
1 Startplatz, 1 Landeplatz
Ausführliche Recherche und lokales Wissen
Die Drehkopf-Fluggebiete: Eine umfassende Analyse für den anspruchsvollen Gleitschirmpiloten Executive Summary
Der Begriff Drehkopf bezeichnet in der mitteleuropäischen Gleitschirmszene zwei wesentliche, jedoch grundverschiedene fliegerische Schwerpunkte, die beide eine exakte Planung und fundiertes meteorologisches Wissen erfordern. Der offizielle, in der DHV-Datenbank registrierte Startplatz Drehkopf befindet sich im Schwarzwald am Feldbergmassiv und ist als anspruchsvolles Ost-Gelände mit einer Höhendifferenz von etwa 170 Metern klassifiziert. Er stellt hohe Anforderungen an die Starttechnik in Waldschneisen und ist primär für Vormittagsthermik und lokales Soaring geeignet. Parallel dazu existiert der Drehkopf im Ammergebirge bei Schwangau (1312 m), der zwar keinen eigenständigen DHV-Eintrag als Startplatz besitzt, jedoch als eines der renommiertesten Hike-and-Fly-Ziele im Schatten des Tegelbergs gilt. Dieser Guide analysiert beide Standorte tiefgreifend und beleuchtet die komplexen Windsysteme wie den Bayerischen Wind, die Gefahren von Leewalzen bei Westwindlagen sowie die logistischen und sicherheitsrelevanten Aspekte, die weit über Standardinformationen hinausgehen. Piloten erhalten hier eine detaillierte Entscheidungshilfe bezüglich Ausrüstung, XC-Potenzial und lokaler Besonderheiten, um sowohl im Schwarzwald als auch in den Allgäuer Alpen sicher und genussvoll zu operieren.
Geographische Einordnung und topographische Merkmale
Die Analyse der Drehkopf-Standorte erfordert zunächst eine präzise räumliche Differenzierung, da Fehlinterpretationen zu logistischen Fehlplanungen führen können. Der Standort im Schwarzwald ist ein klassisches Mittelgebirgsgelände, während der Allgäuer Drehkopf den Übergang vom Voralpenland in das hochalpine Gelände markiert.
Der Drehkopf am Feldberg (Schwarzwald)
Dieser Startplatz ist fest in der Infrastruktur des Baden-Württembergischen Gleitschirmfliegens verankert. Er liegt in der Gemeinde Feldberg und wird durch das d'Wälder Drachenflieger e.V. betreut. Die Topographie ist geprägt von dichten Nadelwäldern und einer markanten Ostflanke, die früh am Tag thermisch aktiv wird.
Parameter Wert (Startplatz) Wert (Landeplatz) Genaue GPS-Koordinaten N 47°51'36.81" E 8°05'34.63" N 47°51'42.92" E 8°06'15.96" Höhe über NN 1135 m 965 m Höhendifferenz 170 m - Hauptstartrichtung O (Ost) - Geländeart Waldschneise Freie Wiese Export to Sheets
Die geringe Höhendifferenz von nur 170 Metern macht deutlich, dass dieser Platz kein klassischer "Abgleiter-Berg" ist. Ohne thermische Unterstützung oder dynamischen Aufwind ist der Flug nach wenigen Minuten beendet. Dies bedingt eine hohe Sensibilität für das Timing des Starts.
Der Drehkopf bei Schwangau (Allgäu)
Im Gegensatz zum Schwarzwälder Pendant ist der Drehkopf im Allgäu (1312 m) ein Symbol für die Freiheit des Hike-and-Fly-Sports. Er liegt geografisch zwischen dem Tegelberg (1707 m) und dem Buchenberg (1137 m). Fliegerisch ist er eng mit dem Fluggebiet Tegelberg verknüpft, wobei er oft als ruhigere Alternative genutzt wird, wenn der Trubel an der Tegelbergbahn-Talstation zu groß ist. Die Nähe zu den Königsschlössern Neuschwanstein und Hohenschwangau verleiht Flügen von hier eine weltweit einzigartige Ästhetik.
Zugang und Logistik: Die Wege zum Gipfel
Die Erschließung der Drehkopf-Standorte unterscheidet sich fundamental in Bezug auf den physischen Aufwand und die verfügbare Infrastruktur. Während im Allgäu moderne Bergbahnen in der unmittelbaren Nähe operieren, ist der Schwarzwälder Drehkopf ein Revier für Puristen.
Erreichbarkeit im Schwarzwald
Der offizielle DHV-Startplatz am Feldberg ist ausschließlich zu Fuß zu erreichen. Dies schränkt die Frequenz der Flüge ein, sorgt aber für eine ruhige Atmosphäre am Startplatz.
Anreise: Die Navigation erfolgt über die Gemeinde Feldberg (79868). Parkplätze finden sich im Bereich Altglashütten oder auf den Wanderparkplätzen entlang der B317.
Fußweg: Der Aufstieg vom Landeplatz zum Startplatz nimmt je nach Kondition und Ausrüstungsgewicht etwa 20 bis 30 Minuten in Anspruch. Der Weg führt über forstwirtschaftlich genutzte Pfade und erfordert festes Schuhwerk.
Shuttle-Optionen: Es gibt keinen offiziellen Shuttle-Dienst. Piloten organisieren sich oft privat, wobei der Fokus hier klar auf dem sportlichen Aufstieg liegt.
Logistik im Allgäuer Königswinkel
In Schwangau profitieren Piloten von einer der besten touristischen Infrastrukturen der Alpen. Der Drehkopf selbst wird nicht direkt von einer Bahn angefahren, liegt aber im Einzugsbereich der Tegelbergbahn.
Einrichtung Typ Standort / Kontakt Tegelbergbahn Großkabinenbahn
Tegelbergstraße 33, Schwangau
Parkplatz P1 - P4 Gebührenpflichtig
Hohenschwangau / Talstation
Buchenbergbahn Doppelsesselbahn
Buching
Fly Base / Landing Bar Treffpunkt
Direkt am Landeplatz Tegelberg
Der Aufstieg zum Allgäuer Drehkopf erfolgt meist über den Kultur- und Naturpfad ab der Talstation der Tegelbergbahn oder über den landschaftlich reizvollen Weg vom Schloss Neuschwanstein aus. Die Gehzeit beträgt etwa 1,5 bis 2 Stunden. Viele Piloten nutzen die Tegelbergbahn, um zur Bergstation (1707 m) zu gelangen, und fliegen dann zum Drehkopf hinunter oder nutzen ihn als thermischen Einstiegspunkt auf halber Höhe.
Meteorologische Analyse und Flugbedingungen
Das Verständnis der aerologischen Prozesse ist an beiden Standorten lebensversichernd. Die meteorologische Komplexität ergibt sich aus der Interaktion von überregionalen Windströmungen und lokalen thermischen Systemen.
Die Thermik-Mechanik am Feldberg
Am Schwarzwälder Drehkopf ist das Zeitfenster für optimale Bedingungen oft schmal. Da der Startplatz nach Osten ausgerichtet ist, setzt die thermische Aktivität bereits mit den ersten Sonnenstrahlen ein.
Vormittagsthermik: Zwischen 9:00 und 11:30 Uhr findet die stärkste Ablösung statt. Sobald die Sonne den Zenit überschreitet und die Westflanken des Feldbergs erwärmt, kann die Thermik am Drehkopf abreißen oder durch einsetzenden Talwind gestört werden.
Windlimitierungen: Ein Start ist nur bei schwachem bis mäßigem Vorwind aus Ost (O) sicher. Da der Startplatz in einer Waldschneise liegt, führen Seitenwinde (Nord oder Süd) zu massiven Rotoren und Turbulenzen in der Abflugschneise.
Die Lee-Gefahr: Bei einer überregionalen Westlage herrscht am Drehkopf Lee-Zustand. Auch wenn es am Startplatz durch thermischen Sog scheinbar von vorne weht, ist ein Start lebensgefährlich, da man unmittelbar nach der Schneise in das großflächige Lee des Feldberggipfels einfliegt.
Der Bayerische Wind und das Allgäuer Windsystem
In Schwangau wird das Fliegen durch den "Bayerischen Wind" dominiert – ein thermisches Ausgleichssystem, das kühle Luft aus dem Alpenvorland nach Süden in die Alpen saugt.
Bayerischer Wind (Nordwind): Er sorgt am Nachmittag oft für verlässliche Soaring-Bedingungen am Tegelberg und Drehkopf. Piloten können stundenlang an den Prallhängen des Ammergebirges soaren, wenn die Nordströmung stabil ansteht.
Westwind-Leewalzen: Eine der größten Gefahren für Neulinge. Bei überregionalem Westwind zeigt der Windsack am Boden oft Nordwind an (induziert durch das Talwindsystem). In der Höhe jedoch, besonders im Bereich des Rohrkopfsattels und des Drehkopfs, entstehen massive Leewalzen, die zu Schirmklappern und extremen Sinkwerten führen können.
Thermik-Hotspots: Die Felswände unterhalb des Gelben Wand Steigs und die Südhänge Richtung Tegelberghaus sind bekannte Thermikquellen, die oft Steigwerte von 2 bis 6 m/s liefern.
XC-Potenzial: Streckenfliegen am Nordalpenrand
Der Drehkopf (Allgäu) dient oft als Sprungbrett für Streckenflüge, obwohl die Region kein klassisches "Eldorado für Rekordjäger" wie das Lechtal ist.
Routen-Optionen ab Schwangau
Erfahrene XC-Piloten nutzen die Thermik am Drehkopf, um Höhe für die Querung des Forggensees oder den Flug Richtung Osten zu gewinnen.
Route Ost (Ammergebirge): Entlang der Bergkette Richtung Garmisch-Partenkirchen. Diese Route erfordert ein exaktes Timing, um die Täler vor dem Einsetzen starker Talwinde zu queren.
Route West (Tannheimer Tal): Über Füssen hinweg zum Breitenberg (Pfronten) und weiter zum Neunerköpfle. Dies ist eine beliebte Genuss-Strecke mit vielen Landeoptionen.
Luftraum-Beschränkungen: In der Nähe von Schwangau ist auf die ED-R Siegenburg (Bombenabwurfplatz) zu achten, die zwar weiter nördlich liegt, aber bei weiten XC-Flügen relevant wird. Zudem ist die maximale Flughöhe oft durch die Nähe zu Kontrollzonen (Augsburg/Memmingen) begrenzt.
XC-Fliegen im Schwarzwald
Am Feldberg-Drehkopf ist das XC-Potenzial aufgrund der geringen Ausgangshöhe und der dichten Bewaldung begrenzt. Dennoch gelingen lokalen Piloten im Frühjahr Flüge Richtung Südosten über den Schluchsee hinweg bis an den Rand der Schweiz. Entscheidend ist hier, den ersten Bart direkt nach dem Start in der Schneise zu zentrieren, um über Gratniveau zu kommen.
Geheimtipps und Experten-Insights
Dieser Abschnitt bietet den entscheidenden Mehrwert gegenüber dem DHV-Eintrag, basierend auf lokalen Berichten und Foreneinträgen.
Was lokale Piloten am Tegelberg/Drehkopf wissen
Die "Sperr-Falle": Die Ostrampe am Tegelberg war in der Vergangenheit wegen Baufälligkeit gesperrt. Lokale Piloten weichen dann auf den Drehkopf oder den Buchenberg aus, um bei Ostlagen dennoch in die Luft zu kommen.
Webcam-Trick: Profis schauen nicht nur auf die allgemeine Windvorhersage, sondern nutzen die Holfuy-Station am Tegelberg-Startplatz. Ein kritischer Blick auf die Windböen (Gusts) verrät oft mehr über die Flugbarkeit als der Durchschnittswert.
Fehler von Neulingen: Viele Piloten unterschätzen den Talwind im Allgäu. Wenn man zu spät am Nachmittag vom Drehkopf Richtung Landeplatz fliegt, kann der Gegenwind so stark sein, dass man "rückwärts landet" oder den offiziellen Landeplatz nicht mehr erreicht. Eine vorausschauende Gleitwinkel-Berechnung ist essenziell.
Analyse der aerodynamischen Gleitzahl G
Um die Erreichbarkeit des Landeplatzes mathematisch zu bewerten, nutzen Experten die Formel:
G= H o ¨ he Distanz
Bei einem Start am Allgäuer Drehkopf (1312 m) und einer Landung an der Talstation (807 m) ergibt sich eine zu überbrückende Höhendifferenz von 505 Metern. Bei einer horizontalen Distanz von ca. 2000 Metern ist eine Gleitzahl von ca. 4 erforderlich. Da moderne Gleitschirme eine Gleitzahl von 8 bis 10 aufweisen, ist der Landeplatz sicher erreichbar, sofern kein extremer Gegenwind (Talwind) herrscht.
Geheime Landeplätze für XC
Falls der Rückweg zum Hauptlandeplatz abgeschnitten ist, nutzen XC-Piloten oft die Wiesen nahe des Bannwaldsees oder Ausweichflächen bei Halblech. Wichtig: In Deutschland herrscht strikter Landezwang auf zugelassenen Plätzen; Außenlandungen sollten nur im Notfall und unter größter Rücksichtnahme auf die Landwirtschaft erfolgen.
Ausrüstungsempfehlungen für den Drehkopf
Die Wahl des Materials hängt stark vom Flugstil ab.
Hike-and-Fly: Für den Allgäuer Drehkopf empfehlen sich ultraleichte Single-Skin-Schirme oder leichte EN-B Schirme mit einem Gesamtgewicht unter 8 kg (inkl. Gurtzeug).
Passive Sicherheit: Aufgrund der thermischen Turbulenzen an den Felswänden des Tegelbergs ist ein Schirm mit hoher Klappstabilität (EN-A oder Low-EN-B) für Gelegenheitsflieger die beste Wahl.
Rettungssysteme: Kreuzkappen-Reserven werden bevorzugt, da sie eine schnellere Öffnungszeit und geringere Pendelanfälligkeit in Bodennähe bieten – kritisch bei Starts in Waldschneisen.
Sicherheit und Notfallmanagement
Ein verantwortungsbewusster Pilot plant für den Ernstfall. Die alpinen Bedingungen verzeihen keine Nachlässigkeit.
Notfallkontakte und Frequenzen Organisation Land Notrufnummer Bergwacht Bayern (Füssen) Deutschland
112
Bergrettung Österreich Österreich
140
Europäischer Notruf International
112
Besondere Flugregeln
Abstand zu Seilbahnen: Ein vertikaler Mindestabstand von 150 Metern zu den Tragseilen der Tegelbergbahn ist zwingend einzuhalten.
Schloss Neuschwanstein: Ein direktes Überfliegen in geringer Höhe ist aus Gründen des Lärmschutzes und der Sicherheit zu vermeiden. Piloten sollten den Bereich großräumig umfliegen und die Privatsphäre der Touristen respektieren.
Einweisungspflicht: Für viele Gelände ist eine Ersteinweisung durch lokale Flugschulen oder Vereinsmitglieder vorgeschrieben oder zumindest dringend empfohlen.
Das Drumherum: Kulinarik und Unterkunft
Fliegen ist ein ganzheitliches Erlebnis, das mit der Landung nicht endet.
Beste Einkehr nach dem Flug
Tegelberg Landing Bar: Der ultimative Treffpunkt für Piloten direkt am Landeplatz. Hier werden Erfahrungen ausgetauscht und Flugvideos analysiert.
Rohrkopfhütte: Auf halber Höhe gelegen, bietet sie eine hervorragende Küche und einen fantastischen Blick auf die Seenlandschaft. Ideal für Wanderer und Hike-and-Fly-Piloten.
Gasthof Zimmermann: Für Piloten am Standort Oberemmendorf (Bavaria) die erste Adresse für die Startgebühr und regionale Spezialitäten.
Übernachtungsmöglichkeiten
Camping am Bannwaldsee: Ein Paradies für Outdoor-Sportler. Es gibt oft spezielle Konditionen für Gleitschirmflieger-Gruppen.
Hotel Helmerhof: Ein gehobenes Haus in Schwangau, das auf Wanderer und Flieger eingestellt ist und einen schnellen Zugang zur Tegelbergbahn bietet.
Fly Base Unterkünfte: In der Nähe der Flugschulen finden sich oft günstige Mehrbettzimmer für Flugschüler und Tandempiloten.
Flugschulen und lokale Partner
Für Piloten, die eine professionelle Einweisung oder Tandemflüge suchen, ist die Auswahl groß.
Flugschule Tegelberg: Direkt an der Talstation gelegen, bietet sie Kurse, Einweisungen und Zubehör an.
Fly Royal Paragliding: Spezialisiert auf exklusive Tandemflüge über den Schlössern.
Ostallgäuer Gleitschirmflieger e.V.: Der lokale Verein ist mit über 440 Mitgliedern einer der größten im DHV und organisiert den Ostallgäu-Cup.
Zusammenfassung und abschließende Bewertung
Der Drehkopf ist, egal an welchem Standort, ein Symbol für die Vielseitigkeit des Paraglidings. Im Schwarzwald bietet er die Herausforderung der Präzision in der Waldschneise und die Belohnung früher Vormittagsthermik. Im Allgäu ist er der Inbegriff des alpinen Hike-and-Fly-Erlebnisses mit einem Panorama, das weltweit seinesgleichen sucht.
Für den Erfolg an beiden Standorten ist jedoch eine akribische Wetterbeobachtung unerlässlich. Die Gefahren durch Lee-Rotoren am Feldberg und die komplexen Talwindsysteme im Allgäu erfordern eine erfahrene Hand und ein kühles Urteilsvermögen. Wer diese Regeln befolgt und die Tipps der lokalen Community nutzt, wird am Drehkopf Flüge erleben, die weit über das Niveau eines Standard-DHV-Eintrags hinausgehen. Die Kombination aus technischem Anspruch, landschaftlicher Schönheit und der hervorragenden Infrastruktur macht diese Orte zu Pflichtzielen für jeden ambitionierten Gleitschirmpiloten in Europa.