdet die gesamte Sportart in der Region.
Transponder-Pflicht? Zwar besteht für Gleitschirme in den meisten Zonen unterhalb der C-Grenze keine Transponderpflicht, aber aufgrund des hohen Aufkommens an schnellem Mischverkehr ist der Einsatz von FLARM oder Fanet+ dringend angeraten. Es erhöht die Sichtbarkeit für Segelflieger enorm.
Der Startplatz ist kein öffentlicher Park, sondern ein zugelassenes Gelände, das von lokalen Vereinen und Haltern gepflegt wird. In den Snippets taucht Markus Dörr und die Gemeinschaft "Paragliding Kochertal" als zentraler Ansprechpartner auf.
Einweisungspflicht: Die Datenbanken betonen unisono: "1-sitzig mit Einweisung". Dies ist keine Floskel. Aufgrund der oben beschriebenen Schneisen-Problematik ist eine Erst-Einweisung durch einen Geländekundigen zwingend vorgeschrieben. Ein "Wild-Start" ohne Kontakt zu den Locals ist nicht nur unhöflich, sondern verstößt gegen die Auflagen der Geländezulassung.
Tandem: Tandemflüge sind theoretisch möglich (Gleitschirm zugelassen), aber Drachenflieger (Hängegleiter) sind explizit ausgeschlossen ("Nein"). Die enge Schneise macht einen Drachenstart (langer, starrer Flügel) physikalisch fast unmöglich und extrem gefährlich.
Im Gegensatz zu den komfortablen Bergbahn-Gebieten der Alpen muss (oder darf) man sich den Kirgel erarbeiten. Er ist ein klassisches "Hike & Fly"-Gelände, was ihn vor Überfüllung schützt.
Die Anfahrt direkt an den Startplatz mit dem PKW ist für Gastpiloten in der Regel nicht gestattet (Forstwege, Naturschutz).
Der korrekte Startpunkt: Nutzen Sie den offiziellen Wanderparkplatz "Kirgel". Von hier aus beginnt der Aufstieg.
ÖPNV-Option: Für umweltbewusste Piloten bietet sich der Bahnhof Gaildorf West an. Von dort führt ein Zubringerweg (ca. 1,2 km) zum Wanderwegenetz. Dies macht den Kirgel zu einem der wenigen Gelände, die gut per "Rail & Fly" erreichbar sind – ein Trend, der in der Szene immer wichtiger wird.
Der Weg zum Startplatz ist Teil des zertifizierten Premiumwanderwegs "Kirgel Ausblicke".
Dauer: Mit Gleitschirmgepäck (15-20 kg) sollte man ca. 20 bis 30 Minuten für den Aufstieg einplanen.
Charakter: Der Weg ist gut befestigt und führt durch schattigen Wald, was den Aufstieg im Sommer angenehm macht.
Infrastruktur am Gipfel: Oben angekommen, trifft man auf den Kernerturm. Dieser 1902 zu Ehren des Dichters Theobald Kerner erbaute Holzturm ist nicht nur ein historisches Denkmal, sondern ein funktionales Tool für Piloten.
Wind-Check: Der Turm überragt die Baumwipfel. Ein Blick auf die Fahnen am Turm oder die Bewegung der Baumkronen aus der Turmperspektive liefert wertvollere Informationen über die wahre Windrichtung als der Standpunkt in der geschützten Schneise.
Familientauglichkeit: Sollte die Familie als "Bodencrew" dabei sein, bietet der Bereich um den Turm einen Grill- und Spielplatz sowie Sitzgelegenheiten.
Nicht jeder Schirm passt zum Kirgel. Basierend auf der Analyse der Startbedingungen ergeben sich klare Empfehlungen:
Schirm-Klasse: High-End-Streckenschirme (Zweileiner, High-C/D) mit sehr hoher Streckung sind in der engen Schneise nachteilig. Ihre große Spannweite reduziert den Sicherheitsabstand zu den Bäumen, und ihr oft anspruchsvolles Startverhalten (Tendenz zum "Schießen" oder "Hängenbleiben") verträgt sich schlecht mit den turbulenten Rändern der Schneise. Ein agiler B-Schirm oder ein gutmütiger C-Schirm ist hier oft die bessere, stressfreiere Wahl.
Gurtzeug: Ein leichtes Sitzgurtzeug oder ein Hike&Fly-Wendegurtzeug ist ideal für den Aufstieg. Dicke, schwere Wettkampfgurtzeuge behindern beim Laufstart im unebenen Gelände.
Mini-Wings: Für Starkwindtage (wenn der Wind für normale Schirme am oberen Limit von 15-20 km/h ist) können erfahrene Piloten Mini-Wings nutzen. Ihre kleine Fläche und hohe Flächenbelastung machen sie weniger anfällig für Turbulenzen in der Schneise und erleichtern das Handling am Boden enorm.
Ein guter Pilot hat immer einen Plan B. Das Limpurger Land bietet Alternativen, die sich meteorologisch oft perfekt mit dem Kirgel ergänzen.
Gelände Ausrichtung Charakter & Vergleich zum Kirgel Entfernung (Luftlinie) Einkorn (Schwäbisch Hall) West / SW
Der "große Bruder". Weitläufiger Startplatz, Top-Lande-Möglichkeit. Ergänzt den Kirgel perfekt: Wenn Kirgel (NO) Rückenwind hat, geht oft der Einkorn (W/SW) und umgekehrt. Häufiger frequentiert.
~8 km Nord Melibokus (Odenwald) West
Ein Drachen-Klassiker, aber extrem anspruchsvoll. Die Rampe ist für Gleitschirme oft problematisch oder nur für Drachen zugelassen. Landschaftlich ähnlich (Waldberg), aber weit entfernt.
~60 km West Oppenau (Schwarzwald) Diverse
Wenn im Limpurger Land thermisch nichts geht, bietet der Schwarzwald mit seinen großen Höhendifferenzen oft die einzige Alternative für ausgedehnte Flüge.
>80 km Südwest
Strategisches Fazit: Befinden Sie sich in Gaildorf und der Wind kommt aus West, fahren Sie zum Einkorn. Kommt er aus Nordost, bleiben Sie am Kirgel. Kommt er aus Süd, gehen Sie wandern – oder besuchen Sie die Gastronomie.
Nach einem erfolgreichen Flugtag oder einer Wanderung bietet Gaildorf eine solide Infrastruktur zur Entspannung.
Altes Bräuhaus: Direkt in Gaildorf gelegen, bietet dieses Restaurant schwäbische und ungarische Küche. Es ist ein beliebter Treffpunkt, um bei einem "Lande-Bier" die Flüge zu analysieren oder sich nach dem Wandern zu stärken.
Kernerturm Kiosk: An Sonntagen und Feiertagen von Ostern bis Ende Oktober ist der Kernerturm bewirtschaftet. Es gibt kaum einen schöneren Ort, um bei Kaffee und Kuchen den anderen Piloten beim Starten zuzusehen.
Der Kirgel ist kein Flugberg für die Massen. Er ist ein technisches Biotop für Piloten, die das Handwerk des Gleitschirmfliegens in all seinen Facetten beherrschen wollen: Meteorologie-Verständnis, präzises Groundhandling, Luftraum-Disziplin und die körperliche Komponente des Aufstiegs.
Wer hier fliegt, sucht nicht den einfachen Lift ins Glück, sondern die Befriedigung, eine komplexe Aufgabe gelöst zu haben. Die enge Schneise filtert die Piloten auf natürliche Weise. Wer sie meistert, wird mit einem Flugerlebnis belohnt, das durch die Nähe zur Natur und die Ruhe des Limpurger Waldes besticht. Wer jedoch unvorbereitet oder mit mangelnder Demut an den Start geht, wird schnell die Grenzen der Physik – in Form von Bäumen oder fehlendem Auftrieb – kennenlernen.
Nutzen Sie die Einweisung durch die Locals, respektieren Sie die Lufträume von EDTY und genießen Sie dieses Kleinod des Odenwalds mit Verantwortung.
Hinweis: Alle Angaben zu Lufträumen, Kontaktdaten und rechtlichen Bedingungen spiegeln den Recherchestand zum Zeitpunkt der Erstellung wider. Vor jedem Flug ist eine Prüfung der aktuellen NOTAMs, Wetterberichte und der Infotafeln vor Ort obligatorisch.