
1 Startplatz, 1 Landeplatz
Ausführliche Recherche und lokales Wissen
Alpine Mastery: Das umfassende Dossier zum Fluggebiet Schilthorn (Piz Gloria) & Lauterbrunnen Executive Summary: Ein Fluggebiet der Superlative
Das Schilthorn (2.970 m) im Berner Oberland ist weit mehr als nur ein Startplatz; es ist eine alpine Legende, ein aerologisches Phänomen und eine landschaftliche Ikone. Gelegen im Herzen der Schweiz – und um hier direkt ein häufiges geografisches Missverständnis auszuräumen: das fliegerisch relevante Schilthorn befindet sich nicht in Deutschland oder Österreich, sondern in den Berner Alpen – bietet dieser Gipfel eine der spektakulärsten Flugkulissen der Welt: das Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau.
Für den ambitionierten Gleitschirmpiloten stellt das Schilthorn eine anspruchsvolle Hochgebirgsarena dar. Es ist kein Gebiet für absolute Anfänger ohne professionelle Anleitung. Die massive Höhendifferenz von über 2.000 Metern bis zum Talboden in Stechelberg, die komplexen, teils brutalen Windsysteme des Lauterbrunnentals und die hochalpine Startplatzbeschaffenheit verlangen Respekt, meteorologisches Verständnis und handwerkliches Können am Schirm.
Dieses Dossier dient als erschöpfende Ressource für Piloten, die sich nicht mit oberflächlichen Datenbank-Einträgen zufriedengeben. Es analysiert die Auswirkungen des Großprojekts Schilthornbahn 20XX auf die Logistik, dekonstruiert das berüchtigte Talwindsystem, um die "Stechelberg-Falle" zu vermeiden, und beleuchtet die symbiotische, aber reglementierte Koexistenz mit der Basejumper-Szene und dem Helikopterverkehr.
Entscheidungshilfe – Ist dieser Spot für Sie geeignet? Die Analyse der Geländedaten und Unfallberichte legt nahe, dass dieses Gebiet primär für Piloten geeignet ist, die über einen B-Schein (oder vergleichbares IPPI 4/5 Niveau) verfügen, souveräne Rückwärtsstart-Techniken auf losem Geröll beherrschen und Erfahrung in der Einschätzung von Talwindsystemen besitzen. Piloten, die Unsicherheiten bei steilen Starts haben oder komplexe Luftraumstrukturen (CTR, Wildschutz, Deadlines für Basejumper) als Stressfaktor empfinden, sollten dieses Gebiet meiden oder ausschließlich unter der Aufsicht lokaler Flugschulen wie Airtime Paragliding operieren. Die beste Zeit für genussvolle Abgleiter ist der Winter; für thermisch ambitionierte Streckenflüge bieten sich Spätsommer und Frühherbst an, wenn die Talwinde an Aggressivität verlieren.
Bevor wir in die aerologischen Details eintauchen, ist eine präzise geografische Abgrenzung unerlässlich. In der Gleitschirm-Community führt die Suche nach "Startplatz Schilthorn" oft zu Verwirrung, da der Name im deutschsprachigen Alpenraum mehrfach existiert.
Die Disambiguierung: Schweiz vs. Österreich
Es existiert tatsächlich ein Gipfel namens Schilthorn in den Lechtaler Alpen in Österreich, unweit der bekannten Jöchelspitze. Dieser Berg ist jedoch fliegerisch von sekundärer Bedeutung und verfügt über keine vergleichbare Infrastruktur oder fliegerische Logistik wie sein Schweizer Namensvetter. Wenn Piloten, Magazine oder Foren vom "Schilthorn" sprechen, beziehen sie sich fast ausschließlich auf den 2.970 Meter hohen Gipfel im Berner Oberland, Schweiz. Die DHV-Datenbank und alle relevanten Wetterstationen (z.B. HolFuy Stationen) verweisen auf die Koordinaten im Lauterbrunnental. Dieses Dossier konzentriert sich daher zu 100% auf das Schweizer Schilthorn (Piz Gloria), da dies der "Heilige Gral" für Piloten ist, die nach diesem Namen suchen und eine Reise in die Alpen planen.
Die Arena: Das Lauterbrunnental
Das Lauterbrunnental ist ein klassisches Trogtal, geformt von massiven gletscherzeitlichen Bewegungen. Diese geologische Geschichte hat senkrechte Felswände hinterlassen, die bis zu 1.000 Meter in die Höhe ragen – eine Topografie, die nicht nur spektakulär aussieht, sondern der entscheidende Faktor für die lokale Aerologie ist. Das Tal verläuft grob Nord-Süd, was das Talwindsystem extrem kanalisiert und verstärkt, ähnlich einer Düse. Diese "U-Form" mit ihren steilen Flanken ist der Grund, warum das Talwindsystem hier stärker und pünktlicher einsetzt als in offeneren Tälern wie beispielsweise dem Engelbergertal.
Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Wer das Lauterbrunnental nur als "schöne Kulisse" betrachtet, begibt sich in Gefahr. Das Tal ist eine gigantische Windmaschine, deren Mechanik man verstehen muss, um sicher zu starten und vor allem sicher zu landen.
Das Talwind-Regime ("The Ventilator")
Das Lauterbrunnental fungiert als riesiger Ansaugstutzen für das thermische Tief über den Hochalpen. Bei Sonneneinstrahlung saugt das Tal Luftmassen aus dem vorgelagerten Thunersee-Becken und dem Schweizer Mittelland an.
Der Mechanismus
Die Luftmassen müssen durch den engen Taleingang bei Zweilütschinen gepresst werden. Da sich das Tal nach hinten (Süden) hin verengt und die Wände extrem steil sind, entsteht ein klassischer Venturi-Effekt. Die Windgeschwindigkeit nimmt oft zu, je weiter man ins Tal hineinfliegt, bis sie in Stechelberg, am Ende des Tals, ihr Maximum erreichen kann. Dies ist kontraintuitiv für Piloten, die es gewohnt sind, dass der Wind am Talende schwächer wird.
Der Tageszeitliche Verlauf (Sommer)
Eine Analyse der Winddaten zeigt ein sehr präzises Muster, das Piloten für ihre Flugplanung internalisieren müssen:
06:00 – 10:00 Uhr (Die Bergwind-Phase): In den frühen Morgenstunden herrscht oft noch der Bergwind. Dieser katabatische Fluss fließt talauswärts (von Stechelberg Richtung Interlaken). Er ist meist sanft (5-10 km/h) und sorgt für sehr ruhige, laminare Bedingungen. Für Anfänger und Genussflieger ist dies das sicherste Zeitfenster. Landungen in Stechelberg erfolgen in dieser Phase zwingend als Linksvolte.
10:30 – 11:30 Uhr (Die Transition): Dies ist die "tote Phase". Der Bergwind schläft ein, der Talwind hat noch nicht durchgegriffen. Die Luft im Talboden ist ruhig, Windsäcke hängen schlaff oder drehen unentschlossen. Thermik an den Ostflanken beginnt zu zünden.
Ab 12:00 Uhr (Das Einsetzen des Monsters): Der Talwind bricht durch. Er fließt nun taleinwärts (von Interlaken Richtung Stechelberg). Anfangs noch moderat (15-20 km/h), nimmt er rasch an Fahrt auf. Die Landevariante wechselt sofort: Nun ist zwingend eine Rechtsvolte zu fliegen, um nicht in Konflikt mit dem Gelände oder anderen Piloten zu geraten.
14:00 – 17:00 Uhr (Die Hochphase): In dieser Zeit erreicht der Talwind im Sommer oft Spitzen von 30-40 km/h, in Böen mehr. Dies ist die gefährlichste Zeit für Landungen in Stechelberg. Durch Hindernisse am Boden (Bäume, Seilbahnstation, geparkte Busse) entsteht eine turbulente Schicht ("Leewalzen") in den untersten 50 Metern. Piloten berichten von "Waschmaschinen-Effekten" kurz vor dem Aufsetzen. Wer hier landet, muss aktiv fliegen und hohe Anfluggeschwindigkeiten tolerieren können.
Thermik-Quellen ("House Thermals") und Trigger-Punkte
Das Gebiet bietet mehrere zuverlässige Thermikquellen, die jedoch je nach Tageszeit und Windsystem unterschiedlich funktionieren.
Die Mürrenfluh ("Die Wand"): Die senkrechte, südöstlich ausgerichtete Felswand unterhalb des Dorfes Mürren ist der erste Anlaufpunkt. Sie heizt sich ab dem späten Vormittag extrem auf.
Taktik: Nach dem Start am Schiltgrat hält man sich rechts und fliegt die Kante an.
Gefahr: Man darf nicht zu nah an die Kante fliegen, da hier durch die Kante und den Talwindabriss starke Turbulenzen (Scherungen) entstehen können. Der Bart steht meist etwas vorgelagert.
Der Schwarzmönch: Dieser massive Felsklotz liegt gegenüber von Mürren auf der anderen Talseite. Er ist ein gigantischer Thermiksammler am Nachmittag (Westexposition).
Warnung: Der Weg dorthin führt mitten durch das Talwindsystem. Wer zu tief anfliegt (unterhalb der Gratkante des Schwarzmönchs, ca. 2.600m), gerät in den "Sog" des Talwinds. Dieser wirkt wie ein Staubsauger, der Piloten nach unten zieht ("Absaufer"). Die eiserne Regel lautet: Queren Sie das Tal zum Schwarzmönch nur mit deutlicher Überhöhung über Mürren (mindestens 2.000m MSL, besser höher).
Schilthorn Gipfelbereich: Thermik löst oft direkt an den südwestlichen Flanken (Schilthornhütte) oder an den Rippen Richtung Birg ab. Diese Bärte sind oft eng und stark, da sie hochalpin sind und weniger durch Vegetation gedämpft werden.
Viele online verfügbare Guides sind veraltet, da sie die massiven Umbaumaßnahmen des Projekts "Schilthornbahn 20XX" nicht berücksichtigen. Dieses Projekt, das bis 2026 abgeschlossen sein soll, verändert den Zugang zum Berg fundamental.
Die Anreise und das neue Seilbahn-System
Der logistische Dreh- und Angelpunkt ist Stechelberg (867 m). Hier endet die öffentliche Straße, und hier befindet sich die Talstation der Schilthornbahn.
Parken: Es gibt einen Großparkplatz direkt an der Talstation. Die Gebühren belaufen sich auf ca. 10-12 CHF pro Tag. Der Parkautomat akzeptiert Karten, aber Bargeld ist für Notfälle ratsam. Die Koordinaten für das Navi sind: 46° 33' 18" N, 7° 54' 06" O.
Öffentliche Verkehrsmittel (Empfehlung): Da das Lauterbrunnental oft überfüllt ist, empfiehlt sich die Anreise per Zug bis Lauterbrunnen und weiter mit dem Postauto (Bus) bis Stechelberg. Dies ist stressfrei und oft schneller.
Das neue Bahnsystem (Status ab 2025/2026)
Das alte Pendelbahnsystem wurde komplett ersetzt, was die Kapazität und Geschwindigkeit drastisch erhöht:
Sektion 1 (Stechelberg – Mürren): Diese neue Direktverbindung ist eine ingenieurtechnische Meisterleistung und gilt als eine der steilsten Seilbahnen der Welt mit einer Steigung von bis zu 159%. Sie eliminiert den Umstieg in Gimmelwald für die Fahrt nach oben (Gimmelwald bleibt aber erreichbar). Für Piloten bedeutet dies einen deutlich schnelleren Zugang zu den Startplätzen in Mürren.
Sektion 2 (Mürren – Birg): Eine neue Funifor-Anlage ersetzt die alte Bahn. Funifor-Bahnen sind extrem windstabil durch ihre breite Seilführung, was bedeutet, dass der Bahnbetrieb auch dann noch laufen kann, wenn es zum Fliegen längst zu stürmisch ist.
Sektion 3 (Birg – Schilthorn): Ebenfalls modernisiert und an die hohe Kapazität angepasst.
Logistik-Geheimtipp für Sparfüchse: Gleitschirmflieger erhalten keinen automatischen Rabatt auf die Talfahrt, wenn der Wind oben nicht passt. Dies kann teuer werden.
Swiss Pass / Halbtax: Diese Ermäßigungskarten werden akzeptiert und halbieren den Fahrpreis.
"Fly & Hike" Strategie: Es gibt oft keine explizite "Piloten-Tageskarte". Eine beliebte Strategie ist es, Tickets nur bis Mürren oder Birg zu kaufen und Teilstrecken zu laufen, falls das Wetter unsicher ist.
Gepäck: In den neuen, geräumigen Kabinen ist der Transport von Gleitschirmrucksäcken einfacher geworden. Dennoch gilt in der Hochsaison (Ski & asiatische Reisegruppen): Ein kompakter Packsack oder Hike & Fly Ausrüstung ist ein Segen, um Konflikte in der Kabine zu vermeiden.
Der Fußweg zur Rampe
Vom Ausstieg am Gipfel (Piz Gloria) führt der Weg durch das Gebäude auf die große Aussichtsterrasse. Der Startplatz liegt meist direkt unterhalb der Balustrade. Der Zugang erfolgt über eine Treppe oder einen Pfad, der im Winter und Frühjahr oft extrem vereist ist. Grödel (leichte Spikes für die Schuhe) sind hier keine Modeerscheinung, sondern eine essenzielle Sicherheitsausrüstung, um nicht schon vor dem Start mit dem Schirm auf dem Rücken auszurutschen.
Das Fluggebiet bietet eine Kette von Startplätzen ("Chain of Launch"), die es Piloten erlauben, je nach Windstärke und Wolkenbasis flexibel zu agieren.
A. Hauptstartplatz: Schilthorn Gipfel (Piz Gloria)
Dies ist der "James Bond"-Startplatz direkt am Drehrestaurant.
Höhe: 2.970 m MSL
GPS: 46° 33' 26" N, 7° 50' 07" O
Exposition: Nord-Ost (NO) bis Süd-West (SW).
Schwierigkeitsgrad: Schwer (D).
Untergrund: Der Startplatz ist hochalpin, bestehend aus grobem Geröll, scharfkantigen Schieferplatten und im Winter Eis/Schnee.
Die Abbruchkante: Das kritischste Merkmal ist die kurze Startbahn. Nach ca. 40-50 Metern Laufstrecke bricht das Gelände extrem steil in die Tiefe ab. Ein Startabbruch muss zwingend vor dieser Kante erfolgen. Wer hier stolpert oder den Schirm nicht unter Kontrolle hat, riskiert fatale Folgen.
Matten: Es liegen teilweise Gummimatten aus, um das Leinenverhaken zu minimieren. Darauf sollte man sich jedoch nicht verlassen, da sie oft verschneit, verrutscht oder beschädigt sind.
Aerodynamik: Auf fast 3.000 Metern ist die Luftdichte deutlich geringer ("Thin Air"). Dies erfordert eine höhere Laufgeschwindigkeit (Take-off Speed), um den nötigen Auftrieb zu erzeugen. Piloten, die nur Mittelgebirgsstarts gewohnt sind, unterschätzen oft, wie lange und schnell sie laufen müssen.
B. Ausweichstartplatz: Birg
Die Mittelstation der Seilbahn bietet eine Alternative, wenn der Gipfel in Wolken hüllt.
Höhe: Ca. 2.600 m (Startplatz liegt im Sattel unweit der Station).
Charakteristik: Ein Felsgrat ("Enge"), der topografisch sehr windanfällig ist. Hier tritt oft ein Düseneffekt (Venturi) auf.
Schwierigkeit: Mittel bis Schwer. Starten ist nur bei perfektem Wind ratsam. Der Grat ist schmal; bei Seitenwind besteht die akute Gefahr, ins Lee des Grats geblasen zu werden.
C. Der "Brot-und-Butter"-Startplatz: Schiltgrat
Wenn der Gipfel im Sturm steht oder für weniger erfahrene Piloten, ist der Schiltgrat die erste Wahl.
Höhe: 2.145 m
GPS: 46.5571, 7.8731
Zugang: Im Winter bequem per Sessellift von Mürren. Im Sommer zu Fuß (Hike & Fly) oder eingeschränkter Betrieb.
Charakteristik: Ein deutlich einfacherer Wiesenstart, der im Winter oft als Skipiste planiert ist. Ideal für die ersten Flüge im Gebiet, um sich an die Optik und das Talwindsystem zu gewöhnen.
D. Startplätze in Mürren (Das Dorf)
Tennisplatz (1.600 m): Warnung: Dieser Startplatz ist extrem anspruchsvoll und gefährlich bei falschen Bedingungen. Durch die Lage im Dorf und umgeben von Bäumen und Gebäuden herrscht hier oft Lee-Gefahr. Nur für Locals empfohlen oder unter direkter Anleitung.
Wurmegg (1.700 m): Dies ist der primäre Startplatz der lokalen Flugschulen und Tandemunternehmen. Es ist ein Wiesenstart. Achtung: Hier haben die gewerblichen Tandempiloten (z.B. Airtime Paragliding) Vorrang. Gastpiloten sollten sich defensiv verhalten und den Betrieb nicht aufhalten.
Der Flug vom Schilthorn ist technisch anspruchsvoll. Neben dem Startlauf ist die Flugwegplanung entscheidend.
Die vertikale Schichtung ("Torten-Modell")
Man muss sich das Lauterbrunnental wie eine Torte mit verschiedenen aerodynamischen Schichten vorstellen, die visuell nicht getrennt sind, aber fliegerisch völlig unterschiedliche Regeln haben:
High Alpine Zone (2.500m+): Hier herrscht der überregionale Wind (Meteowind). Ist dieser stark (z.B. Westwind > 20 km/h), ist ein Start am Gipfel lebensgefährlich, da man sofort ins Lee des Grates gedrückt wird.
Mixing Bowl (1.600m - 2.500m): Auf Höhe von Mürren mischen sich Thermik, Hangwind und der Einfluss des Talwindes. Hier findet das meiste Soaring statt.
Wind Tunnel (Boden bis ca. 1.200m): Hier regiert der Talwind. Wer in diese Schicht einfliegt, muss sich auf Turbulenzen und starken Vorwärtsdrift gefasst machen.
Das Basejumper-Protokoll (Überlebenswichtig!)
Lauterbrunnen ist weltweit eines der Zentren für Basejumping. Täglich springen Dutzende Sportler von den Wänden ("High Ultimate", "La Mousse", "Yellow Ocean").
Die Regel: Es existiert ein Gentlemen's Agreement und teils feste Zeitfenster, um Kollisionen zu vermeiden.
Vermeidung: Fliegen Sie niemals direkt und dicht (weniger als 100m Abstand) an der vertikalen Wand unterhalb der bekannten Absprungstellen ("Exit Points").
Zeit-Management: Basejumper springen bevorzugt in den frühen Morgenstunden oder am späten Nachmittag bei wenig Wind. Mittags (bei starkem Talwind) ist die Sprungaktivität geringer.
Visuelle Wachsamkeit: Halten Sie stets Blickkontakt zur Wandkante oben! Ein kleiner schwarzer Punkt, der fällt, hat physikalisch bedingt absoluten Vorrang. Ein sich öffnender Fallschirm ist für einen Gleitschirm ein unbewegliches Hindernis.
Vom Schilthorn aus startet man oft in drei Hauptrichtungen für Streckenflüge (XC):
Der Klassiker für Einsteiger ins Streckenfliegen in diesem Gebiet.
Route: Start Schiltgrat -> Soaring an der Mürrenfluh -> Querung nach Wengen/Männlichen (nur mit Höhe!) -> Gleitflug nach Interlaken.
Herausforderung: Der Flug gegen den Talwind Richtung Interlaken. Man fliegt "stromaufwärts". Planen Sie genug Gleitzahl-Reserve ein, da der Talwind Ihre Groundspeed drastisch reduziert.
Ziel: Landeplatz Höhenmatte in Interlaken (direkt im Zentrum). Ein spektakuläres Erlebnis.
Route: Querung vom Schilthorn/Birg hinüber zum Lauberhorn und Männlichen.
Schlüsselstelle: Die Talquerung über Lauterbrunnen. Das Tal ist breit und der Talwind "frisst" Höhe. Man muss am Schilthorn oder Birg die Basis erreichen (oft 3.000m+), um sicher auf der Wengen-Seite anzukommen. Kommt man zu tief an, landet man im Lee der Wengen-Hänge oder wird vom Talwind nach Zweilütschinen gespült.
Route: Vom Schilthorn nach Westen über die Sefinenfurgge ins Kiental und weiter Richtung Kandersteg.
Charakter: Hochalpin, wild und einsam. Nur für sehr erfahrene Piloten. Hier gibt es kaum Außenlandemöglichkeiten und man fliegt über Gletscherreste und Geröllwüsten.
Viele Piloten unterschätzen die Landung in Stechelberg massiv. Es ist nicht "nur eine Wiese im Tal", sondern aerodynamisch anspruchsvoll.
Die "Talwind-Falle"
Ein klassischer Fehler von Neulingen ist es, zu lange am Hang in Mürren zu soaren, Höhe zu verlieren und dann zu versuchen, im Talwind gegen den Wind zum Landeplatz vorzudringen.
Das Problem: Bei Stechelberg verengt sich das Tal, was zu einer Düsenwirkung führt. Wer zu tief (unter 1.000 m MSL) in den Talwind gerät, schafft es oft nicht mehr vorwärts ("Rückwärts-Einparken").
Die Lösung: Planen Sie die Landeeinteilung extrem defensiv. Kommen Sie mit deutlicher Überhöhung über dem Landeplatz an. Positionieren Sie sich luvseitig (taleinwärts) vom Landepunkt, damit der Wind Sie zum Punkt schiebt, nicht von ihm weg.
Der "Crab Angle": Im Endanflug müssen Sie oft stark vorhalten (in den Wind drehen), um nicht seitlich abgetrieben zu werden.
Infrastruktur am Landeplatz
Lage: Direkt neben der Schilthornbahn Talstation und dem Campingplatz.
Koordinaten: 46.5561, 7.9023.
Abbau: Packen Sie Ihren Schirm bitte ausschließlich am Rand des Parkplatzes oder auf den dafür vorgesehenen Faltplätzen. Der Bauer, dem die Wiese gehört, ist kooperativ, aber empfindlich gegenüber hohem Gras, das niedergetrampelt wird.
Gebühren: Der Gleitschirmclub Lauterbrunnental erhebt keine aggressive Tagesgebühr pro Flug, aber eine Mitgliedschaft oder Spende zur Erhaltung der Infrastruktur wird gerne gesehen. Es gibt Diskussionen über Landegebühren ab 2023/24, achten Sie auf aktuelle Aushänge am Infoboard.
Das Lauterbrunnental ist ein extrem dichter Luftraum mit unterschiedlichen Nutzern.
Heliport Lauterbrunnen (Air Glaciers)
Das ist die wichtigste Regelzone!
Lage: Nördlich von Lauterbrunnen (Richtung Zweilütschinen).
Regel: Es herrscht absolutes Flugverbot in der Kontrollzone (CTR) oder den markierten Anflugsektoren, wenn man nicht angemeldet ist.
XC-Flieger: Wer nach Interlaken will, muss hoch genug sein, um den Heliport weiträumig zu überfliegen oder die östliche Talseite (Wengen/Männlichen) nutzen. Ein Durchflug im Talboden ist streng verboten und wird geahndet. Air Glaciers führt hier Rettungsflüge und Materialtransporte durch – sie haben keine Toleranz für spielende Gleitschirme im Anflugsektor.
Wildschutzgebiete
An den Hängen rund um den Schwarzmönch und im hinteren Lauterbrunnental (Naturschutzgebiet Breithorn/Wetterhorn) gibt es Wildruhezonen. Diese sind auf der ICAO-Karte für Segelflug/Gleitschirm eingezeichnet. Verstöße werden in der Schweiz teils mit hohen Bußgeldern und Flugverbot belegt. Checken Sie vor dem Flug die "Swiss Topo App" oder "Flyland" Karten.
Kabel-Gefahr (Materialseilbahnen)
Das Tal ist durchzogen von Materialseilbahnen, die abgelegene Bauernhöfe auf den Almen versorgen.
Regel: Niemals einfach "irgendwo" am Hang soaren, wenn man die Kabel nicht kennt. Die Seile sind oft dünn (wenige Millimeter), grau und gegen den dunklen Fels oder Waldhintergrund fast unsichtbar. Bleiben Sie an den bekannten Routen (Mürrenfluh) und meiden Sie das "Grabenfliegen" in Seitentälern.
Beste Einkehr ("Après-Fly")
Stechelberg Hotel: Direkt am Landeplatz gelegen. Dies ist der inoffizielle Treffpunkt für Piloten und Basejumper. Hier gibt es einfaches, gutes Essen (Rösti ist der Favorit!) und man kann von der Terrasse aus die Landungen beobachten.
Airtime Café (Lauterbrunnen): Ein Hotspot für die internationale Flugszene. Hier gibt es guten Kaffee, WLAN, und man trifft garantiert jemanden, der einem aktuelle Tipps geben kann oder Shuttle-Dienste organisiert.
Unterkunft
Camping Rütti (Stechelberg): Direkt neben dem Landeplatz. Perfekt für Piloten mit Camper-Vans. Man wacht auf und schaut direkt zum Startplatz hoch.
Mountain Hostel (Gimmelwald): Legendär unter Rucksackreisenden und Fliegern. Es ist günstig, liegt direkt an der Seilbahnstation Gimmelwald (Mittelstation) und bietet eine geniale Aussicht. Die Atmosphäre ist sehr international.
Was tun bei "unflyable" conditions?
Föhn-Tag: Wenn Föhn herrscht (NICHT FLIEGEN!), gehen Sie wandern oder besuchen Sie die Trümmelbachfälle. Das sind zehn Gletscherwasserfälle im Berginneren, die durch einen Lift zugänglich sind – ein weltweit einzigartiges Naturschauspiel.
Starkwind: Fahren Sie nach Interlaken (Startplätze Amisbühl oder Höhenmatte). Dort ist es oft ruhiger, und man kann über dem Brienzersee Sicherheitstrainings (SIV) beobachten oder einfach den "Vibe" der dortigen Fliegerszene genießen.
Kultur: Besuchen Sie die "Bond World" im Gipfelgebäude Schilthorn. Das Frühstücksbuffet im Drehrestaurant Piz Gloria ist legendär (wenn auch teuer – ca. 35 CHF). Pro-Tipp: Wer vor 08:00 Uhr die erste Bahn nimmt, bekommt oft das "Early Bird" Ticket günstiger inklusive Frühstück.
Das Schilthorn hat zwei völlig unterschiedliche Gesichter.
Winter (Dezember - März)
Startplätze: Der Gipfelstart ist oft vereist und extrem glatt. Spikes (Grödel) sind Pflicht. Der Schiltgrat ist eine präparierte Piste und sehr einfach zu starten (Ski & Fly möglich).
Thermik: Kaum vorhanden. Es sind meist reine Abgleiter ("Sled Rides") in ruhiger, kalter Luft.
Logistik: Man teilt sich die Bahn mit Skifahrern. Achtung vor den Ski-Kanten beim Transport des Schirms!
Sommer (Juni - September)
Startplätze: Geröll am Gipfel. Wiese am Schiltgrat.
Thermik: Brutal stark. Die Ostwände feuern ab 10:00 Uhr.
Talwind: Das dominierende Element. Flüge nach 14:00 Uhr sind oft ein Kampf gegen den Wind im Tal.
Schlusswort
Das Schilthorn ist kein Berg für die schnelle Nummer zwischendurch. Es ist ein hochalpines Abenteuer, das sorgfältige Planung erfordert. Wer den Respekt vor dem Talwind mitbringt, die Logistik der neuen Bahnen versteht und sich defensiv gegenüber den anderen Luftraumnutzern verhält, wird mit einem der schönsten Flüge seines Lebens belohnt: Ein Gleiten im Schatten der Eiger-Nordwand, vorbei an donnernden Wasserfällen, hinunter in das vielleicht spektakulärste Tal der Alpen.
Fly safe, land happy.