
1 Startplatz, 1 Landeplatz
Ausführliche Recherche und lokales Wissen
Der Wächter des Allgäus: Eine umfassende Monografie des Flugbergs Grünten Prolog: Die zwei Gesichter eines Berges
Der Grünten ist weit mehr als nur eine geologische Erhebung am Rande der Alpen. Er ist eine Instanz. Wer sich dem Allgäu von Norden her nähert, über die flachen Ebenen des Alpenvorlandes hinweg, dessen Blick verfängt sich unweigerlich in diesem massiven Riegel, der wie ein steinerner Wellenbrecher vor der eigentlichen Hochgebirgskette liegt. Mit 1.738 Metern Höhe dominiert er die Skyline zwischen Kempten und Sonthofen, gekrönt von der markanten Sendeantenne des Bayerischen Rundfunks und dem Jägerdenkmal, das wie ein stummer Wächter über das Illertal blickt. Für den durchschnittlichen Touristen ist der „Wächter des Allgäus“ ein beliebtes Wanderziel, ein Fotomotiv für Postkarten und, in früheren Zeiten, ein geschäftiges Skigebiet. Doch für uns Gleitschirmflieger ist der Grünten ein Ort voller Ambivalenz – ein Janusgesicht aus fliegerischer Ekstase und politischer Restriktion, aus thermischer Verlässlichkeit und meteorologischer Tücke.
Dieser Bericht versteht sich nicht als bloße Sammlung von Koordinaten und Startplatzbeschreibungen, wie man sie in den Datenbanken des DHV oder auf Paragliding365 findet. Er ist der Versuch einer tiefenpsychologischen und technischen Analyse eines der komplexesten Fluggebiete Deutschlands. Wir werden die oberflächlichen Schichten der Standardinformationen abtragen und uns in die mikrometeorologischen Feinheiten, die soziopolitischen Spannungsfelder der lokalen Fliegerszene und die taktischen Nuancen des Streckenflugs ab diesem exponierten Startplatz begeben. Denn wer den Grünten verstehen will, muss mehr tun, als nur den Wetterbericht zu lesen – er muss die Seele dieses Berges und die strengen Gesetze, die an seinen Flanken herrschen, verinnerlichen.
Der Wandel des Grünten in den letzten Jahren ist symptomatisch für eine größere Entwicklung im Gleitschirmsport: weg vom massentouristischen „Lift-und-Flug“-Konsum hin zu einer exklusiveren, körperlich fordernden und administrativ stark regulierten Praxis. Wo früher die Grüntenlifte Piloten im Minutentakt zum Startplatz beförderten, herrscht heute Stille, unterbrochen nur vom Atem der aufsteigenden Hike-and-Fly-Enthusiasten. Die Seilbahnen stehen still, Monumente einer vergangenen Ära, während sich am Boden ein unsichtbares Netz aus Regelungen, Flugverbotszonen und exklusiven Zugangsberechtigungen spannt, das für Außenstehende oft undurchdringlich scheint.
In diesem Dossier werden wir diese Barrieren analysieren. Wir werden untersuchen, warum der Erwerb einer Tageskarte hier fast unmöglich geworden ist , warum die Nachbarschaft zum Segelflugplatz Agathazell eine der gefährlichsten Luftraumkonstellationen der Region darstellt und wie man trotz all dieser Hürden einen der magischsten Flüge erleben kann, die der nördliche Alpenraum zu bieten hat – das legendäre Abendsoaring in der Westflanke, wenn die untergehende Sonne das Allgäu in goldenes Licht taucht.
Um das fliegerische Potenzial des Grünten zu begreifen, ist ein Blick auf seine einzigartige Lage im Raum unerlässlich. Der Berg steht nicht isoliert, aber er ist freigestellt. Er fungiert als der nördlichste Vorposten der Allgäuer Alpenkette, vorgeschoben in das Alpenvorland wie der Bug eines Schiffes. Diese Position macht ihn zu einer meteorologischen Barriere ersten Ranges. Westwinde, die über weite Strecken ungehindert über das Schweizer Mittelland und Oberschwaben heranströmen, treffen hier erstmals auf ein ernstzunehmendes Hindernis.
Die Topografie der Westflanke
Die für uns Piloten relevante Seite ist die Westflanke. Sie fällt vom Gipfelkamm, der sich vom Übelhorn (1.738 m) über den Sendemast zieht, relativ steil und gleichmäßig in Richtung Illertal ab. Diese Flanke wirkt wie eine gigantische Auffangschale für Luftmassen. Anders als bei zerrissenen Felsmassiven bietet der Grünten hier eine homogene Wald- und Wiesenfläche, die thermische Ablösungen begünstigt und den dynamischen Aufwind (Hangaufwind) laminarer gestaltet als an vielen anderen Bergen der Region.
Der offizielle Startplatz befindet sich jedoch nicht am Gipfel, sondern deutlich tiefer, auf einer Art Schulter unterhalb der Kammereggalpe auf ca. 1.100 bis 1.200 Metern Höhe. Dies ist ein entscheidendes Detail: Man startet hier fast 600 Höhenmeter unter dem Gipfel. Das bedeutet, dass man sich den „Thron“ erst erarbeiten muss – fliegerisch. Man startet mitten im Hang, nicht oben auf der Kante. Diese orografische Situation erfordert ein Umdenken: Der Start ist kein „Abgleiter“ vom Gipfel, sondern ein sofortiger Einstieg in das Arbeitssystem des Berges. Man muss sofort Anschluss finden, sei es thermisch oder dynamisch, sonst landet man schneller am Landeplatz, als einem lieb ist.
Die Riegelstellung und das Illertal
Das Illertal, das westlich am Grünten vorbeifließt, fungiert als Leitlinie für thermische und dynamische Prozesse. Der Grünten engt das Tal bei Sonthofen ein. Diese Verengung sorgt bei Talwindsystemen für Düseneffekte. Wenn der Talwind aus Norden (von Kempten kommend) in das Gebirge strömt, wird er am Grünten kanalisiert und beschleunigt. Dies kann am Landeplatz zu sportlichen Bedingungen führen, sorgt aber auch dafür, dass die untersten Schichten der Atmosphäre oft gut durchmischt sind.
Bevor wir uns in die Lüfte schwingen, müssen wir uns mit der Bodenrealität auseinandersetzen. Der Grünten ist heute eines der am stärksten reglementierten Fluggebiete Deutschlands. Für den unbedarften Gastpiloten, der die „Open Sky“-Mentalität vieler anderer Regionen gewohnt ist, kann der erste Kontakt mit dem „System Grünten“ frustrierend sein. Es ist essentiell, die Hintergründe zu verstehen, um nicht als „Störenfried“ wahrgenommen zu werden.
Das Ende der Tageskarte
In den meisten Fluggebieten der Alpen fährt man zur Bahn oder zum Landeplatz, löst am Automaten oder im Clubheim eine Tageskarte für wenige Euro und ist startberechtigt. Am Grünten ist dieser Automatismus außer Kraft gesetzt. Die Recherche zeigt eindeutig: Das Fluggebiet wird von der Flugschule Rohrmeier / Milz gepachtet und verwaltet. Die Ausgabe von Tageskarten wurde in den letzten Jahren massiv eingeschränkt, wenn nicht gar komplett eingestellt. Aktuelle Informationen deuten darauf hin, dass die Jahreskarte das primäre Zugangsinstrument ist.
Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Zum einen ist da der administrative Aufwand: Ohne Bergbahn fehlt die logistische Infrastruktur (Kasse), um Tagesgebühren effizient einzusammeln. Zum anderen – und das ist der entscheidende Punkt – dient diese Hürde als Lenkungsinstrument. In den Jahren 2020 und 2021, als Corona den Drang nach draußen verstärkte, wurde der Grünten regelrecht überrannt. Hunderte Piloten, Parkchaos und Disziplinlosigkeit in der Luft führten zu massiven Konflikten mit Grundstückseigentümern, Jägern und Naturschützern. Die Beschränkung auf Jahreskarteninhaber schafft eine definierte Gruppe von Nutzern, die „Commitment“ zeigen. Wer bereit ist, eine Jahresgebühr (die teils bei ca. 100 Euro liegt ) zu zahlen, wird das Gebiet eher respektieren und sich an die Regeln halten als der zufällige Tagestourist.
Die „Sondergenehmigung“ für Gäste
Gibt es also gar keine Chance für Gastpiloten? Die Quellenlage ist hier strikt: „Ein Start ohne Startberechtigung ist nicht erlaubt!“. Gastflüge sind oft nur in direkter Absprache und mit einer Art „Sondergenehmigung“ der Flugschule möglich. Das bedeutet in der Praxis: Ein Anruf oder eine E-Mail an die Flugschule Milz vor der Anreise ist zwingend erforderlich. Einfach hinzufahren und auf „Goodwill“ zu hoffen, ist keine Strategie. Es ist ein Rezept für Ärger. Man muss sich als Bittsteller begreifen, der Zugang zu einem privaten Club sucht, nicht als Kunde, der ein Recht auf Dienstleistung hat. Diese psychologische Einstellung ist der Schlüssel zum Erfolg.
Die Rolle der Flugschulen
Die Flugschule Rohrmeier / Milz hat hier das Hausrecht. Sie hat das Gelände gepachtet. Das ist rechtlich ein starkes Mandat. Ein Pächter kann bestimmen, wer sein Gelände betritt und startet. Das Argument „Die Luft ist frei“ zieht hier nicht, denn der Boden, von dem man startet, ist es nicht. Diese Konstruktion ist im Allgäu nicht unüblich, wird aber am Grünten besonders konsequent exekutiert. Man sollte dies nicht als Schikane missverstehen, sondern als Notwehr einer Flugschule, die versucht, das Fluggebiet langfristig gegen den Druck von Behörden (Luftamt) und Naturschutz zu sichern.
Kein Thema dominiert die Sicherheitsdiskussion am Grünten so sehr wie das Verhältnis zum Segelflugplatz Agathazell. Wer hier fliegt und die Dynamik dieses Konflikts nicht kennt, begibt sich in akute Gefahr – physisch und rechtlich.
Das Agathazeller Moos
Südwestlich des Grünten, im Talboden bei Rettenberg/Agathazell, liegt der Segelflugplatz Agathazell (ICAO-Code, oft lokal als „Agathazeller Moos“ bezeichnet). Auf den ersten Blick wirkt er weit genug weg. Doch der Schein trügt. Segelflugzeuge operieren in Geschwindigkeitsbereichen und Radien, die für Gleitschirmflieger oft schwer einschätzbar sind. Ein modernes Segelflugzeug legt im Endanflug oder in der Platzrunde Distanzen zurück, die einen Gleitschirmflieger wie ein stationäres Hindernis wirken lassen.
Die Historie der Eskalation
Im Jahr 2020 eskalierte die Situation. Innerhalb eines Monats dokumentierten die Segelflieger 19 Verstöße von Gleitschirmfliegern, die in die Platzrunde oder die Anflugsektoren eindrangen. Das Luftamt Südbayern schaltete sich ein. Die Drohung einer kompletten Schließung des Startplatzes Grünten stand real im Raum. Gleitschirmflieger wurden als undisziplinierte Horde wahrgenommen, die elementare Luftraumregeln missachtet.
Die technischen Gefahren
Das Hauptproblem ist der Windenbetrieb. In Agathazell wird mit Winde geschleppt. Die Schlepplänge beträgt bis zu 800-1000 Meter, die Ausklinkhöhen können beträchtlich sein.
Das unsichtbare Seil: Ein Windenseil aus Stahl oder Kunststoff ist aus der Luft praktisch unsichtbar. Wer den Platz quert, während geschleppt wird, riskiert, vom Seil zerteilt zu werden – oder das Seil zu kappen und den Segelflieger zum Absturz zu bringen.
Die Platzrunde: Die Platzrunde der Segelflieger reicht weit in den Raum nördlich und südlich des Platzes. Gleitschirmflieger, die nach der Thermiksuche am Grünten Höhe abgebaut haben und zum Landeplatz wollen, neigen dazu, die direkte Linie zu nehmen. Diese führt oft fatalerweise durch den Endanflugsektor oder den Queranflug der Segelflieger.
Die Geschwindigkeitsdifferenz: Ein Segelflieger im Landeanflug hat wenig Spielraum für Ausweichmanöver, besonders in Bodennähe. Ein Gleitschirm, der in der Bahn „parkt“ oder unberechenbare Kreise dreht, ist ein Albtraum für den Piloten im Cockpit.
Die Überlebensstrategie für Piloten
Um am Grünten sicher zu fliegen, muss man eine mentale „No-Fly-Zone“ um Agathazell ziehen, die weit größer ist als der Flugplatzzaun.
Abstand halten: Die eiserne Regel lautet: Bleibe am Hangfuß! Der Gleitschirm-Landeplatz liegt nah am Berg (Talstation Grüntenbahn). Es gibt keinen Grund, weit ins Tal hinauszufliegen, es sei denn, man hat massive Höhe (über 1000m AGL) für einen Talquerung.
Beobachtung: Vor dem Start und während des Fluges immer einen Blick ins Tal werfen. Liegen Segelflugzeuge am Start? Steht die Winde? Ist Betrieb? Wenn ja: Erhöhte Wachsamkeit!
Telefonischer Check: Es wird dringend empfohlen, vor dem Start den Flugleiter in Agathazell anzurufen (Tel. 08321/81828), um den Betriebsstatus zu klären. Dies zeugt von Professionalität und Respekt.
In einer Zeit, in der „Hike & Fly“ zum Modewort geworden ist, bietet der Grünten die authentische Erfahrung. Da die Grüntenlifte ihren Betrieb eingestellt haben und die Zukunft neuer Bahnprojekte in den Sternen steht , ist Muskelkraft die einzige Währung, die der Berg akzeptiert.
Parkplatz Kammereggalpe – Das Basislager
Der Dreh- und Angelpunkt für jeden Flugtag am Grünten ist der Wanderparkplatz unterhalb der Alpe Kammeregg.
Anfahrt: Von Norden kommend über die B19 bis Rettenberg, dann der Beschilderung Richtung Kranzegg folgen. In einer Kurve zweigt der Weg zur Alpe Kammeregg ab. Die Straße ist schmal und oft von Wanderern frequentiert.
Parksituation: Der Parkplatz ist kostenpflichtig. Ein Automat verlangt nach Kleingeld (ca. 4-6 Euro, Stand 2025, Änderungen möglich). Da der Grünten ein extrem beliebtes Wanderziel ist, füllt sich dieser Parkplatz an schönen Wochenenden oft schon vor 9:00 Uhr morgens. Gleitschirmflieger konkurrieren hier direkt mit Familien und Bergläufern um den begrenzten Raum. „Late Risers“ gehen oft leer aus oder müssen riskante Ausweichmanöver am Straßenrand fahren – was wiederum zu Ärger mit der Gemeinde führt und tunlichst vermieden werden sollte.
Der Aufstieg: Kurz aber knackig
Vom Parkplatz aus beginnt der Aufstieg. Es ist kein alpiner Marathon, aber auch kein Spaziergang.
Die Route: Man folgt dem asphaltierten, später geschotterten Wirtschaftsweg hinauf zur Alpe Kammeregg. Der Weg führt durch Weideland und lichten Wald.
Zeitbedarf: Ein durchschnittlich fitter Pilot mit 12-15 kg Ausrüstung benötigt etwa 20 bis 30 Minuten bis zum Startplatz. Ultraleicht-Piloten schaffen es in 15 Minuten.
Ziel: Der Startplatz liegt nicht an der Hütte selbst, sondern etwa 100 Höhenmeter unterhalb bzw. in der ersten Kehre ab Parkplatz rechts weg in der Flanke. Hier ist Aufmerksamkeit gefragt: Oft läuft man im „Trott“ einfach weiter hoch zur Hütte und verpasst den Abzweig in die Startwiese. Die Beschreibungen variieren leicht, aber der Startplatz ist meist durch einen Windsack und zertrampelte Wiese erkennbar.
Wichtiger Hinweis zum Gipfel: Es ist verlockend, bis ganz nach oben zum Jägerdenkmal aufzusteigen (ca. 1,5 Stunden weiter). Der Ausblick ist grandios. Aber: Ein Start vom Gipfel ist strikt verboten!. Das Gelände dort oben ist steinig, ausgesetzt und naturschutzfachlich sensibel. Wer dort auslegt und startet, riskiert nicht nur seine Knochen (Lee-Wirbel an der Gipfelkante!), sondern provoziert aktiv die Behörden. Der offizielle Startplatz ist die einzige legale Option.
Der Grünten ist meteorologisch ein faszinierender Solitär. Seine exponierte Lage macht ihn zu einem frühen Indikator für Wetteränderungen, birgt aber auch spezifische Risiken, die man kennen muss.
Das Westwind-Phänomen
Der Grünten ist der klassische Westwindberg im Oberallgäu. Wenn an anderen Bergen wie dem Nebelhorn (der eher thermisch und süd-orientiert funktioniert) noch nichts geht oder der Wind ungünstig steht, kann am Grünten oft schon geflogen werden. Der Westwind prallt auf die breite Flanke und wird gezwungen, aufzusteigen. Dies erzeugt ein breites, tragendes Band an dynamischem Aufwind (Soaring).
Gefahr: Der Düsen-Effekt Wenn der überregionale Westwind jedoch zu stark wird ( > 20-25 km/h Prognosewind auf 1500m), wird der Grünten zur Falle. Die Luftmassen werden um den solitären Kegel herumgepresst. An den seitlichen Abrisskanten (Richtung Burgberg im Norden und Rettenberg im Süden) entstehen massive Venturi-Effekte mit enormen Windgeschwindigkeiten. Wer hier hinausfliegt, wird gnadenlos ins Lee versetzt. Bei Starkwind muss man zwingend zentral vor der Flanke bleiben.
Der „Bayerische Wind“ – Der unsichtbare Feind
Eine Besonderheit des lokalen Klimas ist der sogenannte „Bayerische Wind“. Dies ist ein regionaler Ausgleichswind aus Nord-Ost, der oft an thermisch guten Tagen ab dem Mittag einsetzt. Er strömt aus dem Alpenvorland durch das Tal bei Wertach und drückt über das Oberjoch in das Ostrachtal und Illertal.
Das Problem: Der Startplatz am Grünten ist nach Westen ausgerichtet. Der Bayerische Wind kommt aus Nord-Ost – also genau von hinten über den Berg!
Die Falle: Während am Startplatz im Lee des Berges noch vermeintlich ruhige Bedingungen oder leichter thermischer Aufwind herrschen, tobt oben am Grat und in den höheren Luftschichten bereits der Nord-Ost-Wind. Sobald man startet und etwas Höhe gewinnt oder eine Thermik ausdreht, kommt man in die Scherungsschicht. Der Schirm wird massiv deformiert, das Vorwärtskommen gegen den Wind wird unmöglich, und man wird in die turbulente Leewalze auf der Westseite gedrückt.
Indikatoren: Beobachten Sie unbedingt die Rauchfahnen im Tal und den Wind am Landeplatz. Wenn dort der Wind auf Nord-Ost dreht, während am Startplatz noch West ist, ist absolute Vorsicht geboten. Auch Wolken, die über den Grat „schwappen“ oder sich dort schnell auflösen, sind Warnzeichen.
Thermikquellen: Wo die Bärte stehen
Die Thermik am Grünten ist oft zerrissen, da der Westwind die Blasen verbläst. Dennoch gibt es verlässliche Triggerpunkte (Abrisspunkte):
Der Hausbart (Kammeregg-Rippe): Oft löst sich die Thermik direkt links (nördlich) vom Startplatz an der Waldkante oder leicht versetzt über der Kammereggalpe. Hier muss man eng drehen und den Bart zentrieren, bevor er vom Wind an den Hang gedrückt wird.
Der Steinbruch: Ein klassischer Triggerpunkt, der in vielen alten Berichten erwähnt wird, ist der Bereich des ehemaligen Steinbruchs. Das offene Gestein heizt sich stärker auf als die umliegende Vegetation. Auch wenn der Steinbruch teilweise renaturiert ist, wirkt die geologische Struktur weiterhin als Wärmespeicher. Wenn die Sonne ab dem frühen Nachmittag voll in die Westflanke scheint, findet man hier oft bockiges, aber starkes Steigen.
Die Rippen: Die Westflanke ist von mehreren Geländerippen durchzogen. Bei seitlichem Wind lohnt es sich, diese Rippen abzufliegen, da sich an ihnen die Thermikblasen sammeln und ablösen.
Der Startplatz selbst ist funktional, aber kein Golfplatz. Er erfordert solide Starttechnik, besonders bei stärkerem Wind.
Technische Daten
Höhe: Ca. 1.100 m MSL. Startüberhöhung zum Landeplatz ca. 350-400 Meter.
Ausrichtung: West (W) bis Süd-West (SW).
Untergrund: Wiese. Unebenheiten durch Weidevieh (Trittspuren) sind möglich. Keine Matten.
Start-Taktik und Psychologie
Da der Startplatz in einer Schneise liegt, wird der Wind hier oft kanalisiert.
Rückwärtsstart: Ist am Grünten die Standardmethode und dringend empfohlen. Der Wind steht oft stetig an. Ein Vorwärtsstart ist meist nur an sehr schwachen Tagen nötig.
Kontrollblick: Der wichtigste Blick vor dem Start geht nicht nach vorne ins Tal, sondern nach oben zum Gipfel (Antenne) und zu den Wolken. Bewegen sich die Wolken am Gipfel schnell aus Süd oder Ost? Dann Finger weg, auch wenn es am Startplatz ruhig wirkt. Sie starten sonst direkt in eine Föhn- oder Leefalle.
Die Zuschauer: Der Startplatz liegt nahe am Wanderweg. Oft stehen Wanderer am Zaun und schauen zu. Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen („Startdruck“). Brechen Sie ab, wenn es nicht passt. Ein missglückter Start vor Publikum ist peinlicher (und schmerzhafter) als ein Abbruch.
Ist man erst einmal in der Luft, entfaltet der Grünten sein ganzes Potenzial.
Das Soaring-Erlebnis
Der Grünten ist berühmt für seine Abendflüge. Wenn die Thermik am späten Nachmittag nachlässt („Öl-Thermik“) und der Wind laminar ansteht, kann man hier stundenlang vor der Kulisse des Sonnenuntergangs soaren. Man pendelt zwischen Kammeregg und den südlichen Ausläufern hin und her. Es ist ein meditatives Fliegen, das für den Stress des Aufstiegs entschädigt.
Vorsicht: Zu dieser Zeit ist der Luftraum oft voll. Alle Locals sind in der Luft. Die Ausweichregeln (Hangflugregeln: Berg rechts hat Vorfahrt) müssen intuitiv sitzen.
Streckenflug-Potenzial
Obwohl der Grünten oft als „Feierabendberg“ gilt, ist er ein ernstzunehmender Startplatz für Streckenflüge (XC).
Route Richtung Süden: Der Klassiker ist der Sprung vom Grünten nach Süden zum Mittag (Immenstadt) und weiter in die Nagelfluhkette. Der Talquersprung über das Illertal bei Sonthofen ist jedoch anspruchsvoll. Man benötigt viel Höhe (Basis), um sicher auf der anderen Seite am Mittag oder Immenstädter Horn anzukommen, ohne im Talwind „abgespült“ zu werden.
Route Richtung Osten: Der Weg Richtung Spieser / Iseler (Ostrachtal) ist gegen den oft vorherrschenden Westwind mühsam, aber bei schwachwindigen Lagen machbar. Hierbei fliegt man gegen den „Bayerischen Wind“ an, was taktisch kluges Fliegen erfordert.
Der offizielle Landeplatz liegt strategisch günstig, aber technisch nicht trivial.
Lage: Nahe der Talstation der ehemaligen Grüntenbahn. Er ist von oben gut durch den Parkplatz und die Gebäude der Talstation identifizierbar.
Wind: Im Talboden herrscht oft ein anderer Wind als oben. Meist setzt sich ein Talwind aus Nord (Illertal) durch. Das bedeutet: Landung oft Richtung Nord. Aber: Lokale Effekte durch Seitentäler können den Wind drehen. Ein Blick auf den Windsack und Rauchfahnen im Dorf ist obligatorisch.
Hindernisse: Achten Sie auf Stromleitungen, die oft entlang der Straßen oder zu den Höfen führen. Auch Zäune (Weidehaltung) sind im Allgäu allgegenwärtig und aus der Höhe schlecht sichtbar.
Landeeinteilung: Fliegen Sie eine saubere Volte (Position, Gegenanflug, Queranflug, Endanflug). Wilde „Ab achtern“-Manöver oder Spiraleinlagen bis zum Boden sind hier tabu, besonders wegen der Nähe zu Agathazell und der kritischen Beobachtung durch Anwohner.
Außenlandeverbot: Landen Sie nur auf dem offiziellen Landeplatz. Die Wiesen rund um den Grünten werden intensiv landwirtschaftlich genutzt. Eine Landung im hohen Gras (Futterwiese) kurz vor der Mahd ist für den Bauern ein wirtschaftlicher Schaden (Verschmutzung des Futters, Niederdrücken). Das Allgäuer Landwirtschaftsrecht und die Toleranz der Bauern sind hier sehr strikt. Sollte eine Außenlandung unvermeidbar sein (Sicherheit geht vor):
Schirm sofort zusammenraffen (Rosette).
Auf dem kürzesten Weg (in Traktorspuren!) die Wiese verlassen.
Auf befestigtem Weg packen.
Nicht diskutieren, sondern entschuldigen, falls der Bauer kommt.
Sollte der Grünten wegen der strengen Regeln oder des Windes nicht passen, bietet das Oberallgäu exzellente Alternativen. Ein Vergleich lohnt sich, um den richtigen Spot für den Tag zu wählen.
Merkmal Grünten Mittag (Immenstadt) Nebelhorn (Oberstdorf) Spieser (Unterjoch) Charakter Hike & Fly, Exklusiv Bahnberg, Allrounder Hochalpin, Anspruchsvoll Kleiner Wiesenbuckel, H&F/Lift Zugang Jahreskarte (schwierig) Tageskarte an Bahn Tageskarte an Bahn
Tagesmitgliedschaft (PayPal)
Aufstieg 30 min Fußmarsch Sessellift (bequem) Kabinenbahn (hoch) Fuß oder Schlepplift (Winter) Wind West (W) Nord (N) bis Ost (O) Süd (S) bis West (W) Nord (N) bis Ost (O) Crowd Wenig (wg. Regeln), Locals Hoch (Bahn) Hoch (Tourismus) Mittel Besonderheit Agathazell-Konflikt Startrampe, Toplanden Höfatsblick, hochalpin Anfängertauglich
Der Spieser als freundliche Alternative: Besonders der Spieser im Ostrachtal (verwaltet von den Ostrachtaler Gleitschirmfliegern) ist eine interessante Alternative. Hier herrscht zwar auch eine Mitgliedschaftspflicht, aber der Verein hat ein modernes, gastfreundliches System etabliert: Die Tagesmitgliedschaft kann einfach per PayPal (2,50 €) gelöst werden. Das ist ein krasser Gegensatz zur restriktiven Politik am Grünten und macht den Spieser für Gastflieger deutlich attraktiver, wenn der Wind (Nord/Ost) passt.
Da der Grünten ein Hike & Fly Berg geworden ist, hat sich auch die optimale Ausrüstung gewandelt.
Schirm: Ein leichter Intermediate (B-Schirm) oder ein dedizierter Hike & Fly Schirm ist ideal. Man braucht keine Hochleistungs-Sichel, um hier Spaß zu haben. Agilität für enge Thermik ist wichtiger als Gleitzahl.
Gurtzeug: Ein leichtes Wendegurtzeug oder ein String-Gurtzeug mit Airbag spart Gewicht beim Aufstieg. Da man keine stundenlangen Strecken fliegt, ist der Sitzkomfort eines schweren Pod-Gurtzeugs oft zweitrangig (außer man plant den großen Sprung).
Schuhwerk: Knöchelhohe Bergschuhe sind Pflicht. Der Startplatz ist eine Wiese, aber der Aufstiegsweg kann rutschig sein.
Elektronik: Ein Vario mit GPS ist hilfreich, um die Lufträume (Agathazell) zu überwachen. Ein Funkgerät (LPD/PMR oder Flugfunk) erhöht die Sicherheit und ermöglicht Kommunikation mit Locals.
Zum Abschluss noch ein Blick auf das, was den Grünten jenseits der Thermik ausmacht. Der Berg ist ein Stück Allgäuer Identitätsgeschichte.
Bergbau: Jahrhundertelang wurde am Grünten Eisenerz abgebaut. Die „Erzgruben-Erlebniswelt“ zeugt davon. Diese Historie erklärt auch die vielen Wege und die besiedelte Struktur des Berges. Er ist kein unberührter Wildnis-Gipfel, sondern eine Kulturlandschaft.
Das Jägerdenkmal: Am Gipfel erinnert das Denkmal an die gefallenen Gebirgsjäger. Es ist ein Ort der Stille. Wer dort oben steht (ohne Schirm!), spürt die Geschichte.
Der Sendemast: Der BR-Sender ist Orientierungspunkt für Piloten im ganzen Voralpenland. „Am Sender vorbei“ ist eine klassische Wegbeschreibung.
Fazit
Der Grünten ist ein Juwel, aber eines mit scharfen Kanten. Er schenkt nichts. Man muss sich den Aufstieg erkämpfen, man muss sich die Startberechtigung organisieren, und man muss sich fliegerisch gegen komplexe Windsysteme und enge Lufträume behaupten. Wer nur „schnell mal fliegen“ will, ist am Mittag oder Nebelhorn besser aufgehoben. Wer aber bereit ist, sich auf die Regeln dieses Berges einzulassen, wer die Fitness mitbringt und die Demut vor der Natur und den Locals, der wird mit Flügen belohnt, die an Intensität und landschaftlicher Schönheit kaum zu überbieten sind. Der „Wächter“ lässt nicht jeden gewähren – aber wen er akzeptiert, den trägt er auf Händen.
Disclaimer: Die Situation am Grünten, insbesondere bezüglich Zugangsbeschränkungen und Liftbetrieb, ist dynamisch. Vor jedem Flug ist eine aktuelle Recherche bei der Flugschule Rohrmeier / Milz oder im DHV-Geländedatenbank zwingend erforderlich.