
1 Startplatz, 1 Landeplatz
Ausführliche Recherche und lokales Wissen
Der ultimative Pilotenguide: Eschlkam, Hoher Bogen und der Lamer Winkel Einleitung: Eine fliegerische Enklave zwischen Bayern und Böhmen
Tief im Osten Bayerns, dort wo sich die topographischen Wellen des Bayerischen Waldes zu ihren höchsten Kämmen aufbäumen und nahtlos in den tschechischen Böhmerwald (Šumava) übergehen, liegt ein Flugrevier von unterschätzter Komplexität und Schönheit. Der Lamer Winkel, dominiert von den markanten Silhouetten des Hohen Bogen (1079 m), des Osser (1293 m) und des Arber-Massivs, stellt für den Luftsportler ein Areal dar, das sich fundamental von den klassischen Alpenfluggebieten unterscheidet. Es ist eine Region der Kontraste, in der sanfte Soaring-Bedingungen auf thermisch brachiale Waldrücken treffen und in der die meteorologische Gemengelage oft eigene Gesetze schreibt.
Dieser Bericht dient als umfassendes Kompendium für den ambitionierten Gleitschirm- und Drachenpiloten. Er transzendiert die oberflächlichen Informationen gängiger Datenbanken wie des DHV-Portals und dringt in die Tiefe des lokalen Expertenwissens vor. Wir analysieren nicht nur die Start- und Landeplätze, sondern dekonstruieren die mikrometeorologischen Phänomene wie den berüchtigten „Böhmwind“, beleuchten die soziokulturelle Bedeutung des 1. Gleitschirmvereins Bayerwald e.V. (1. GVB) und liefern logistische Blaupausen für einen reibungslosen Flugtag.
Im Zentrum der Betrachtung steht das Spannungsfeld zwischen dem Hohen Bogen als thermischer XC-Rampe („Cross Country“) und dem Übungshang Eschlkam als unverzichtbarem Refugium für die windstarken Wintermonate. Beide Geländetypen sind symbiotisch miteinander verbunden: Wenn die alpine Thermik im Winterschlaf liegt oder stabile Hochdrucklagen die Höhenflüge unterbinden, erwacht Eschlkam zum Leben. Umgekehrt bietet der Hohe Bogen das Potenzial für weite Streckenflüge, sobald die Frühjahrsthermik die bewaldeten Flanken aufheizt.
Eschlkam wird in der DHV-Geländedatenbank oft lapidar als „Übungshang“ mit 30 Metern Höhenunterschied geführt. Diese nüchterne Klassifizierung verkennt jedoch die immense strategische Bedeutung des Geländes für die regionale Fliegerszene. Eschlkam ist weit mehr als eine Schulungswiese; es ist ein soziokultureller und meteorologischer Hotspot für die Groundhandling-Elite und Soaring-Enthusiasten. Gerade in den kalten Monaten, wenn Inversionswetterlagen oder stürmische Höhenwinde die Gipfelstarts am Arber oder Hohen Bogen unmöglich machen, wird Eschlkam zum Zentrum des bayerischen Flugsports.
Um die Relevanz von Eschlkam zu verstehen, muss man die großräumigen Wetterlagen betrachten, die dieses Gebiet aktivieren. Der entscheidende Faktor ist die Windrichtung Nordost (NO) bis Ost (O).
Das Phänomen „Böhmwind“
Diese Strömung, in der Schweiz als „Bise“ und im Bayerwald lokal als „Böhmwind“ bekannt, transportiert kalte, dichte Kontinentalluft aus den Hochdruckgebieten über Osteuropa (oft Russland oder Ukraine) nach Westen.
Laminare Qualität: Da diese Luftmassen oft hunderte Kilometer über die relativ flachen Hochebenen Böhmens geströmt sind, bevor sie bei Eschlkam auf die erste signifikante orografische Barriere des Bayerischen Waldes treffen, ist der Wind hier oft von erstaunlicher Laminarität. Turbulenzen, wie sie bei Westwindlagen durch vorgelagerte Hügelketten entstehen, fehlen fast völlig.
Der Düseneffekt: Die Topographie rund um den Markt Eschlkam fungiert als leichte Düse. Ein auf der überregionalen Wetterkarte moderat prognostizierter Wind von 10–15 km/h kann an der Hangkante durch lokale Kompressionseffekte auf ideale 20–25 km/h anwachsen. Dies ermöglicht nicht nur das Groundhandling („Kiten“), sondern auch echtes Soaring, bei dem Piloten stundenlang im dynamischen Aufwindband „parken“ können.
Die Inversions-Resilienz
Ein weiterer Vorteil von Eschlkam ist seine Lage auf ca. 509 m NN. Während die Gipfel des Hohen Bogen (über 1000 m) bei winterlichen Hochdrucklagen oft über der Inversion in toter Luft liegen oder von Scherwinden zerrissen werden, profitiert Eschlkam von der stabilen Schichtung unterhalb der Inversion. Der kalte Ostwind füllt das Tal wie eine zähe Flüssigkeit aus und sorgt für konstante Bedingungen, die im Hochgebirge zu dieser Jahreszeit selten sind.
Die Nutzung des Geländes in Eschlkam ist kein garantiertes Recht, sondern ein Privileg, das auf jahrzehntelanger Diplomatie des 1. GVB mit den lokalen Landwirten und Grundstückseigentümern beruht. Die Infrastruktur ist minimalistisch, aber funktional, und unterliegt strengsten Verhaltensregeln.
Die saisonale Schranke: Das Gesetz des Wachstums
Das wohl wichtigste Stück „Insider-Wissen“, das in keinem automatisierten Wetterbericht steht, ist die saisonale Beschränkung: Flugbetrieb ist strikt nur von Oktober bis März gestattet.
Hintergrund: Diese Regelung basiert auf der Vegetationsperiode. Die Wiesen dienen der Heugewinnung. Sobald im Frühjahr (meist Anfang April) das Gras zu sprießen beginnt („Vegetationsphase“), ist das Betreten der Flächen tabu, um Ernteausfälle durch zertretenes Gras zu vermeiden.
Saisonstart und -ende: Der genaue Startschuss fällt meist im Oktober, nachdem die letzte Mahd erfolgt ist oder die Wiesen „gegüllt“ wurden. Das Ende wird oft flexibel je nach Witterung im März verkündet. Piloten sind verpflichtet, die „Aktuellen Meldungen“ auf der Vereinswebseite (www.1gvb.de) zu konsultieren, bevor sie anreisen. Ein Verstoß gegen diese Zeiten gefährdet den Pachtvertrag existenziell.
Das Parkplatz-Paradigma am Kunstwanderweg
Die Logistik vor Ort ist durch die Lage am touristisch genutzten „Kunstwanderweg“ definiert. Hier herrscht Null-Toleranz bezüglich Falschparken.
Parkverbot an der Wiese: Es ist strengstens untersagt, direkt bis an die Wiese, in die kleinen Seitenstraßen unterhalb des Geländes oder entlang der Hauptstraße zu fahren. Dies führt unweigerlich zu Konflikten mit Anwohnern und Landwirten, deren schwere Maschinen die Wege benötigen.
Der einzig legale Parkplatz: Fahrzeuge müssen zwingend auf dem offiziellen, ausgeschilderten Parkplatz des Kunstwanderwegs abgestellt werden.
Der Fußmarsch: Von dort erfolgt der Zugang zum Startplatz zu Fuß. Dieser kurze Marsch (ca. 5–10 Minuten) dient auch als Aufwärmphase und Filter: Wer zu bequem für den Fußweg ist, hat in diesem sensiblen Gelände nichts verloren.
No-Go Area „Kirchenbuckel“: Eine historische Besonderheit ist die Wiese direkt unterhalb der Kirche („Kirchenbuckel“). Diese war früher beliebt, ist aber seit Oktober 2016 explizit für Aufziehübungen gesperrt (teilweise eingezäunt).
Das Gelände bietet physikalisch nur etwa 30 bis 40 Meter Höhenunterschied. Doch diese Zahl täuscht über den Trainingswert hinweg. Eschlkam ist das Laboratorium, in dem Piloten ihre Schirmbeherrschung perfektionieren.
Rückwärtsstart-Training: Die Neigung des Hanges ist ideal, um die komplexe Mechanik des Rückwärtsaufziehens zu verinnerlichen. Die laminare Anströmung erlaubt es, den Schirm minutenlang im Zenith zu halten, seitlich abzulegen (Kobra-Start-Training) oder kontrolliertes Stall-Punkt-Erfühlen zu üben, ohne die Gefahr, ausgehebelt zu werden, wie es in turbulenteren Geländen der Fall wäre.
Touch-and-Go Soaring: Bei idealem Wind (ca. 15–20 km/h) entsteht ein Aufwindband, das genau die Hangkante abdeckt. Piloten lernen hier das energiesparende Fliegen: Jeder Steuerimpuls vernichtet Höhe, die man nur schwer zurückgewinnt. Es ist ein Spiel mit der potenziellen Energie – wer hier oben bleibt, hat das Feingefühl für schwache Bedingungen gelernt.
Toplanden: Aufgrund der geringen Höhe ist das Toplanden (Landen am Startplatz) oft die einzige Option, um nicht ständig hochlaufen zu müssen. Dies schult die Präzision bei der Landeeinteilung unter Starkwindbedingungen enorm.
Verlässt man das Tal von Eschlkam und blickt nach Süden, dominiert der Hohe Bogen (1079 m) die Szenerie. Er ist das Gegenstück zu Eschlkam: Ein klassischer Mittelgebirgsrücken, bewaldet, steil und thermisch aktiv. Er ist die Arena für den ernsthaften Streckenflug (XC), aber auch ein Berg, der Respekt und taktisches Verständnis fordert.
Der Hohe Bogen verfügt über zwei primäre Startbereiche, die technisch höchst unterschiedlich sind und je nach Windkomponente gewählt werden müssen.
Der Nord-Start („Schneisenstart“) – Ahornriegel N
Koordinaten: N 49°14'06.00" E 12°56'31.00", Höhe 1033 m.
Lage: Dieser Startplatz befindet sich in einer Waldschneise, oft in der Nähe der Skipisten-Infrastruktur.
Aerodynamik der Schneise: Schneisenstarts sind aerodynamisch tückisch. Der Wald an den Seiten kanalisiert den Wind (Düseneffekt), erzeugt aber bei auch nur leichtem Seitenwind massive Leewirbel und Rotoren an den Rändern. Ein sicherer Start ist hier oft nur bei exaktem Vorwind (N bis NNO) möglich.
Die „No-Return“-Entscheidung: Aufgrund der dichten Bewaldung unterhalb des Startplatzes gibt es keinen Raum für Fehler oder verzögerte Entscheidungen. Ein Startabbruch muss frühzeitig erfolgen. Nach dem Abheben („Commitment“) muss der Pilot sofort Fahrt aufnehmen und aktiv aus dem Einflussbereich der Baumwipfel fliegen. Ein „Aushungern“ des Schirms ist hier fatal.
Winterbetrieb: Eine Besonderheit ist die Koexistenz mit dem Skibetrieb. Oft ist der Startplatz im Winter geschlossen oder nur eingeschränkt nutzbar, wobei eine strikte Trennung von Piste und Startbereich erforderlich ist.
Der Nordost-Start – Ahornriegel NO
Koordinaten: N 49°14'10.74" E 12°56'33.20", Höhe 990 m.
Charakteristik: Dieser Startplatz liegt etwas tiefer und bedient die klassische „Böhmwind“-Richtung. Er bietet direkten Zugang zu den dynamischen Aufwinden, die an der NO-Flanke des Berges entstehen.
Taktik: Hier ist oft Soaring möglich, noch bevor die thermische Aktivität einsetzt. Vorsicht ist jedoch bei zu starkem Ostwind geboten, da der Grat oberhalb des Startplatzes dann Turbulenzen erzeugen kann („Überströmen“).
Ein klassischer Unfallschwerpunkt und eine Zone, die lokale Piloten mit Vorsicht behandeln, ist der Bereich um den Berggasthof Schönblick.
Die Topographie: Das Gelände fällt hier nach Südosten ab. Bei der am Hohen Bogen vorherrschenden NO- oder N-Strömung liegt dieser Bereich im aerodynamischen Lee des Bergkamms.
Die Gefahr: Piloten, die versuchen, zu nah am Gasthof zu soaren oder dort vermeintliche Thermik zu suchen („Kratzen“), geraten unvermittelt in starke Sinkbereiche und Turbulenzen. Der Wind, der über den Grat strömt, drückt die Luftmassen hier nach unten.
Die Regel: Halten Sie sich bei NO-Wind strikt an die Luv-Seite (die dem Wind zugewandte Seite). Ein Überfliegen des Grats in Richtung Süden oder Südosten sollte erst erfolgen, wenn eine deutliche Sicherheitshöhe (mindestens 500 m Startüberhöhung) erreicht ist, um den Turbulenzbereich sicher zu überqueren.
Lokale Piloten und Berichte in Foren weisen immer wieder auf eine ausgeprägte „Mittagspause“ am Hohen Bogen hin.
Meteorologische Interpretation: Dieser Begriff bezeichnet meist nicht das Pausieren des Liftbetriebs, sondern ein temporäres „Einschlafen“ der nutzbaren Thermik oder eine Phase der Stabilität um die Mittagszeit. Oft stellt sich im Bayerwald mittags ein überregionaler Wind ein, der die thermischen Ablösungen am Hang stört („Zerrissene Thermik“). Alternativ kann eine Inversion, die sich im Laufe des Vormittags gehoben hat, mittags kurzzeitig deckeln.
Taktische Konsequenz: Für XC-Piloten bedeutet dies, dass Zeitmanagement kritisch ist. Der Start sollte idealerweise so getimt werden, dass man vor der Mittagsdelle bereits Arbeitshöhe gemacht und den Hausbart verlassen hat. Wer um 13:00 Uhr noch am Hang „bastelt“, riskiert das „Absaufen“ (unfreiwillige Landung), da die Zyklen langatmig werden und das Sinken zunimmt.
Der offizielle Landeplatz an der Talstation, intern oft „Hobo“ genannt (574 m MSL, N 49°14'36.00" E 12°58'33.00"), hat unter Piloten einen zweifelhaften Ruf.
Charakteristik: Er wird offiziell als „schwer“ eingestuft. Er ist relativ eng, von Gebäuden und Infrastruktur (Parkplatz, Lift) umgeben und liegt oft direkt im thermischen Einzugsbereich.
Die Thermik-Falle: Da der Landeplatz im Tal oft genau dort liegt, wo sich Thermikblasen vom Boden lösen („Auslösezone“), kann es im Endanflug zu extremem Steigen oder plötzlichem Sinken kommen. Ein ruhiges Ausgleiten ist an thermisch aktiven Tagen selten.
Die Alternative: Erfahrene Piloten und auch die Gastflugregeln empfehlen oft, auf die Wiesen nördlich des Waldrandes bei Neukirchen auszuweichen, sofern dies saisonal toleriert wird (Wuchshöhe der Wiesen beachten!). Diese Flächen bieten deutlich mehr Raum, eine hindernisfreie Anströmung und erhöhen die Sicherheitsmarge signifikant, erfordern aber einen längeren Rückweg zum Auto oder zur Bahn.
Vom Hohen Bogen aus öffnet sich der Bayerische Wald als wahre „Rennstrecke“ für Streckenjäger. Die Orientierung ist hierbei oft durch die markanten Bergrücken vorgegeben, die wie natürliche Leitlinien wirken.
Die „Rennstrecke“ zum Arber (Südost-Achse)
Dies ist die Königsroute des Bayerwalds, oft geflogen bei Nord- bis Nordostlagen.
Startphase: Nach dem Start am Ahornriegel gilt es, Basishöhe zu machen (oft > 1600 m MSL).
Der Kaitersberg-Sprung: Die erste große Hürde ist der Übergang zum Kaitersberg-Massiv. Hier muss oft das Zellertal bei Bad Kötzting gequert werden. Diese Querung ist taktisch anspruchsvoll, da hier oft Talwindsysteme aufeinandertreffen, die das Sinken verstärken können. Eine ausreichende Abflughöhe ist essenziell.
Der Ridge Run: Hat man den Kaitersberg erreicht, funktioniert der Flug oft wie am Schnürchen („Ridge Run“). Man folgt dem Grat über den Kleinen Arber bis zum Großen Arber (1456 m), dem höchsten Punkt des Bayerwalds.
Rückflug: Ambitionierte Piloten versuchen oft, ein flaches Dreieck (FAI) zu schließen, indem sie über den Lamer Winkel zurückfliegen.
Die Flachland-Option (Nordwest)
Bei einer reinen Nordlage oder wenn die Basis über dem Wald zu niedrig ist, kann man vom Hohen Bogen auch ins Flachland Richtung Cham fliegen. Dies ist oft entspannter, da weniger geschlossener Wald überflogen werden muss („Waldangst“ vermeiden). Thermisch sind die Bedingungen hier oft schwächer als über den „Wald-Autobahnen“ der Bergrücken, aber die Wolkenstraßen können bis weit in die Oberpfalz reichen.
Der Hohe Bogen und besonders die benachbarten Berge Osser und Dieberg liegen in direkter Schlagdistanz zur tschechischen Grenze (Tschechische Republik / CZ).
Schengen und VFR: Seit dem EU-Beitritt und dem Schengen-Abkommen ist der Überflug physisch kein Problem mehr – es gibt keine Grenzkontrollen in der Luft. Luftrechtlich ist es jedoch anspruchsvoll.
Tschechische Luftraumstruktur: In Tschechien gelten teils andere Untergrenzen für kontrollierte Lufträume (TMA/CTR) als in Deutschland. Oft beginnt der kontrollierte Raum schon in Höhen, die für XC-Piloten relevant sind (z.B. FL 95 als Obergrenze in vielen Gebieten, aber lokale TMAs können tiefer liegen). Piloten müssen zwingend aktuelle, digitale ICAO-Karten (via Skytraxx, Oudie, XCTrack) nutzen, die auch die tschechischen Sektoren anzeigen.
Gefahr bei Westwind: Am Osser und Dieberg besteht bei starkem Westwind die Gefahr, ungewollt nach Tschechien „verblasen“ zu werden. Ein Rückflug gegen den Wind ist bei zunehmender Windstärke oft unmöglich.
Retrieve-Logistik: Eine Landung in Tschechien erfordert oft eine aufwendige Rückholaktion („Retrieve“). Die Straßenverbindungen über die Grenze sind nicht überall durchgängig, und man muss oft weite Umwege über die offiziellen Grenzübergänge (z.B. Furth im Wald oder Rittsteig) in Kauf nehmen. Ein Mobiltelefon mit Roaming und die Nummer eines lokalen Taxiunternehmens oder Fliegerfreundes sind Pflichtgepäck.
Wenn der Hohe Bogen wegen Nebel, Skibetrieb oder einer ungünstigen Windrichtung (z.B. Westwind) ausfällt, bieten die Nachbarberge wertvolle und taktisch notwendige Optionen.
Der Osser ist der „Wilde“ unter den Bergen des Lamer Winkels. Er ist rau, ursprünglich und weniger erschlossen.
Windfenster: S, SW, W, NW. Damit deckt er perfekt die Richtungen ab, die am Hohen Bogen (N/NO) nicht funktionieren.
Logistik (Walk & Fly): Es gibt hier keine Bergbahn. Der Aufstieg ist Teil des Erlebnisses und erfolgt meist zu Fuß vom Sattelparkplatz (ca. 30–40 Min, ca. 250 Höhenmeter).
Der Rufbus-Hack (Geheimtipp): Ein absoluter Insider-Tipp für Piloten ohne Auto-Shuttle ist der Rufbus (Linie 914).
Route: Er verbindet den Bahnhof Lam (Anschluss an die Oberpfalzbahn) mit dem Wanderparkplatz Sattel.
Voraussetzung: Eine Anmeldung ist zwingend erforderlich (mindestens 60 Minuten vor Abfahrt unter Tel. 09971/1359498).
Vorteil: Dies ermöglicht "Hike & Fly" Touren auch bei Anreise mit der Bahn, was den ökologischen Fußabdruck minimiert.
Startplatz: Die „Osserwiese“ ist ein wunderschöner Naturstartplatz auf 1165 m, aber steinig und alpin anmutend. Trittsicherheit ist beim Auslegen erforderlich.
Lage: Bei Furth im Wald, direkt an der Grenze.
Wind: SW, W, NW.
Besonderheit: Der Startplatz ist ein reiner Schneisenstart auf einer Wildäsungsfläche.
Sicherheitsregel: Nur bei eindeutigem Vorwind starten. Seitenwind führt in der engen Schneise sofort zu gefährlichen Leewirbeln und Rotoren. Eine Einweisung durch den 1. GVB ist hier nicht nur empfohlen, sondern zwingend erforderlich!
Naturschutz: Der nahegelegene Drachensee (Hochwasserspeicher) ist ein sensibles Biotop. Aus Vogelschutzgründen darf er nur bis zur Höhe der Staumauer angeflogen werden. Dies ist strikt einzuhalten, um Konflikte mit Naturschutzbehörden zu vermeiden.
Der Erfolg eines Flugtages im Bayerwald hängt von der korrekten Interpretation der Wetterdaten ab. Der 1. GVB stellt hierfür exzellente Ressourcen zur Verfügung.
Der Verein betreibt mehrere Holfuy-Stationen, deren Daten öffentlich einsehbar sind. Ein Profi liest daraus mehr als nur die Windstärke.
Station Eschlkam (nur Okt-März):
Interpretation: Wenn hier konstanter Nordostwind mit 15–20 km/h ohne starke Böen (Gust factor < 1.5) angezeigt wird, ist „Bise-Alarm“.
Temperatur: Achten Sie auf den Temperaturverlauf. Ein starker Abfall am späten Nachmittag kann das „Einschlafen“ des Windes ankündigen (Stabilisierung).
Station Hohen Bogen:
Interpretation: Hier ist die Windrichtung entscheidend. Ein Drehen von NO auf O kann Turbulenzen am Startplatz Ahornriegel N bedeuten.
Stärke: Da der Startplatz exponiert liegt, sind Werte über 25 km/h oft schon grenzwertig („blown out“), während in Eschlkam dann oft ideale Bedingungen herrschen.
Bevor man die Anfahrt antritt, ist der Blick auf die Webcams Pflicht.
Der Nebel-Check: Oft herrscht im Tal „Böhmische Suppe“ (Hochnebel), während der Gipfel des Hohen Bogen in der Sonne liegt. Die Webcam „Hohenbogen Gipfelstation“ gibt hier Aufschluss.
Schneelage: Im Winter und Frühjahr zeigt die Webcam, ob der Startplatz schneefrei oder vereist ist – wichtig für die Wahl des Schuhwerks (Grödeln/Spikes können beim Start auf Schnee helfen).
Ein Flugtag im Bayerwald endet nicht mit der Landung. Die Einbindung in die lokale Struktur und das Verständnis für die Vereinskultur sind Teil des Erlebnisses.
Der 1. GVB ist der „Hausherr“ und Hüter dieser Gebiete. Mit über 220 Mitgliedern und einer Geschichte von mehr als 35 Jahren ist er eine Institution.
Organisation: Der Verein wird professionell geführt (Vorstand Michael Dümig). Wichtige Events wie das „Retterwurf-Seminar“ im März in Neukirchen oder der „Bayerwald-Cup“ zeugen von einer aktiven Sicherheits- und Sportkultur.
Gastfreundschaft: Der Verein ist bekannt für seine Offenheit gegenüber Gastfliegern, erwartet im Gegenzug aber strikte Regeleinhaltung (besonders Parken und Saisonzeiten). Die Pflege der Fluggebiete (Mähen, Schneisen freischneiden) erfolgt ehrenamtlich – Respekt vor dieser Arbeit ist oberstes Gebot.
Nach dem Flug trifft man sich zur Manöverkritik. Hier gibt es etablierte Hotspots:
Gasthof zur Post (Eschlkam): Direkt im Ort gelegen, ist dies der ideale Anlaufpunkt nach dem Soaring. Der Gasthof ist auch Pilgerherberge am Jakobsweg, man ist also an Wanderer und Outdoor-Sportler gewöhnt.
Gasthof zum Wirt (Vorderbuchberg): Ein klassischer Treffpunkt für Vereinsversammlungen und Stammtische. Wer Anschluss an die lokale Szene sucht, ist hier richtig.
Liftstüberl / Talstation Hohen Bogen: Für den schnellen Kaffee oder das Bier direkt nach der Landung am „Hobo“. Hier trifft man oft Piloten, die auf ihre Rückholer warten.
Zum Abschluss eine Zusammenfassung der kritischen Sicherheitsfaktoren, die in diesem Guide identifiziert wurden.
Schneisenstarts (Hoher Bogen N, Dieberg): Erfordern perfekte Schirmbeherrschung und Startentschlossenheit. Startabbruch bevor man in die Schneise rennt!
Lee-Fallen (Schönblick): Meiden Sie den Bereich hinter Graten bei Seitenwind. Sinken kann hier 5 m/s übersteigen.
Waldlandungen: Der Bayerische Wald macht seinem Namen alle Ehre. Wer absäuft, landet oft im Baum. Ein Baumrettungsset (Bandschlinge, Karabiner) im Gurtzeug kann helfen, sich bis zum Eintreffen der Bergwacht zu sichern.
Grenzüberflug: Achten Sie auf den Windversatz. Eine Außenlandung in Tschechien ist sicherheitstechnisch meist unproblematisch, logistisch aber ein Albtraum.
Zusammenfassende Datentabelle der Fluggebiete Merkmal Eschlkam (Übungshang) Hoher Bogen Osser Dieberg Höhe (Start) 509 m 960 m – 1033 m ~1165 m ~620 m Höhendifferenz 30 – 40 m 320 – 460 m ~565 m ~200 m Windrichtung N, NO, O (Ideal: NO) N, NO S, SW, W, NW SW, W, NW Charakter Soaring, Groundhandling Thermik, XC, Soaring Thermik, Walk & Fly Soaring, Abendthermik Schwierigkeit Einfach (Start), aber Wind beachten Mittel bis Schwer (Schneise!) Mittel (Startplatz alpin) Mittel (Schneise!) Saison Nur Okt – März (Strikt!) Ganzjährig (außer Ski-Konflikt) Mai – Okt (Rufbus), Ganzjährig Ganzjährig (Jagd beachten) Zugang Fußweg (Kunstwanderweg) Sesselbahn / Fuß Fuß (30–45 Min) / Rufbus Fuß (kurz) Besonderheit Bise-Spot, Parkdisziplin! Leefalle Schönblick Grenznähe CZ, Naturerlebnis Grenznähe CZ, Vogelschutz Gastregelung 1. GVB Regeln beachten Einweisung PFLICHT Einweisung empfohlen Einweisung PFLICHT Export to Sheets
Wer den Lamer Winkel besucht, findet kein „Fast-Food-Fluggebiet“ für den schnellen Abgleiter vor. Es ist eine Region für Piloten, die bereit sind, sich mit Meteorologie, Gelände und lokaler Kultur auseinanderzusetzen. Wer dies tut, wird mit Flügen belohnt, die an Schönheit und Intensität den Alpen in nichts nachstehen – sei es beim stundenlangen Soaren im kalten Ostwind von Eschlkam oder beim Ritt über die endlosen Wälder am Hohen Bogen.