
1 Startplatz, 1 Landeplatz
Ausführliche Recherche und lokales Wissen
Kompendium und Geländeanalyse: Fluggebiet Bohnstein – Hesselbach
In der Topographie der deutschen Mittelgebirgsfluggelände nimmt der Startplatz Bohnstein im Bad Laaspher Ortsteil Hesselbach eine Position ein, die weit über die bloße statistische Erfassung in Datenbanken hinausgeht. Während einschlägige Verzeichnisse wie die DHV-Geländedatenbank den Bohnstein oft lakonisch als "einfachen Übungshang" klassifizieren, offenbart eine tiefenschärfere fliegerische und geländekundliche Analyse ein weitaus komplexeres Bild. Der Bohnstein ist nicht nur ein elementares Ausbildungszentrum für die Gleitschirm-Community in Nordrhein-Westfalen und Hessen, sondern fungiert als mikroklimatisches Laboratorium, in dem Piloten die Interaktion zwischen bewaldeten Mittelgebirgskuppen, talwindinduzierten Strömungssystemen und anthropogener Infrastruktur (Skipisten) studieren können.
Dieser Bericht versteht sich als umfassende Monographie des Fluggeländes. Er transzendiert die oberflächliche Auflistung von Startrichtungen und Höhendifferenzen, um stattdessen eine synthetische Betrachtung der aerodynamischen, meteorologischen, logistischen und juristischen Realitäten dieses speziellen Areals zu liefern. Zielgruppe dieser Abhandlung sind Piloten, die ein tieferes Verständnis für die "Hardware" ihres Sports entwickeln wollen – das Gelände selbst. In einer Zeit, in der die digitale Flugplanung via Apps oft die physische Auseinandersetzung mit dem Berg ersetzt, plädiert dieser Guide für eine Rückbesinnung auf die geländekundliche Expertise. Der Bohnstein, gelegen am südöstlichen Rand des Rothaargebirges im Wittgensteiner Land, dient hierbei als Exempel für die Chancen und Risiken der Fliegerei in Waldschneisen.
Der Bohnstein (Gipfelhöhe ca. 510 m NN) ist eine geologische Erhebung nördlich der Ortschaft Hesselbach, die administrativ zur Stadt Bad Laasphe im Kreis Siegen-Wittgenstein gehört. Landschaftlich ist das Areal eingebettet in die auslaufenden Rücken des Rheinischen Schiefergebirges, charakterisiert durch eine dichte Mischbewaldung und tief eingeschnittene, mäandrierende Täler. Diese Topographie ist entscheidend für das Verständnis der lokalen Luftmassenbewegungen. Der Bohnstein bildet hierbei eine natürliche Barriere gegen nördliche Strömungen, was ihn für die Nutzung als Nord-Startplatz prädestiniert.
Die geodätischen Basisdaten des Geländes stellen sich wie folgt dar:
Parameter Spezifikation Referenzdaten Talort Bad Laasphe - Hesselbach Höhe Landeplatz (Tal) ca. 410 m NN Höhe Startplatz (Berg) ca. 450 m - 474 m NN (Gipfel 510 m) Effektive Höhendifferenz 60 m – 100 m (variabel je nach Startposition) Hauptstartrichtung Nord (N) Geokoordinaten Start N 50°53'01.24", E 8°21'02.61" Geokoordinaten Landeplatz N 50°53'09.8", E 8°21'00.26"
Die scheinbar geringe Höhendifferenz von maximal 100 Metern darf nicht über die fliegerische Relevanz hinwegtäuschen. In der Ausbildungshierarchie fungiert der Bohnstein als kritisches Gelenkstück zwischen dem flachen Übungshang und den "großen" Bergen der Alpen. Hier lernt der Pilot das Starten in begrenzten Korridoren, das Einschätzen von Gleitwinkeln unter realen Bedingungen und das Landen auf begrenzten Flächen mit Hinderniskulisse.
Der Startplatz am Bohnstein ist kein freier Bergrücken, sondern eine klassische Waldschneise. Diese künstlich geschaffene Unterbrechung des Kronendachs, primär angelegt für den Wintersportbetrieb des "Hesselbacher Gletschers", diktiert die aerodynamischen Bedingungen, unter denen ein sicherer Start möglich ist.
Eine der fundamentalsten Erkenntnisse für Piloten am Bohnstein ist das Verständnis der Schneisen-Aerodynamik. Im Gegensatz zu einem freien Bergrücken, der vom Wind umströmt oder überströmt wird, wirkt eine Waldschneise wie ein Kanal oder eine Düse.
Der Venturi-Effekt in der Horizontalen: Bei exakter Anströmung aus Nord (0°) wird die Luftmasse in den Trichter der Schneise gepresst. Da sich der Querschnitt durch die flankierenden Baumbestände verengt, muss die Luftmasse beschleunigen, um den Durchsatz zu erhalten (Kontinuitätsgleichung). Für den Piloten bedeutet dies, dass die Windgeschwindigkeit im Startbereich oft signifikant höher sein kann als am freien Gipfel oder im Tal. Dieser Effekt begünstigt bei schwachem überregionalem Wind das Aufziehen des Schirms, kann jedoch bei starkem Wind schnell zu Grenzwertüberschreitungen führen.
Die Problematik der lateralen Anströmung: Weicht der Wind von der idealen Nord-Achse ab (z.B. Nord-Ost oder Nord-West), verliert die Schneise ihre kanalisiere Wirkung und wird zur Turbulenzfalle. Die Luftmassen "stolpern" über die seitlichen Baumkanten (Lee-Kanten).
Rotorbildung: Hinter den windzugewandten Baumreihen entstehen Leewalzen, die horizontal in die Schneise rotieren. Ein Pilot, der in dieser Zone startet, riskiert asymmetrische Klapper unmittelbar nach dem Abheben.
Scherungsschichten: In der Mitte der Schneise können sich Zonen laminarer Strömung mit turbulenten Einmischungen abwechseln, was zu einem unruhigen Kappenfeedback führt.
Der Untergrund des Startplatzes ist eine Wiese, die je nach Saison unterschiedlich beschaffen ist. Als Skipiste wird der Hang im Winter mechanisch präpariert und im Sommer landwirtschaftlich genutzt (Mahd oder Beweidung).
Neigungsprofil: Das Profil ist nicht linear. Datenbanken verweisen auf "flache und steile Startplätze".
Oberes Segment (Das Plateau): Hier ist das Gefälle moderat. Dieser Bereich eignet sich hervorragend für erste Aufziehübungen und Groundhandling, da der Pilot nicht sofort "in die Luft gezwungen" wird. Der Wind ist hier oft freier, da die Baumüberhöhung geringer ist.
Mittleres Segment (Der Steilhang): Zur Mitte der Piste hin nimmt die Neigung zu. Dies ist der operative Startbereich für routinierte Piloten, die eine kurze Startlaufstrecke bevorzugen. Der Übergang vom flachen in den steilen Teil erfordert eine entschlossene Beschleunigungsphase ("Torso vor"), um ein Abheben vor der Kante zu gewährleisten oder ein kontrolliertes Hineinlaufen in die Steilheit zu ermöglichen.
Startabbruch-Entscheidung: Aufgrund der begrenzten Länge der Schneise und des steiler werdenden Geländes muss die Entscheidung zum Startabbruch ("Go/No-Go") extrem früh fallen. Ein Zögern führt dazu, dass der Pilot in den steilen Bereich gerät, ohne ausreichende Abhebegeschwindigkeit zu haben, was die Gefahr von Stolperstürzen erhöht.
Die Flanken der Schneise bestehen aus hochstehendem Nadel- und Mischwald. Diese Vegetation ist nicht statisch; das Wachstum der Bäume verändert über die Jahre die Aerodynamik des Startplatzes.
Windschatten: Bei sehr schwachem Wind kann der hohe Wald im unteren Startbereich einen Windschatten erzeugen, in dem "Nullwind"-Bedingungen herrschen, während in Gipfelhöhe bereits 10-15 km/h Wind anliegen. Dies führt zu dem Phänomen, dass der Schirm im "Totwasser" aufgezogen werden muss und erst in einer Höhe von 5-8 Metern (nach dem Abheben) in die laminare Strömung eintaucht. Piloten müssen hier auf ein mögliches Vor- oder Zurücknicken der Kappe beim Durchstoßen der Scherungsschicht gefasst sein.
Die Nutzung des Bohnsteins ist untrennbar mit der spezifischen Meteorologie des Wittgensteiner Landes verbunden. Das Rothaargebirge fungiert als Wetterscheide, was zu lokalen Phänomenen führt, die in überregionalen Wettermodellen oft nicht aufgelöst werden.
Die Ausrichtung nach Nord (N) diktiert ein relativ enges Nutzungsfenster.
Der ideale Vektor: Reiner Nordwind (360°) ist optimal. Er trifft frontal auf die Schneise und sorgt für dynamischen Auftrieb.
Toleranzbereiche: Abweichungen bis NNO (ca. 20-30°) oder NNW sind fliegerisch handhabbar, erhöhen jedoch das Risiko der in Kapitel 2.1 beschriebenen Randturbulenzen.
Die "Ost-Falle": Bei Ostkomponenten (NO bis O) liegt der Startplatz im Lee der östlich gelegenen Bergrücken (z.B. Großer Ahlertsberg). Hier ist mit böigen Verhältnissen und absinkenden Luftmassen zu rechnen.
Die "West-Abschattung": Westliche Winde werden durch die Hauptkämme des Rothaargebirges oft abgeschwächt oder verwirbelt, bevor sie das Hesselbachtal erreichen.
Obwohl der Bohnstein primär als Schulungsgelände gilt, besitzt er thermisches Potenzial, das jedoch eine präzise Flugtechnik erfordert.
Arbeitshöhe: Aufgrund der geringen Höhendifferenz (ca. 100 m) hat der Pilot nach dem Start nur wenige Sekunden Zeit, um einen thermischen Aufwind zu finden und zu zentrieren ("Low-Save").
Triggerpunkte (Ablöser): Die Thermik löst sich hier oft nicht an der Wiese selbst (die durch Verdunstung eher kühl bleibt), sondern an den dunklen Nadelwaldkanten ("Contrast Trigger"). Die Übergangszone zwischen der sonnenbeschienenen Schneise und dem Waldrand ist der primäre Suchbereich für Aufwinde.
Inversionsgefahr: Das Lahntal neigt, besonders im Herbst und Winter, zur Ausbildung stabiler Kaltluftseen. Wenn die Inversionsobergrenze unterhalb des Startplatzes liegt, ist der Flug ein reiner Abgleiter in die "Suppe". Liegt sie knapp darüber, prallt die Thermik gegen den "Deckel" und wird zerrissen.
Das Lahntal entwickelt an thermisch aktiven Tagen ein eigenes Talwindsystem. Piloten müssen sich bewusst sein, dass der Wind am Boden (Landeplatz) nicht zwingend mit dem Wind am Startplatz korreliert.
Talwind-Effekt: Ein starker Talwind kann im Tal aus Ost oder West wehen, während am Startplatz Nordwind herrscht. Dies führt zu einer Windscherung in mittlerer Höhe. Ein genauer Blick auf den Windsack am Landeplatz vor dem Start ist überlebenswichtig. Zeigt dieser eine völlig andere Richtung oder Stärke als der Startplatzwindsack, ist Vorsicht geboten.
Der Beiname "Hesselbacher Gletscher" verweist auf die mikroklimatische Kälteinsel des Ortes.
Katabatische Winde: Im Winter, wenn die Schneedecke die Luft kühlt, fließt beständig schwere Kaltluft den Hang hinab (Katabatik). Dies ermöglicht extrem ruhige, laminare Abgleiter ("Butterflüge"), selbst wenn überregional Windstille herrscht.
Schneebeschaffenheit: Starts auf Schnee erfordern eine Anpassung der Lauftechnik. Tiefer Schnee bremst den Startlauf enorm, während harschiger oder eisiger Schnee (Präparierung) die Gefahr des Ausrutschens birgt. Die Verwendung von Grödeln (Leichtsteigeisen) kann bei vereisten Bedingungen notwendig sein.
Der Landeplatz am Bohnstein liegt auf ca. 410 m NN im Talboden. Seine scheinbare Einfachheit (Wiese) täuscht über signifikante Gefahrenpotenziale hinweg, die eine strikte Landedisziplin erfordern.
Die Landewiese befindet sich im Auslaufbereich des Hanges, oft in der Nähe der Talstation des Skilifts oder angrenzender Agrarflächen. Die Hindernisdichte ist hier höher als an vielen reinen Flugbergen.
Die Bahnlinie (Obere Lahntalbahn): Parallel zum Hang verläuft die Bahntrasse. Diese stellt eine "Rote Linie" dar. Ein Überfliegen der Gleise in niedriger Höhe ist unter allen Umständen zu vermeiden. Neben der Kollisionsgefahr mit Zügen (Sogwirkung) stellen die Oberleitungen und Masten tödliche Fallen dar. Piloten, die zu weit ins Tal hinausfliegen ("Verblasen werden"), können in die kritische Zone der Gleise geraten.
Infrastruktur des Skigebiets: Schneekanonen, Flutlichtmasten und die Liftanlage selbst begrenzen den verfügbaren Luftraum im Endanflug. Besonders bei schlechter Sicht oder tiefstehender Sonne sind die dünnen Liftseile schwer erkennbar. Ein ausreichender Sicherheitsabstand zur Lifttrasse ist zwingend.
Straßenverkehr: Die Nähe zu Parkplätzen und der Zufahrtsstraße erfordert Aufmerksamkeit. Bei thermischen Bedingungen können Fahrzeuge (Hitzepunkte) Turbulenzen auslösen. Zudem darf der Parkplatz nicht als Landefläche missbraucht werden, es sei denn, eine Notlandung macht dies unumgänglich.
Aufgrund der Talenge ist eine "wilde" Landung (irgendwo irgendwie runterkommen) inakzeptabel. Die Einhaltung der Landevolte sorgt für Ordnung und Vorhersehbarkeit, insbesondere wenn Flugschüler in der Luft sind.
Positionsraum: Der Abbau der Höhe erfolgt nicht über der Landewiese, sondern seitlich versetzt (Lee-frei!).
Gegenanflug: Dieser Schenkel führt parallel zum Hang und bietet dem Piloten die letzte Möglichkeit, den Windsack am Boden zu checken und den Versatz durch Wind zu kalkulieren.
Queranaflug: Hier wird die finale Positionierung vorgenommen. Wichtig: Nicht zu weit Richtung Bahnlinie driften lassen!
Endanflug: Strikt gegen den Wind. Aufgrund des Bodengefälles (leicht geneigte Wiese) neigen Piloten dazu, das Ausflaren zu früh oder zu spät einzuleiten. Der Blick muss weit voraus gerichtet sein, um die Annäherung an den Boden korrekt einzuschätzen.
Der Bohnstein ist logistisch hervorragend erschlossen, was ihn zu einem beliebten "Feierabend-Berg" macht. Dennoch gibt es spezifische Abläufe, die Piloten kennen müssen.
Die Anfahrt erfolgt über die Bundesstraße 62 bis Bad Laasphe und von dort in den Ortsteil Hesselbach.
Parkplatz P1 (Tal/Landeplatz): Dieser befindet sich oft am Ortseingang oder in der Nähe der Bahngleise. Er ist ideal für Piloten, die nach der Landung nicht weit laufen wollen oder die "Walk & Fly"-Variante von ganz unten starten.
Parkplatz P2 (Hütte/Lift): Direkt an der Skihütte bzw. Talstation gelegen. Dies ist das logistische Zentrum. Hier trifft man sich, hier wird die Tageskarte gelöst.
Da im Sommer kein Liftbetrieb für Gleitschirmflieger stattfindet und die private Auffahrt zum Startplatz aus Naturschutz- und Forstgründen in der Regel untersagt ist, ist der Fußmarsch obligatorisch.
Charakteristik: Der Aufstieg dauert ca. 20 Minuten und führt meist entlang der Piste oder über seitliche Waldwege.
Trainingseffekt: Die 100 Höhenmeter sind moderat, dienen aber als exzellentes Aufwärmprogramm ("Warm-Up"). Der Kreislauf wird aktiviert, was die Konzentrationsfähigkeit beim Start erhöht.
Ausrüstung: Da der Weg über Wiesen und Waldpfade führt, ist festes, knöchelhohes Schuhwerk unerlässlich – nicht nur zum Fliegen, sondern schon für den Zustieg. Besonders bei Nässe (Morgentau) ist die Piste rutschig.
Die Infrastruktur am Bohnstein wird durch eine Symbiose aus Wintersport und Flugsport getragen.
Flugschule FlyART: Die Präsenz der Flugschule (Zweigstelle Hesselbach) garantiert in der Regel einen hohen Wartungsstand des Geländes (gemähte Wiese, intakte Windsäcke). An Schulungstagen ist der Fluglehrer am Startplatz auch für Gastpiloten eine wertvolle Informationsquelle ("Local Knowledge").
Die Skihütte: Sie fungiert als soziale Basis ("Clubheim"). Hier finden Theorie-Briefings statt, hier gibt es Verpflegung und sanitäre Anlagen. Zudem ist sie der Ort, an dem Gastpiloten ihre Gebühren entrichten.
Das Fliegen in Deutschland findet in einem engen Korsett aus luftrechtlichen und naturschutzrechtlichen Bestimmungen statt. Verstöße gegen diese Auflagen gefährden nicht nur den Versicherungsschutz des Einzelnen, sondern die Zulassung des gesamten Geländes.
Pilotqualifikation: Das Gelände ist für Gleitschirme (A-Schein, B-Schein) und Hängegleiter (A-Schein, beschränkter Luftfahrerschein) zugelassen. Aufgrund des Schulungsstatus dürfen Flugschüler mit Flugauftrag hier ebenfalls operieren.
Gastflugregelung: Gastpiloten sind ausdrücklich willkommen, müssen jedoch vor dem Start eine Tagesmitgliedschaft oder Landegebühr entrichten. Diese beträgt erfahrungsgemäß einen geringen Betrag (ca. 4-6 €), dient aber der Deckung der Pacht- und Instandhaltungskosten. Unberechtigtes Fliegen ("Schwarzfliegen") wird nicht toleriert und kann zum Platzverweis führen.
Der Bohnstein liegt in einer ökologisch wertvollen Landschaft. Die DHV-Datenbank weist auf spezifische Auflagen hin, die strikt einzuhalten sind:
Waldumwandlung und Eingriffsverbot: Es dürfen am Gelände keinerlei bauliche Veränderungen vorgenommen werden. Das "Freischneiden" der Startschneise ist Sache des Halters (in Abstimmung mit dem Forst), nicht des einzelnen Piloten.
Artenschutz (BNatSchG): In den angrenzenden Wäldern leben geschützte Tierarten (Vögel, Fledermäuse). Störungen sind zu vermeiden.
Horstschutz: Sollten in der Nähe Greifvogelhorste bekannt sein, sind diese weiträumig zu umfliegen.
Dämmerungsflugverbot: Starts und Landungen in der Dämmerung (früher Morgen, später Abend) kollidieren mit den Aktivitätsphasen des Wildes und der Jagdausübung. Es gilt oft die Regel: Flugbetrieb erst 2 Stunden nach Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.
Lärmvermeidung: Auch wenn Gleitschirme keinen Motor haben, ist unnötiger Lärm (lautes Rufen, Schreien vor Freude) zu unterlassen, um das Konfliktpotenzial mit Anwohnern und Wanderern zu minimieren.
Für den auswärtigen Piloten stellt sich oft die Frage der Gebietswahl. Der Bohnstein existiert nicht im Vakuum, sondern ist Teil eines regionalen Fluggebiets-Verbundes, zu dem vor allem der Entenberg und der Hahn gehören.
Der Entenberg (Niederlaasphe) und der Bohnstein (Hesselbach) verhalten sich wie Yin und Yang. Sie decken gegensätzliche Windsektoren und Pilotenbedürfnisse ab.
Parameter Bohnstein (Hesselbach) Entenberg (Niederlaasphe) Windsektor Nord (N) Süd (S) / Südwest (SW) Höhendifferenz ca. 100 m ca. 135 - 195 m Charakteristik Schneise, Schulungshang, sanft Freier Hang, Thermikberg, anspruchsvoller Starttechnik Vorwärts/Rückwärts in Schneise Anspruchsvoller Start (oft steiler/enger) Thermikpotenzial Begrenzt (Low-Save), eher Soaring Hoch (Einstieg in Streckenflüge) Zielgruppe Anfänger, Schüler, Training Fortgeschrittene, XC-Piloten Infrastruktur Skihütte, Parkplatz am Lift Vereinsheim, Shuttle oft nötig Export to Sheets
Diese Gegenüberstellung verdeutlicht, dass Piloten in Bad Laasphe bei fast jeder Windlage fliegen können, indem sie flexibel zwischen den Gebieten wechseln. Der Bohnstein ist dabei die "sichere Bank" für Training und entspannte Flüge, während der Entenberg das Tor zum Streckenflug ("XC") öffnet.
Hahn (Bad Laasphe): Ein weiteres Gelände in der Nähe, oft für spezifische Windrichtungen genutzt, aber weniger frequentiert und infrastrukturell weniger erschlossen als der Bohnstein.
Hirzenhain: In der Nähe gelegen, aber Status oft unklar (Segelfluggelände, Gleitschirmbetrieb eingeschränkt oder verboten?). Hier ist zwingend vorab der aktuelle Status zu klären, um Konflikte mit Segelfliegern zu vermeiden.
Eine statistische Analyse von Gleitschirmunfällen zeigt oft, dass nicht die "Monster-Berge" der Alpen die unfallträchtigsten sind, sondern die vermeintlich harmlosen Übungshänge.
Am Bohnstein besteht die Gefahr der Routine-Falle.
Das Szenario: Ein Pilot hat bereits 50 Flüge am Bohnstein absolviert. Er kennt jeden Grashalm.
Der Fehler: Die Vorflugkontrolle (5-Punkte-Check) wird schlampig durchgeführt ("Ist ja nur ein Abgleiter"). Der Wetterblick entfällt.
Die Konsequenz: Start mit offenem Beingurt oder Start in eine aufziehende Böenfront.
Die Lektion: Auch an einem 100-Meter-Hang wirken die gleichen physikalischen Gesetze wie am Mont Blanc. Ein Absturz aus 10 Metern Höhe ist potenziell tödlich. Disziplin darf keine Frage der Berghöhe sein.
Trotz der geschützten Lage gibt es Warnsignale, die sofortigen Flugabbruch erfordern:
Schaumkronen auf dem Wald: Wenn die Baumwipfel seitlich der Schneise stark peitschen oder "Weiß zeigen" (Unterseite der Blätter), ist der Wind zu stark oder zu böig für die Schneise.
Ruhe vor dem Sturm: Eine plötzliche "Totenstille" am Startplatz an einem thermischen Tag kann ein Indikator für das Ansaugen einer großen Thermikblase ("Dust Devil" im Ansatz) oder eine Front sein.
Änderung der Windrichtung am Landeplatz: Dreht der Wind im Tal permanent um 180 Grad, kämpft der überregionale Wind gegen den Talwind. Dies führt zu massiven Turbulenzen in der Scherungsschicht (meist auf halber Höhe des Hangs).
Der Bohnstein in Hesselbach ist ein Musterbeispiel für die Vielseitigkeit des deutschen Mittelgebirgsfliegens. Er beweist, dass fliegerische Qualität nicht an Höhenmetern gemessen wird. Für den Anfänger ist er ein verzeihlicher Lehrmeister, für den Fortgeschrittenen ein technischer Parkour, der sauberes Starten und präzises Landen einfordert.
Die Quintessenz für den Piloten:
Respektiere die Schneise: Verstehe ihre Aerodynamik. Starte nie bei signifikantem Seitenwind.
Nutze die Synergien: Verbinde den Flugtag mit dem Austausch in der Skihütte oder bei der Flugschule. Das Wissen der "Locals" ist die beste Lebensversicherung.
Pflege das Gelände: Halte dich strikt an die Naturschutzauflagen. Wir sind Gäste in diesem Lebensraum.
In einer Ära, in der der Klimawandel auch die Nutzungsfenster unserer Fluggebiete verschiebt (wärmere Winter, stärkere Stürme), wird die Bedeutung von robusten, gut erschlossenen Geländen wie dem Bohnstein eher zunehmen. Er bleibt ein Eckpfeiler des Flugsports in der Region Wittgenstein – im Winter auf Brettern, im Sommer unter Tuch.
Haftungsausschluss: Gleitschirmfliegen ist ein Risikosport. Geländeregeln, Wetterbedingungen und gesetzliche Auflagen unterliegen stetigem Wandel. Dieser Bericht stellt den Recherchestand zum Zeitpunkt der Erstellung dar und ersetzt keinesfalls die eigenverantwortliche Flugvorbereitung, das Einholen aktueller Wetterdaten sowie die Kontaktaufnahme mit dem Geländehalter oder der lokalen Flugschule vor dem Start.