
1 Startplatz, 2 Landeplatzätze
Ausführliche Recherche und lokales Wissen
Der Walensee-Wächter: Ein umfassendes Kompendium zum Fluggebiet Kerenzerberg & Nüenchamm Vorwort: Das unterschätzte Juwel der Ostschweiz
In der kollektiven Wahrnehmung der Schweizer Gleitschirmszene fristet der Kerenzerberg oft ein Dasein als "Familienfluggebiet" oder "Abgleiter-Berg". Wer am Startplatz Habergschwänd steht und den Blick über den türkisblauen Walensee schweifen lässt, mag tatsächlich dazu verleitet werden, hier nur einen gemütlichen, zehnminütigen Gleitflug zu erwarten. Doch dieser erste Eindruck täuscht gewaltig. Für den analytischen Piloten, der die Aerologie zu lesen vermag, offenbart sich der Kerenzerberg als eines der komplexesten und faszinierendsten Fluggebiete der Voralpen. Es ist ein Ort der Gegensätze: Hier trifft die brutale Thermik der Churfirsten-Südwände auf die laminare Ruhe des abendlichen "Magic Lift"; hier konkurriert der friedliche Genussflieger mit den harten Luftraumbeschränkungen eines aktiven Militärflugplatzes.
Dieser Bericht, verfasst aus der Perspektive eines Flugveteranen und Reisejournalisten, dient nicht bloß als Informationssammlung. Er ist eine operative Doktrin für den Kerenzerberg. Wir werden die Mechanismen der berüchtigten "Taldüse" dekonstruieren, die taktischen Feinheiten des Streckenflugs im Glarnerland analysieren und die logistischen Geheimtipps offenlegen, die in keinem offiziellen DHV- oder SHV-Eintrag zu finden sind. Wir verlassen die Oberfläche der Datenbanken und tauchen tief in die Realität des Fliegens über dem Walensee ein.
Kapitel 1: Aerologische Anatomie und Mikroklimatologie
Das Verständnis der Luftmassenbewegung am Kerenzerberg erfordert weit mehr als den obligatorischen Blick auf das Meteogramm. Man muss die Topographie als hydraulisches System begreifen, in dem Luftmassen wie Wasser durch Engpässe gepresst, gestaut und beschleunigt werden. Der Walensee fungiert hierbei als riesiges Reservoir, das Linthtal als Abflusskanal.
Das definierende Merkmal dieser Region ist zweifellos das Talwindsystem, lokal oft ehrfürchtig oder fluchend als "Düse" bezeichnet. Die Topographie wirkt wie eine gigantische Venturi-Düse. Der Talboden, der den Walensee mit der Region Zürichsee verbindet, verengt sich dramatisch bei Weesen und Ziegelbrücke.
Wenn sich das Glarner Hinterland – insbesondere die massiven Felswände um den Tödi und den Glärnisch – im Laufe des Tages aufheizt, entsteht ein massiver Unterdruck, der Luftmassen aus dem offenen Flachland (Zürcher Oberland, Rheintal) ansaugt. Diese Luftmassen werden durch den Engpass zwischen dem Kerenzerberg und den gegenüberliegenden Hängen bei Weesen kanalisiert und signifikant beschleunigt.
Für den Piloten hat dies weitreichende Konsequenzen, die über Leben und Tod entscheiden können. Die Windgeschwindigkeit am Landeplatz Mollis (445 m ü. M.) oder in der Linthebene kann signifikant höher sein als am Startplatz Habergschwänd (1280 m ü. M.). Es ist ein klassisches Szenario: Oben am Startplatz weht eine sanfte Brise von 10 bis 15 km/h, die perfekte Bedingungen suggeriert. Doch 800 Meter tiefer, im Talboden, fräst der Talwind mit 30 bis 40 km/h durch die Schneise. Piloten, die diesen Gradienten unterschätzen, finden sich im Landeanflug plötzlich im Rückwärtsflug wieder.
Datenquellen warnen explizit vor dem "Jet-Effekt" zwischen Niederurnen und Weesen. Dieser Wind weht nicht konstant; er pulsiert. Er bildet Scherungsschichten (Shear Layers) aus, an denen die turbulente Durchmischung extrem sein kann. Wer hier in die Talmitte gerät, muss den Beschleuniger (Speedsystem) nicht nur montiert haben, sondern ihn auch aggressiv und präzise einsetzen können.
Der Kerenzerberg nimmt in der Ostschweiz eine Sonderstellung ein, wenn es um die "Bise" geht. Während viele Fluggebiete bei diesem kalten, trockenen Nordostwind unfliegbar oder turbulent werden (da die Bise oft "falsch" zum Hang steht oder Inversionen deckelt), blüht der Kerenzerberg regelrecht auf.
Die geographische Ausrichtung des Kerenzerberg-Rückens verläuft grob von Ost nach West. Die Bise, die über den Walensee heranströmt, trifft in einem fast idealen Winkel auf den Hangfuß und das Plateau. Im Gegensatz zu thermischen Situationen, die oft zyklisch sind, erzeugt die Bise hier ein konstantes, laminares Aufwindband. In solchen Lagen verwandelt sich der Berg in eine "Soaring-Autobahn". Piloten können oft stundenlang zwischen 700 m und 1600 m Höhe patrouillieren, ohne einen einzigen Kreis drehen zu müssen.
Doch Vorsicht ist geboten: Die Bise ist tückisch. Während die Luv-Seite (die dem See zugewandte Seite) laminares Steigen bietet, verwandelt sich das Hinterland – also die Südseite des Rückens Richtung Glarnerland – in eine Lee-Falle. Wer bei starker Bise über den Grat ins Glarnerland vorstößt, fliegt in eine Zone "toten Wassers" oder schlimmer, in brutale Rotoren, die von den Kanten des Nüenchamm und des Fronalpstocks abreißen. Die goldene Regel lautet: Bei Bise bleibt man "vorne" am See.
Die Thermik am Kerenzerberg ist subtiler als in den hochalpinen Rennstrecken wie Fiesch oder Davos. Wir sprechen hier nicht von einer "Thermikfabrik", die im Minutentakt 6 m/s-Schläuche ausspuckt, sondern von einem komplexen Zusammenspiel aus Talwindanströmung und Sonneneinstrahlung.
Der "Hausbart", also die verlässlichste Thermikquelle, befindet sich oft an der Waldkante rechts vom Startplatz (Blickrichtung Tal) sowie direkt oberhalb der Kerenzerbergstraße. Hier löst sich die Warmluft ab, die über den bewaldeten Flanken und den Asphaltbändern generiert wurde. An sonnigen Tagen trifft der Talwind senkrecht auf das Plateau, was ein breites Aufwindband erzeugt.
Ein besonderes Highlight ist der "Feierabendflug". Im späten Frühling und Sommer, meist nach 16:00 oder 17:00 Uhr, beruhigt sich die aggressive Tagesthermik. Die Felswände der Churfirsten auf der gegenüberliegenden Seeseite und das Plateau selbst geben die gespeicherte Wärme ab (Restitution). Zusammen mit dem sich stabilisierenden Talwind entsteht ein Phänomen, das Locals als "laminares Wunder" bezeichnen. In dieser Phase ist die Luft seidenweich, das Steigen großflächig und sanft. Es ist die Zeit, in der man den Alltag vergisst und einfach nur "oben bleibt", oft bis zum Sonnenuntergang.
Kapitel 2: Infrastruktur und Logistik – Der Weg zur Basis
Der Kerenzerberg ist kein wildes Biwak-Gelände, sondern eine touristisch teilerschlossene Region. Eine effiziente Logistik ist der Schlüssel zu einem entspannten Flugtag, denn wer hier Fehler macht, verbringt mehr Zeit im Bus als in der Luft.
Das operative Zentrum ist das Dorf Filzbach. Die Anreise mit dem öffentlichen Verkehr ist in der Schweiz meist die bevorzugte Variante, und das gilt auch hier – mit einem entscheidenden Insider-Tipp. Die Standardroute führt mit der SBB bis Näfels-Mollis oder Mühlehorn und von dort mit dem Postauto hinauf nach Filzbach. Doch der erfahrene Pilot steigt nicht an der Endstation oder der Talstation der Bahn aus. Der Geheimtipp ist die Haltestelle "Chappellenstutz". Von hier aus führt der "Hansaweg" in einem kurzen Fußmarsch direkt an den unteren Startplätzen vorbei und spart den Umweg über das Dorfzentrum, wenn man zu Fuß unterwegs ist oder die unteren Startplätze nutzen möchte.
Wer mit dem Auto anreist, nutzt die A3 (Zürich-Chur) und nimmt die Ausfahrt Mühlehorn oder Niederurnen. Parkplätze befinden sich an der Talstation der Sportbahnen Kerenzerberg (Talalpstrasse 15, Filzbach). Es ist essenziell zu beachten, dass an den Landeplätzen – insbesondere am Landeplatz Schweigmatten – absolutes Parkverbot herrscht. Wer sein Auto dort abstellt, riskiert nicht nur eine Buße, sondern gefährdet die Pachtverträge des Clubs.
Das Rückgrat der Aufstiegshilfe ist die Sesselbahn von Filzbach nach Habergschwänd. Piloten sollten ihre Erwartungen an Hochgeschwindigkeitstransport dämpfen. Es handelt sich um eine fix geklemmte Sesselbahn älterer Bauart – gemütlich, aber langsam.
Betriebszeiten:
Sommer: Täglich von Ende Mai bis Anfang November (ca. 09:00 – 16:30/17:30 Uhr).
Winter: Dezember bis März (09:00 – 16:00 Uhr).
Tipp: Nutzen Sie die lange Fahrzeit zur Wetterbeobachtung. Achten Sie auf Blattbewegungen in den Baumwipfeln unter Ihnen, um Windscherungen oder die Stärke des Talwinds frühzeitig zu erkennen.
Kostenstruktur (Stand 2026):
Einzelfahrt Erwachsen: CHF 13.00.
Retourfahrt: CHF 22.50.
Tageskarte: CHF 35.00.
Wichtig: Als Privatbahn werden hier GA (Generalabonnement) und Halbtax-Abo NICHT akzeptiert. Dies ist eine Kostenfalle für viele Schweizer Piloten, die es gewohnt sind, überall zum halben Preis zu fahren.
Materialtransport: Gleitschirme werden transportiert. Zwar gibt es keine explizite "Gleitschirm-Karte", aber für Piloten mit normalem Rucksack reicht in der Regel das Personenticket. Wer schweres Gepäck oder Deltas transportiert, muss mit Materialzuschlägen rechnen (ab CHF 15.00 für Materialtransporte).
Kapitel 3: Die Startplätze – Eine granulare Analyse
Der Begriff "Startplatz Kerenzerberg" ist eine unzulässige Vereinfachung. In Realität handelt es sich um ein Cluster von Startmöglichkeiten, die von der einfachen Wiese bis zum hochalpinen Grat reichen. Die Wahl des richtigen Startplatzes entscheidet über den Flugverlauf.
Höhe: ca. 1280 m (nahe Bergstation) / 743 m (unterer Start).
Charakter: Dies ist der "Brot-und-Butter"-Startplatz, direkt erreichbar mit der Sesselbahn.
Schwierigkeit: Einfach bis Mittel.
Die "Abgleiter"-Option: Von der Bergstation aus bietet sich ein entspannter Gleitflug von etwa 10 bis 15 Minuten hinunter nach Filzbach an. Dies ist ideal für Flugschüler, Tandempiloten oder für den letzten Flug des Tages.
Gefahrenanalyse:
Hochspannungsleitungen: Der Hang zwischen Habergschwänd und Filzbach ist von mehreren Hochspannungsleitungen durchzogen. Diese Kabel sind gegen den dunklen Waldhintergrund oft nahezu unsichtbar. Die eiserne Regel lautet: Lokalisieren Sie die Masten VOR dem Start. Fliegen Sie niemals "auf gut Glück" zwischen Masten hindurch, ohne den Durchhang der Kabel visuell bestätigt zu haben.
Vegetation: Das Gelände unterhalb des Starts ist teilweise verbuscht. Ein abgebrochener Startlauf führt hier schnell zu einer mühsamen Bergungsaktion aus dornigem Gestrüpp.
Höhe: 1903 m ü. M.
Zugang: Hike & Fly ab Habergschwänd (ca. 1 Stunde 20 Minuten Gehzeit).
Ausrichtung: Süd / Süd-West.
Charakter: Der Nüenchamm ist ein "Ur-Ort" der Glarner Gleitschirmszene. Er repräsentiert die ursprüngliche Form des Fliegens – man muss sich den Start erarbeiten.
Schwierigkeitsgrad: Hoch. Die Gipfelwiese wird in Pilotenberichten als "ausgesprochen holperig und steil" beschrieben. Ein sauberer Vorwärtsstart oder ein perfekt beherrschter Rückwärtsstart ist Pflicht. Es gibt hier keinen Platz für Startabbruch-Experimente.
Taktische Relevanz: Dieser Startplatz ist das Tor zum Glarnerland. Wer hier startet, hat die Höhe, um Richtung Mollis und Fronalpstock zu queren. Aber Vorsicht: Ein Start nach Süden bringt Sie potenziell in das Lee des Talwinds, wenn unten die "Düse" aktiv ist. Zudem befinden Sie sich hier in unmittelbarer Nähe zur Obergrenze oder den seitlichen Begrenzungen der CTR Mollis. Höhenmesser-Check ist obligatorisch.
Mittelstafel (1398 m): Gelegen auf halber Höhe des Rückens.
Strategie: Dies ist oft der beste Ort, um den "Aufwind" zu erwischen, der vor dem Kerenzerberg steht. Hier lösen sich die Thermiken vom Waldgürtel.
Luftraumbeobachtung: In diesem Höhenband tummeln sich oft Segelflugzeuge, die vom Flugplatz Mollis starten. Sie kurbeln hier nicht zum Spaß, sondern weil hier das Steigen steht. Nutzen Sie die Segelflieger als Thermik-Anzeiger, aber respektieren Sie deren höhere Geschwindigkeit und eingeschränkte Sicht.
Stöckli (1700 m): Ein steiler Weststart im Aufstieg zum Gipfel.
Terrain: Das Gelände ist stufenartig und uneben ("holperig"). Nichts für Anfänger.
Höhe: 680 m.
Schwierigkeit: Schwer.
Besonderheit: Ein tiefer Startplatz für Locals, die die Mikro-Strömungen kennen. Die ersten 200 Meter Flugweg Richtung Nord-Nordwest sind berüchtigt für ihre Turbulenz, verursacht durch Seitenwindkomponenten und die Geländerauigkeit. Wer diese Zone jedoch durchstößt, findet oft ein "todsicheres" Steigen.
Kapitel 4: Die Landung – Präzision und Disziplin
Die Landung im Raum Walensee/Glarnerland duldet keine Nachlässigkeit. Enge Platzverhältnisse, strikte Luftraumsperren und starke Winde machen die Landeeinteilung zur vielleicht anspruchsvollsten Phase des Fluges.
Koordinaten: 47.078°N, 9.065°O.
Höhe: 445 m.
Status: Militärflugplatz mit ziviler Mitbenutzung.
Der Landeplatz Mollis ist riesig, aber er ist kein Spielplatz. Hier gelten militärische Protokolle. Die Existenzberechtigung für Gleitschirmflieger hängt an der strikten Einhaltung der Vereinbarungen zwischen dem Flugplatzkommando und dem GKG (Gleitschirmklub Glarnerland).
Die goldenen Regeln von Mollis:
Die Blaue Zone & 900m Deckel: Der Anflug auf den Landeplatz muss zwingend unterhalb von 900 m ü. M. erfolgen. Wer höher ankommt, verletzt den Anflugsektor der Flächenflieger. Bauen Sie Höhe vorher ab, nicht über dem Platz.
Pisten-Tabu: Überfliegen Sie NIEMALS die asphaltierte Piste oder deren verlängerte Achse. Dies ist die Todsünde in Mollis. Ein einziger Verstoß kann zur sofortigen Sperrung für alle führen.
Volte: Standard ist die Rechtsvolte (bei Talwind). Sollte Bergwind herrschen (selten an fliegbaren Tagen), gilt Linksvolte.
Landegebühr: Es gibt eine Gebühr von CHF 2.00, zu entrichten am Hangar/Kiosk westlich des Landeplatzes. Mitglieder des GKG oder Inhaber einer Landeplatzkarte sind befreit. Ehrlichkeit währt hier am längsten – Kontrollen finden statt.
Groundhandling-Verbot: Während der Vegetationsperiode (15. März bis 15. November) ist Aufziehübung auf der Wiese strikt verboten. Die Bauern tolerieren Landungen, aber kein stundenlanges "Gras-Platt-Treten".
Höhe: 430 m.
Lage: In der Linthebene, nahe dem Linthkanal.
Logistik: Eine gemähte Wiese mit Windsack. Wichtig: Absolutes Parkverbot (Fahrverbot). Man landet hier, packt zusammen und läuft zur nächsten ÖV-Haltestelle. Es gibt keinen "Pick-up"-Service mit dem Privatwagen am Feldrand.
Taktik: Der Anflug ist einfach, aber der Talwind kann hier ungebremst durchblasen. Suchen Sie sich für die Landung das Gebiet mit dem niedrigsten Gras.
Wer davon träumt, nach dem Flug wieder oben beim Auto in Habergschwänd zu landen, muss enttäuscht werden. Generell gilt auf dem Kerenzerberg ein Toplandeverbot. Die lokalen Landwirte dulden keine Landungen in den Futterwiesen während der Vegetationszeit.
Die Ausnahme: Im Winter, wenn eine geschlossene Schneedecke liegt, wird das Toplanden toleriert. In allen anderen Jahreszeiten: Fliegen Sie ins Tal.
Kapitel 5: Luftraum und Regularien – Der Mollis-Faktor
Der Luftraum um den Kerenzerberg ist ein Flickenteppich aus zivilen Freiheiten und militärischen Restriktionen. Das Zentrum dieses Systems ist die CTR (Control Zone) und TMA (Terminal Maneuvering Area) Mollis.
Die CTR Mollis ist nicht permanent aktiv. Sie wird aktiviert, wenn militärischer Flugbetrieb (z.B. Super Puma Helikopter oder PC-7 Trainings) stattfindet.
Die Informationspflicht: Vor jedem Flugtag ist der Blick in das DABS (Daily Airspace Bulletin Switzerland) obligatorisch. Ist die CTR oder die LSR (Luftraumsperrgebiet) aktiv, gelten drastische Einschränkungen.
Der "Zivil-Deal": Auch wenn kein militärischer Betrieb herrscht (MIL OFF), gelten Vereinbarungen, um Gleitschirme vom zivilen Flugverkehr (Motorflugzeuge, Segelflieger) zu trennen. Dazu gehören die bereits erwähnten Höhenbeschränkungen im Anflugsektor (Blauer Sektor) und Mindesthöhen in anderen Bereichen (Gelber Sektor: min. 1047 m ü. M.).
Kapitel 6: Flugtaktik und Streckenflug-Potenzial
In vielen Datenbanken wird der Kerenzerberg als "Streckenflug: Nein" geführt. Diese Kategorisierung ist irreführend und wird der Realität nicht gerecht. Zwar ist es kein klassischer Ausgangspunkt für 200km-Dreiecke wie Fiesch, aber für lokale Streckenflüge und technisch anspruchsvolle Querungen ist es ein exzellentes Sprungbrett.
Vom Nüenchamm oder einer guten Höhe über Habergschwänd ist der Weg nach Süden offen.
Die Route: Start am Nüenchamm -> Querung zum Mullerenberg -> Weiterflug zum Fronalpstock.
Die Krux: Der Übergang über den Talkessel von Mollis/Netstal. Hier müssen Sie genug Höhe haben, um den Venturi-Effekt des Talwinds sicher zu überqueren, dürfen aber gleichzeitig nicht in den Deckel der TMA/CTR Mollis stoßen. Es ist ein Flug im "Sandwich" zwischen Gelände und Luftraumgrenze.
Der Blick über den See zu den majestätischen Churfirsten (Chäserrugg, Hinterrugg) weckt Begehrlichkeiten. Eine Querung ist der Traum vieler Piloten.
Warnung: Dies ist ein Unterfangen für Experten mit SIV-Erfahrung und perfekter Einschätzung der Gleitzahl. Der See ist breit, und die Südwände der Churfirsten fallen fast senkrecht ins Wasser ab.
Das Risiko: Sollten Sie "absaufen" (Höhe verlieren) und den Anschluss an die Thermik auf der Gegenseite verpassen, gibt es am Nordufer des Walensees keine Landemöglichkeiten. Eine Wasserlandung im kalten Walensee, direkt vor einer Felswand, ist lebensgefährlich. Es gibt keine Uferzonen zum rauskrabbeln. Daher wird diese Querung meist nur mit massiver Überhöhung und bei absolut zuverlässiger Thermik gewagt.
Die häufigste und vielleicht schönste Art, den Kerenzerberg zu nutzen, ist das Soaring. Bei Bise oder abendlichem Talwind können Sie entlang der Kante vom Startplatz Richtung Osten bis fast nach Mühlehorn und zurück pendeln.
Tipp: Achten Sie auf die Waldkanten. Oft trägt es direkt über den Baumwipfeln am besten ("Thermik-Teppich"). Aber halten Sie immer einen Sicherheitsabstand für den Fall eines Kappers ("Klappers").
Kapitel 7: Jenseits des Fliegens – Kultur und Alternativen
Sollte der Wind zu stark sein oder die Familie mitreisen, bietet der Kerenzerberg mehr als nur Wartezeit.
Der GKG ist die Seele des Fluggebiets. Mit über 185 Mitgliedern ist er einer der großen Clubs der Ostschweiz. Die Arbeit des Clubs – Pachtverträge, Windsäcke, Verhandlungen mit dem Flugplatz – ermöglicht erst das Fliegen hier.
Etikette: Gäste sind willkommen, aber man erwartet Respekt vor den Regeln. Kaufen Sie die Tageskarte online via TWINT. Es ist ein kleiner Beitrag für den Erhalt dieses Flugparadieses.
Berggasthaus Habergschwänd: Direkt am Startplatz. Bekannt für solide Schweizer Küche (Kalbsbratwurst mit Zwiebelsauce, Fitnessteller). Die Sonnenterrasse ist der perfekte Ort für das "Debriefing" oder um auf bessere Bedingungen zu warten.
Camping: Lange Zeit war der Camping Gäsi am Walenseeufer der Treffpunkt für Piloten. Achtung: Aktuelle Informationen deuten auf eine Schließung oder einen Betreiberwechsel im Jahr 2026 hin. Prüfen Sie unbedingt den Status, bevor Sie mit dem Camper anreisen.
Während Sie in der Thermik kurbeln, kann der Rest der Familie (oder Sie selbst nach der Landung) die Trottinett-Abfahrt wagen. Die 7 km lange Strecke von Habergschwänd nach Filzbach ist rasant und macht süchtig. Ein idealer Kompromiss für Familienausflüge.
Fazit: Respekt vor dem "Wolf im Schafspelz"
Der Kerenzerberg ist ein Fluggebiet mit zwei Gesichtern. An einem ruhigen Frühlingsabend ist er das Paradies für den Genussflieger – laminar, farbenprächtig und stressfrei. Doch sobald der Talwind aufdreht oder die Bise durchbricht, fordert er technisches Können und taktische Weitsicht.
Die größte Gefahr am Kerenzerberg ist die Unterschätzung. Wer die Hochspannungsleitungen ignoriert, den Talwind im Landeanflug vergisst oder die Luftraumgrenzen von Mollis verletzt, wird schnell auf den Boden der Tatsachen geholt. Wer sich jedoch vorbereitet, das DABS liest und die Aerologie des Walensees respektiert, wird mit Flügen belohnt, die in ihrer landschaftlichen Schönheit in der Schweiz ihresgleichen suchen.
Die Checkliste für den Gast-Piloten:
DABS checken: Ist Mollis aktiv?
Kleingeld/TWINT bereitstellen: Für Landegebühr und Tageskarte.
Startentscheidung: Bei starkem Talwind lieber warten – der Abendflug ist oft der beste Flug.
Landeplatz-Scouting: Schauen Sie sich Mollis oder Schweigmatten vorher an – aus der Luft ist es zu spät für die Detailplanung.
Glück ab, gut Land – und immer eine Handbreit Luft unter dem Kiel im Glarnerland!