
1 Startplatz, 1 Landeplatz
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Fluggebietsexpertise Sernftal: Umfassende Analyse und Piloten-Guide für den Wissenberg (Matt/Glarus)
Das Sernftal im Kanton Glarus, spezifisch das Fluggebiet rund um den Wissenberg (oft auch Weissenberge bezeichnet) und das darüberliegende Sunnenhörnli, repräsentiert einen Mikrokosmos der alpinen Aerologie. Es ist ein Gebiet, das in der Schweizer Gleitschirmszene einen ambivalenten Ruf genießt: Einerseits gilt es als historische Wiege der Schulung, bekannt für seine gutmütigen Grashänge und die zuverlässige Infrastruktur. Andererseits ist es ein tückisches Terrain für den unvorbereiteten Piloten, dominiert von einem der markantesten Talwindsysteme der Ostschweiz – der sogenannten "Matber Düse". Diese Dualität macht das Fluggebiet zu einem faszinierenden Studienobjekt für jeden Piloten, der über das reine „Abgleiten“ hinausgehen und die komplexen Strömungsmuster des Glarnerlandes verstehen will.
Die meteorologische Komplexität dieses Talsystems erfordert eine differenzierte Betrachtung, die weit über Standardinformationen hinausgeht. Während viele Fluggebiete in den Alpen durch ihre thermische Ergiebigkeit bestechen, bietet Matt eine Schule der Windbeurteilung. Die orographische Verengung des Tals wirkt als natürlicher Beschleuniger für Luftmassen, ein Phänomen, das in seiner Intensität oft unterschätzt wird. Für den Flugschüler bietet der Wissenberg eine fast laborartige Umgebung, um Starts und Landungen unter kontrollierten Bedingungen zu üben, solange das Zeitfenster strikt beachtet wird. Für den Streckenflugpiloten hingegen ist der Wissenberg oft nur das Sprungbrett, um die hochalpinen Routen Richtung Elm, Piz Sardona oder hinaus ins Glarner Haupttal zu erschließen.
Dieser Bericht analysiert das Fluggebiet aus einer technisch-meteorologischen Perspektive. Er richtet sich an Piloten, die Sicherheit und Leistung optimieren wollen. Die Analyse basiert auf aktuellen Geländedaten, meteorologischen Modellen und der Auswertung von Flugtracks. Wir werden nicht nur die Start- und Landeplätze detailliert sezieren, sondern auch die aerodynamischen Implikationen der Talgeometrie, die thermischen Auslösepunkte und die kritischen Sicherheitsaspekte beleuchten, die dieses Fluggebiet definieren.
Das Fluggebiet zeichnet sich durch eine klare räumliche und funktionale Trennung aus:
Der untere Sektor (Wissenberg, 1360m): Ein klassisches Schulungs- und Genussfluggelände, das jedoch durch seine Exposition anfällig für den Talwind ist. Hier findet der Großteil des Flugbetriebs statt, und hier passieren statistisch gesehen auch die meisten Fehleinschätzungen bezüglich der Windentwicklung im Tagesverlauf.
Der obere Sektor (Sunnenhörnli, 2010m+): Ein hochalpiner Startplatz, der Hike & Fly-Enthusiasten den Einstieg in die thermisch aktiven Schichten der Glarner Alpen ermöglicht. Dieser Bereich ist thermisch deutlich aktiver und oft entkoppelt vom bodennahen Talwindsystem, erfordert jedoch eine physische Leistung und alpines Verständnis für den Aufstieg und Start.
Das Sernftal, auch Kleintal genannt, ist ein Seitental des Glarner Haupttals, das bei Schwanden in südöstlicher Richtung abzweigt. Geologisch ist es geprägt durch die Glarner Hauptüberschiebung, ein UNESCO-Weltnaturerbe, was steile Flanken, komplexe Felsformationen und damit thermische Abrisskanten zur Folge hat. Die Ortschaft Matt liegt auf ca. 830m AMSL. Das Tal verengt sich genau in diesem Bereich signifikant, bevor es sich Richtung Elm wieder leicht weitet. Diese orographische Einschnürung ist der physikalische Haupttreiber für die lokalen Windsysteme und unterscheidet Matt von vielen anderen Fluggebieten in breiteren Tälern.
Die Talflanken steigen steil an, was einerseits thermische Aufwinde begünstigt, andererseits aber bei Seitenwind zu starken Rotoren führen kann. Der Wissenberg selbst ist eine Terrasse auf der Sonnenseite (orographisch links), die durch Jahrhunderte lange Bewirtschaftung offen gehalten wurde. Diese Exposition nach Südwest macht sie ideal für die Sonneneinstrahlung am Nachmittag, exponiert sie aber auch frontal gegen den einfließenden Talwind aus dem Haupttal.
Die "Düse" ist kein Mythos der lokalen Fliegerbar, sondern ein fluiddynamisches Faktum, das sich aus dem Venturi-Effekt ableitet. Wenn im Glarner Haupttal bei Netstal/Glarus der Talwind einsetzt (meist Nord/Nordwest), wird diese Luftmasse bei Schwanden geteilt und ein Teil in das Sernftal gedrückt.
Mechanik: Die Luftmasse muss durch den verengten Querschnitt bei Matt strömen. Gemäß der Kontinuitätsgleichung der Strömungslehre (A 1
⋅v 1
=A 2
⋅v 2
) muss sich die Strömungsgeschwindigkeit v erhöhen, wenn der Querschnitt A abnimmt. Da die Luftdichte in diesem Höhenbereich als inkompressibel betrachtet werden kann, resultiert die Verengung direkt in einer Geschwindigkeitszunahme.
Auswirkung: Während am Startplatz Weissenberge (1360m) oft noch schwacher Wind oder thermische Ablösungen herrschen, kann 500 Höhenmeter tiefer im Tal bereits ein stürmischer Talwind mit 30-40 km/h wehen. Dies führt zu einer extremen vertikalen Windscherung. Piloten berichten oft von ruhigen Bedingungen am Start, die sich im Sinkflug rapide verschlechtern.
Gefahrenpotenzial: Piloten, die zu tief soaren oder den Landeanflug falsch timen, riskieren, rückwärts verblasen zu werden. Noch kritischer ist die Gefahr, in starke Lee-Turbulenzen der talbegrenzenden Hindernisse oder Gebäude zu geraten. Die Turbulenzintensität nimmt quadratisch mit der Windgeschwindigkeit zu, was bedeutet, dass bereits eine leichte Zunahme des Windes die Böigkeit am Boden massiv verstärkt.
Das Glarnerland ist klassisches Föhngebiet, und das Sernftal bildet hier keine Ausnahme. Die Nord-Süd-Ausrichtung vieler Pässe begünstigt den Überfluss von Luftmassen bei entsprechenden Druckdifferenzen.
Südföhn: Bei Südlagen stürzt die Luft über den Panixerpass oder den Segnespass ins Tal. Matt ist extrem föhnanfällig. An Tagen mit Druckdifferenzen (Süd-Nord) von mehr als 4 hPa ist Fliegen hier lebensgefährlich. Die Weissenberge können trügerisch windstill wirken, während in der Höhe die Föhnwalze bereits rotiert. Oft bildet sich eine sogenannte "Föhnmauer" oder Lenticularis-Wolken über den Gipfeln, die als visuelle Warnzeichen dienen müssen. Lokale Piloten wissen: Wenn der Föhn durchbricht, geschieht dies oft schlagartig und mit zerstörerischer Kraft.
Bise (Nordost): Die Bise drückt oft kalte, stabile Luft in das Tal. Dies führt oft zu einer Inversion, die thermische Entwicklungen unterdrückt. Gleichzeitig verstärkt die Bise den Talwind, da sie in die gleiche Richtung weht wie der thermische Ausgleichswind. Dies kann dazu führen, dass der Talwind in Matt bereits am Vormittag "ruppig" wird und die Landung erschwert, lange bevor die Thermik richtig einsetzt.
Das Fluggebiet bietet zwei primäre Startoptionen, die unterschiedliche Pilotenprofile ansprechen und verschiedene strategische Herangehensweisen erfordern. Die Wahl des Startplatzes sollte nicht nur von der Bequemlichkeit (Bahn vs. Laufen), sondern primär von der meteorologischen Situation und dem geplanten Flugziel abhängen.
Dieser Startplatz ist das "Brot-und-Butter"-Gelände des Tals, frequentiert von Flugschulen, Genussfliegern und lokalen Piloten für den Feierabendflug.
Höhe: 1360 m ü. M.. Diese Höhe platziert den Startplatz oft an der Obergrenze des Talwindsystems, was den Start erleichtert, aber den Piloten schnell in die windstarke Zone bringt, sobald er Höhe verliert.
Koordinaten: N 46°58'05.26" E 9°10'39.67".
Exposition: Südwest (SW) bis West (W). Diese Ausrichtung ist ideal für die Nachmittagsthermik, bedeutet aber auch, dass der Hang erst ab ca. 13:00 Uhr direkt von der Sonne beschienen wird.
Zugang: Bequem per Luftseilbahn Matt-Weissenberge erreichbar. Dies ist ein entscheidender Faktor für die Beliebtheit des Gebiets. Von der Bergstation folgt ein Fußmarsch von ca. 10-15 Minuten.
Wegbeschreibung: Der Weg führt Richtung "Feuerstelle". Der Startplatz liegt nicht direkt an der Bahn, sondern muss erwandert werden. Man folgt dem Weg bis zum ersten Bach, dann leicht links (NW). Gestartet wird in der Kurve unterhalb der Feuerstelle, oberhalb der Lawinenverbauungen. Diese genaue Lokalisierung ist wichtig, da andere Wiesen oft landwirtschaftlich genutzt werden und nicht betreten werden sollten.
Charakteristik: Mittelsteile, hügelige Wiese. Der Startplatz ist relativ einfach ("Easy"), erfordert aber saubere Aufziehtechnik, da das Gelände kupiert ist. Unebenheiten im Boden können beim Vorwärtsstart Stolperfallen darstellen, weshalb viele Piloten den Rückwärtsstart bevorzugen, um den Schirm vor dem Abheben visuell zu kontrollieren.
Beste Tageszeit: Nachmittags, wenn die Westflanken thermisch aktiv werden. Vormittags liegt der Hang oft noch im Schatten oder ist thermisch inaktiv. Abends bietet sich oft ein ruhiger Restitutionsflug an, wenn der Talwind nachlässt.
Kritische Betrachtung: Der Startplatz liegt in einer Höhe, die bei starkem Talwind bereits grenzwertig sein kann. Es ist essenziell, vor dem Start das Talwasser (Sernf) und die Baumwipfel im Talboden zu beobachten. Wenn sich die Bäume im Tal stark biegen oder das Wasser Schaumkronen zeigt ("Whitecaps"), ist ein Start auf dem Wissenberg – trotz scheinbar guter Bedingungen am Startplatz – nicht ratsam. Die Landung würde in extrem turbulenter Luft erfolgen. Ein weiterer Indikator ist die Drift von Vögeln oder anderen Gleitschirmen im Tal: Zeigen diese kaum Vorwärtsfahrt, herrscht im Tal bereits Starkwind.
Für Piloten, die dem Talwind entfliehen, besseren Thermikanschluss suchen oder das Naturerlebnis "Hike & Fly" schätzen, ist das Sunnenhörnli die überlegene, wenn auch physisch anspruchsvollere Option.
Höhe: 2010 m bis 2161 m ü. M.. Diese Höhe ist strategisch wertvoll, da man sich meist oberhalb der Inversion und des starken Talwindsystems befindet.
Koordinaten: N 46°59'09.27" E 9°11'06.15".
Exposition: West (W). Ähnlich wie der Wissenberg profitiert dieser Startplatz von der Nachmittagssonne, liegt aber oft schon früher über etwaigen Wolkenresten oder Nebelschwaden.
Zugang: Hike & Fly. Ca. 2 Stunden Fußmarsch ab der Bergstation Weissenberge. Der Weg ist technisch nicht schwierig, erfordert aber Kondition.
Charakteristik: Alpines Gelände. Der Startplatz ist nicht direkt auf dem Gipfel, sondern etwas darunter. Der Anlauf ist kürzer als am Wissenberg und das Gelände anspruchsvoller ("Mittel"). Der Untergrund ist oft steiniger und mit alpinen Gräsern bewachsen, was die Leinenführung erschweren kann.
Vorteil: Der thermische Anschluss an die Hausbärte ist hier deutlich zuverlässiger. Man startet quasi direkt in die aktive Luftmasse, ohne erst mühsam Höhe gewinnen zu müssen. Zudem ist man weit genug vom Talboden entfernt, um bei einer Änderung der Windsituation flexibel reagieren zu können (z.B. Toplandung oder Ausweichen).
Winter: Das Sunnenhörnli ist eine beliebte Skitour. "Ski & Fly" ist hier eine gängige Praxis. Bei winterlichen Inversionslagen, wenn im Tal kalte Luft liegt ("Kaltluftsee"), kann man hier oben oft in der Sonne und wärmerer Luft starten. Der Abstieg erfolgt dann oft Richtung Engi, wenn die Talwinde in Matt ungünstig sind.
Vergleich der Startplatz-Parameter
Um Piloten bei der Entscheidungsfindung zu unterstützen, sind die wesentlichen Unterschiede der beiden Startplätze in der folgenden Tabelle gegenübergestellt. Die Wahl des Startplatzes hat direkten Einfluss auf die Erfolgswahrscheinlichkeit eines Thermikflugs sowie auf die Sicherheitsmarge gegenüber dem Talwind.
Parameter Startplatz Wissenberg Startplatz Sunnenhörnli Höhe (AMSL) 1360 m 2010 m - 2161 m Höhendifferenz zum LP ca. 540 m ca. 1200 m Erreichbarkeit Seilbahn + 15 min Gehzeit Seilbahn + 120 min Gehzeit Schwierigkeit (Start) Leicht (Easy) Mittel (Medium) Exposition SW - W W Thermikanschluss Unsicher bei stabilen Lagen Sehr zuverlässig Talwind-Exposition Hoch (nah an der Düse) Gering (oberhalb des Systems) Startlauf Lang, kupierte Wiese Kürzer, alpin Beste Nutzung Schulung, Abendflug, Genuss Streckenflug, Hike & Fly, Thermik Export to Sheets
Diese Gegenüberstellung verdeutlicht: Während der Wissenberg durch Zugänglichkeit besticht, erkauft man sich am Sunnenhörnli durch körperlichen Einsatz eine deutlich bessere Ausgangsposition für leistungsorientierte Flüge und eine höhere Sicherheitsmarge gegenüber den Talwindsystemen.
Das Sernftal bietet trotz seiner topographischen Einschränkungen ein beachtliches Potenzial für Streckenflüge, erfordert aber eine defensive und vorausschauende Taktik. Es ist kein Gebiet für "Vollgas-Piloten", sondern für Strategen, die das Gelände lesen können.
Das Verständnis der lokalen Thermikquellen ist der Schlüssel, um oben zu bleiben.
Die Abrisskanten: Die steilen Flanken oberhalb der Weissenberge sind primäre Triggerpunkte. Insbesondere die Felsbänder Richtung Sunnenhörnli heizen sich schnell auf und lösen verlässlich Thermikblasen ab. Hier gilt es, nah am Relief zu fliegen, aber stets auf Turbulenzen zu achten.
Der "Dorf-Bart": Oft löst sich Thermik direkt über den Dächern der Weissenberge-Siedlung oder durch die Erwärmung der Lawinenverbauungen. Diese menschengemachten Strukturen speichern Wärme oft besser als die umliegenden Wiesen. Piloten berichten, dass man die Thermik oft im Landeanflug noch "mitnehmen" kann, auch wenn sie selten zum kompletten Wiederaufstieg reicht. Dies kann genutzt werden, um die Flugzeit zu verlängern oder Höhe für eine saubere Volte zu gewinnen.
Tagesgang: Die Thermik setzt im Sernftal aufgrund der Westausrichtung später ein (ab 13:00/14:00 Uhr). Frühe Starts führen oft zu reinen Abgleitern, da die Sonne erst über den Mittag den nötigen Einfallswinkel erreicht, um die Hänge effektiv zu erwärmen. Geduld ist hier eine Tugend.
Vom Wissenberg aus bieten sich verschiedene Routen an, die je nach Wind- und Wetterlage gewählt werden können.
Route Elm (Süd-Ost): Der Flug talaufwärts Richtung Elm und Piz Sardona ist landschaftlich spektakulär, führt er doch direkt in das UNESCO-Weltnaturerbe Sardona.
Herausforderung: Man fliegt gegen den Talwind. Dies erfordert eine solide Basishöhe, um nicht im Talwind "geparkt" zu werden oder gar rückwärts zu treiben.
Taktik: Nutzen der Thermik am Sunnenhörnli, um maximale Höhe zu machen, dann Vorfliegen entlang der Kreten, nicht im Tal. Ziel ist oft der Anschluss an die thermisch starken Flanken des Foostock oder Piz Segnas.
Route Glarus/Walensee (Nord-West): Mit dem Talwind im Rücken fliegt es sich schnell Richtung Glarner Haupttal.
Herausforderung: Die Einmündung in das Haupttal bei Schwanden. Hier kollidieren oft zwei Windsysteme (Sernftaler Wind und Haupttalwind). Dies kann zu Konvergenzen (gut für Höhe) oder Scherungen (gefährlich) führen.
Taktik: Beobachtung der Windfahnen und Rauchzeichen in Schwanden. Bei starkem Nordwind im Haupttal kann der "Ausfluss" aus dem Sernftal blockiert sein, was zu Stau und Turbulenzen führt.
Die "Glarner Tour": Erfahrene Piloten nutzen den Startberg als Einstieg für größere Dreiecke im Glarnerland, oft in Kombination mit dem Fluggebiet Braunwald. Hierbei wird oft das Tal gequert, was eine genaue Einschätzung der Talwindstärke erfordert. Ein "Absaufen" im Talboden macht eine Außenlandung oft unmöglich oder sehr riskant.
Soaring ist an den Hangkanten möglich, aber mit Vorsicht zu genießen.
Gefahren: Die Kabel der zahlreichen Materialseilbahnen und die Stromleitungen sind schwer sichtbar und verlaufen oft quer zum Hang. Zudem kann der Talwind in Bodennähe sehr turbulent sein, da er über Rippen und Geländekanten streicht (Lee-Effekte).
Empfehlung: Echtes, laminares Soaring ist eher in den höheren Lagen am Sunnenhörnli möglich, wo der Wind freier strömen kann. Tiefes Soaring am Wissenberg wird oft bestraft durch Turbulenzen oder plötzlichen Windabfall im Lee von Baumgruppen.
Der Landeplatz in Matt ist der technisch anspruchsvollste Teil des Fluges für Piloten, die mit alpinen Talwindsystemen nicht vertraut sind. Hier entscheidet sich oft, ob ein schöner Flug sicher endet oder in einer gefährlichen Situation mündet.
Lage: Nördlich/Talabwärts der Talstation, neben der Straße Richtung Schwanden. Er ist gut sichtbar, aber optisch durch die Straße und den Fluss begrenzt.
Höhe: ca. 820 m ü. M..
Status: Offiziell vom GKG (Gleitschirmklub Glarnerland) betreut. Das bedeutet, es gibt Regeln und Absprachen mit den Landwirten, die zwingend einzuhalten sind, um das Gelände zu erhalten.
Die Landeeinteilung in Matt folgt strikten Regeln, die aus Sicherheitsgründen und Rücksichtnahme auf Infrastruktur entstanden sind.
Rechtsvolte (Zwingend): Aufgrund von Hochspannungsleitungen und Telefonkabeln, die den Fluss Sernf und Teile des Tals queren, ist eine Rechtsvolte vorgeschrieben. Eine Linksvolte würde den Piloten direkt über oder in die Leitungen führen.
Verbot: Die Landung direkt bei der Talstation der Seilbahn ist nicht mehr gestattet. Dies ist eine Änderung gegenüber früheren Jahren und muss strikt beachtet werden. Früher war dies toleriert, führte aber zu Konflikten mit dem Bahnbetrieb und Parkplatzverkehr.
Windgradient: Im Endanflug taucht man in den starken Talwind ("Düse") ein. Dies führt zu aerodynamischen Effekten:
Einer sehr geringen Vorwärtsfahrt (Ground Speed). Der Schirm scheint fast zu stehen.
Starken Turbulenzen durch Bodenhindernisse (Häuser, Bäume), die bei starkem Wind lange Leewirbel ziehen.
Gefahr des "Sackflugs" bei zu starkem Anbremsen. In starkem Gegenwind darf der Schirm nicht zu tief angebremst werden, da die Anströmung sonst abreißen kann.
Taktik: Mit Überfahrt anfliegen, nicht "aushungern" lassen. Den Vorhaltewinkel gegen den Wind frühzeitig korrigieren ("Crabbing"). Bereit sein für einen aktiven Flugstil bis zum Boden.
Sollte der Talwind extrem stark sein (über 30 km/h), ist eine normale Landung auf dem Platz oft nicht mehr sicher möglich (Rückwärtsflug).
Option Außenlandung: In solchen Fällen kann es sicherer sein, weiter talabwärts Richtung Schwanden zu fliegen, wo das Tal breiter wird und der Düseneffekt nachlässt – vorausgesetzt, man hat genügend Höhe.
Toplandung: Wer noch hoch genug ist, sollte eine Toplandung auf den Weissenbergen in Erwägung ziehen, wo der Wind oft schwächer ist als im Talboden. Dies erfordert jedoch Toplandekompetenz.
Die Infrastruktur rund um den Wissenberg ist gut ausgebaut und auf den Tourismus ausgelegt, was die Logistik für Piloten vereinfacht.
Luftseilbahn Matt-Weissenberge: Eine klassische Pendelbahn, die als Lebensader für die Weissenberge dient. Sie fährt ganzjährig und ist der Hauptzubringer für Piloten.
Kontakt: +41 (0)55 642 15 46. Es lohnt sich, die Nummer gespeichert zu haben, um sich z.B. über aktuellen Wind an der Bergstation zu erkundigen.
Betriebszeiten: In der Regel von 07:55 bis 19:55 Uhr. Wichtig: Checken Sie den aktuellen Fahrplan, da Mittagspausen oder Revisionszeiten (meist im Spätherbst/Frühling) variieren können. Nichts ist ärgerlicher, als vor verschlossener Bahn zu stehen.
Transport: Gleitschirme werden problemlos transportiert. Packmaß beachten (4.00m Beschränkung für Drachen, für GS unproblematisch). Die Bahnkapazität ist begrenzt, an guten Tagen kann es zu Wartezeiten kommen.
Das Gebiet ist touristisch gut erschlossen, aber nicht überlaufen, was eine entspannte Atmosphäre schafft.
Berggasthaus Edelwyss: Direkt auf den Weissenbergen gelegen. Ideal für den "After-Flight-Drink" oder Übernachtung. Bekannt für regionale Spezialitäten wie Glarner Alpkäse. Es dient auch als inoffizieller Treffpunkt der lokalen Pilotenszene.
Aktivhostel HängeMatt: In Matt gelegen (ehemals Gasthaus Jägerstübli). Eine budgetfreundliche Option, die sich spezifisch an Outdoor-Sportler richtet. Bietet Mehrbettzimmer und Selbstversorgerküche, was es ideal für Gruppen oder Flugschulen macht.
Parkplätze sind an der Talstation in Matt vorhanden. An schönen Wochenenden oder während der Skisaison kann es eng werden.
Hinweis: Bitte die offiziellen Parkflächen nutzen und nicht auf Wiesen oder privaten Zufahrten parken. Konflikte mit Landwirten können schnell zur Gefährdung des Fluggebiets führen. Fahrgemeinschaften sind empfohlen.
Sicherheit im Flugsport ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Wissen und Vorbereitung. In Matt gibt es spezifische Risiken, die bekannt sein müssen.
Das Glarnerland ist durchzogen von Materialseilbahnen ("Heubahnen"). Diese dienen der Bewirtschaftung der steilen Hänge und sind oft dünn, unmarkiert und gegen den dunklen Waldhintergrund fast unsichtbar.
Spezifische Warnung: Neben der Hauptseilbahn gibt es mindestens ein weiteres Kabel am Hang, das parallel oder quer verlaufen kann. Eine gründliche Luftraumbeobachtung ist Pflicht.
Landeplatz: Die Hochspannungsleitungen beim Sernf sind die Hauptgefahr bei der Landung. Sie liegen oft genau im Anflugweg, wenn man die Volte zu weit zieht.
Das Gebiet grenzt an sensible Wildruhezonen. Der Freiberg Kärpf, das älteste Wildschutzgebiet Europas, liegt in unmittelbarer Nähe (südliche Talseite des Sernftals).
Regel: Wildtiere (Gämsen, Steinböcke) nicht überfliegen oder erschrecken. Sollte man Tiere sichten, sofort abdrehen und Höhe gewinnen. Stress im Winter kann für Wildtiere tödlich sein.
Saisonale Sperren: Beachten Sie die Sperrzeiten während der Brut- und Setzzeit (Frühjahr) sowie im Winter (Wildruhezonen). Aktuelle Karten sind auf den Webseiten des SHV oder kantonalen Portalen verfügbar.
Für den Ernstfall sollten folgende Nummern im Handy gespeichert oder auf dem Cockpit notiert sein:
Rega (Rettungsflugwacht): 1414 (innerhalb Schweiz) oder +41 333 333 333. Die Rega-App ermöglicht eine direkte Alarmierung mit Übermittlung der GPS-Koordinaten, was in unwegsamem Gelände lebensrettend sein kann.
Polizei: 117.
Wenn die "Düse" in Matt zu stark ist oder die Bedingungen am Wissenberg nicht passen, bieten sich im Glarnerland und der nahen Umgebung Alternativen an. Flexibilität ist der Schlüssel zum Flugspaß.
Hüsliberg (Schänis/Glarus Nord): Besser geschützt bei bestimmten Lagen, aber auch stark frequentiert. Es liegt weiter draußen Richtung Linthebene. Achtung vor Bise, die hier ungehindert einfallen kann.
Braunwald: Weiter talaufwärts im Glarner Haupttal (hinter Linthal). Startplätze am Gumen oder Gumengrat. Oft thermisch ergiebiger und landschaftlich reizvoll durch den Blick auf den Tödi. Hier ist man tiefer in den Alpen und oft besser geschützt vor dem Talwind der unteren Täler.
Fanas/Grüsch (Graubünden): Bei starkem Westwind oft eine Ausweichoption im Rheintal, da es eine andere Ausrichtung hat und oft fliegerisch nutzbar ist, wenn im Glarnerland Föhn oder zu starker Westwind herrscht.
Der Wissenberg in Matt ist ein Wolf im Schafspelz. Der Startplatz suggeriert durch seine einfache Topographie und gute Erreichbarkeit eine Anfängertauglichkeit, die trügerisch sein kann. Der Talwind im Landebereich verlangt Respekt, präzise Flugplanung und eine realistische Selbsteinschätzung.
Für Anfänger: Nur unter Aufsicht einer Flugschule oder bei sehr schwachen Windbedingungen (z.B. im Winter oder am späten Abend) fliegbar. Der frühe Nachmittag oder späte Abend (Restthermik, nachlassender Talwind) sind die sichersten Fenster.
Für Fortgeschrittene: Ein hervorragender Ausgangspunkt für Hike & Fly (Sunnenhörnli) und thermische Flüge im Sernftal. Die "Düse" kann für dynamisches Soaring genutzt werden, erfordert aber Erfahrung und ständige Wachsamkeit.
Die goldene Regel für Matt: Wer den Talwind unterschätzt, landet rückwärts. Ein Blick auf den Sernf und die Vegetation im Talboden vor dem Start ist die beste Lebensversicherung. Beobachten, analysieren, dann starten – oder eben wieder mit der Bahn runterfahren. Ein guter Pilot weiß, wann er am Boden bleibt.
Dieser Bericht basiert auf den verfügbaren Daten der DHV-Geländedatenbank, Paragliding365, lokalen Clubinformationen (GKG) und meteorologischen Analysen. Stand der Daten: Februar 2026.