
1 Startplatz, 1 Landeplatz
Ausführliche Recherche und lokales Wissen
Aerologische und Operationelle Monografie der Fluggebiete im Geislinger Becken Eine technische Analyse der Startplätze Rabenfelsen, Schleckerfelsen und Türkheim
Das Fluggebiet rund um Geislingen an der Steige nimmt innerhalb der süddeutschen Aviatik eine Sonderstellung ein, die weit über die bloße Kategorisierung als lokales Fluggelände hinausgeht. Während der Großteil der Schwäbischen Alb durch eine relativ homogene Kante – den Albtrauf – charakterisiert ist, stellt das Geislinger Becken eine massive orographische Anomalie dar. Hier bricht die Kontinuität des Hochplateaus auf, erodiert durch die Urkräfte der Fils und ihrer Zuflüsse, und formt einen Talkessel, der als „Fünftälerstadt“ bekannt ist. Diese topographische Singularität erzeugt ein mikroklimatisches und aerologisches System von hoher Komplexität, das für Piloten von Hängegleitern und Gleitschirmen gleichermaßen Faszination und signifikantes Risiko birgt.
Der vorliegende Bericht dient nicht als touristische Broschüre, sondern als exhaustives operationelles Handbuch für fortgeschrittene Piloten und flugtechnische Planer. Er ersetzt und erweitert die statischen Daten der DHV-Datenbank durch dynamische Analysen der Strömungsphysik, der lokalen Meteorologie und der historisch gewachsenen regulatorischen Rahmenbedingungen. Der Fokus liegt dabei explizit auf den drei primären Startplätzen: dem Rabenfelsen (Ost), dem Schleckerfelsen (Südost) und Türkheim (West). Diese Trias bildet ein anspruchsvolles Flugrevier, das aufgrund seiner Expositionen theoretisch Flüge bei fast allen Windrichtungen ermöglicht, praktisch jedoch durch enge Sicherheitsmargen und komplexe Luftraumstrukturen limitiert ist.
Die Relevanz dieser Analyse ergibt sich aus der Diskrepanz zwischen der scheinbaren Einfachheit der Geländedaten – Höhendifferenzen von lediglich ca. 180 Metern – und der realen fliegerischen Anspruchshaltung. Historische Unfalldaten und Berichte aus der Community deuten darauf hin, dass die Unterschätzung der „Geislinger Falle“, einer spezifischen Leewirkung im Kessel, sowie die Unkenntnis über die aerodynamischen Besonderheiten des Klippenstarts zu kritischen Flugzuständen führen können. Folglich richtet sich dieses Dokument primär an Piloten mit B-Schein-Niveau oder vergleichbarer Erfahrung (IPPI 5), die das Gelände nicht nur befliegen, sondern in seiner gänzlichen Struktur verstehen wollen.
Um das Flugverhalten an den Geislinger Felsen zu verstehen, ist ein Exkurs in die Geologie unerlässlich. Der Startplatz Rabenfelsen und seine Pendants liegen auf der Kante des Weißen Jura (Malm), einer Kalksteinschicht, die das süddeutsche Schichtstufenland krönt. Im Gegensatz zu den Granitformationen des Schwarzwaldes oder den Schiefergesteinen der Alpen besitzt der Kalkstein des Albtraufs spezifische thermische Eigenschaften, die für den Segelflug von entscheidender Bedeutung sind.
Kalkstein ist porös und besitzt eine geringere spezifische Wärmekapazität als wassergesättigte Böden, was zu einer raschen Aufheizung bei Sonneneinstrahlung führt. Die vertikalen Felswände des Rabenfelsens und des Schleckerfelsens fungieren hierbei als vertikale Kollektoren. In den Vormittagsstunden, wenn die Sonne in einem flachen Winkel auf die Ostflanken trifft, erwärmt sich der nackte Fels deutlich schneller als der bewaldete Hangfuß oder der Talboden der Fils. Dies führt zur Ausbildung von „Blue Thermals“ – thermischen Ablösungen, die oft trocken sind und keine Kumuluswolken als Indikatoren bilden, da die Feuchtigkeit im porösen Gestein fehlt.
Diese geologische Disposition hat direkte Auswirkungen auf die Flugtaktik. Während an anderen Geländen die Wolkenentwicklung als primärer Indikator für den Startzeitpunkt dient, müssen Piloten in Geislingen die „Fels-Trigger“ lesen. Die Abrisskanten sind geologisch scharf definiert. Der Übergang vom Plateau zur vertikalen Wand ist oft abrupt, was bedeutet, dass sich Warmluftpakete nicht langsam den Hang hinaufschieben, sondern sich an der Kante stauen und pulsierend ablösen. Für den Piloten bedeutet dies, dass der Startzeitpunkt oft zyklisch gewählt werden muss: Ein Start in der Ruhephase zwischen zwei thermischen Zyklen kann zu einem sofortigen „Absaufen“ führen, während ein Start in der Ablösephase mit Turbulenzen an der Kante verbunden ist.
Ein zentrales Merkmal, das die Geislinger Fluggebiete von der Masse der DHV-Gelände abhebt, ist die Klassifizierung als „Klippenstart“. Dies ist nicht nur eine topographische Beschreibung, sondern ein aerodynamischer Fachterminus mit weitreichenden Konsequenzen für die Flugsicherheit, insbesondere bei der Differenzierung zwischen Drachen (Hängegleitern) und Gleitschirmen.
Analysiert man die Luftströmung, die auf eine vertikale Felswand wie den Rabenfelsen trifft, so lässt sich ein klassisches strömungsmechanisches Phänomen beobachten, das als Strömungsabriss oder Separation bekannt ist. Die Luftmasse kann der scharfen 90-Grad-Kante des Felsens nicht laminar folgen. Stattdessen löst sich die Strömung an der Kante ab und bildet eine linsenförmige Rezirkulationszone unmittelbar hinter und oberhalb der Kante.
Der Bereich direkt an der Startkante ist durch einen Staupunkt gekennzeichnet, an dem der dynamische Druck maximal ist, die Strömungsgeschwindigkeit jedoch gegen Null tendieren kann. Unmittelbar darüber und dahinter beschleunigt die Luft massiv (Venturi-Effekt), während direkt unterhalb der Kante oft ein Lee-Rotor (eine Walze) entsteht, der entgegen der Hauptwindrichtung rotiert.
Für den Startvorgang bedeutet dies:
Die Staupunkt-Falle: Ein Gleitschirm, der an der Kante aufgezogen wird, muss durch die Zone des Staupunkts in die beschleunigte Strömung gehoben werden. Verbleibt die Kappe zu lange in der toten Zone direkt an der Kante, droht ein Frontklapper noch vor dem Abheben.
Der Rotor-Sprung: Nach dem Abheben muss das Fluggerät sofortige Vorwärtsfahrt aufbauen, um die Rezirkulationszone zu verlassen und in die laminare Anströmung einzutauchen.
Die offizielle DHV-Datenbank markiert den Rabenfelsen mit dem Warnhinweis „Drachenfluggelände mit Klippenstart! Nur für Geübte!“ und schließt Gleitschirme explizit aus („Gleitschirme: Nein“). Diese Restriktion basiert auf physikalischen Notwendigkeiten.
Ein Hängegleiter (Drachen) ist ein starres Flügelprofil. Beim Startlauf beschleunigt der Pilot das Gerät, sodass es mit hoher kinetischer Energie über die Kante stößt. Die Starrflügelkonstruktion ist immun gegen das Einklappen (Collapse), das flexible Gleitschirme bedroht. Der Drachenpilot „schneidet“ durch die turbulente Grenzschicht und nutzt die höhere Trimmgeschwindigkeit (ca. 35-40 km/h gegenüber ca. 22-25 km/h beim Gleitschirm), um sich schnell vom gefährlichen Rotorbereich an der Wand zu entfernen.
Ein Gleitschirm hingegen ist ein flexibles Pendel. Startet ein Gleitschirmpilot an einer solchen Klippe, besteht das Risiko, dass der Schirm in der Sekunde des Abhebens, wenn die Flächenbelastung noch nicht stabilisiert ist, von der turbulenten Grenzschicht deformiert wird. Ein „Sackflug“ oder ein asymmetrischer Klapper unmittelbar nach dem Verlassen des Bodens führt an einer Klippe unweigerlich zu einem Absturz in die unterhalb liegende Vegetation oder Felswand. Es fehlt die sanfte Wiese zum Abgleiten oder Abbruch des Starts.
Daher ist die Restriktion am Rabenfelsen keine bloße Vereinsmeier-Regel, sondern ein sicherheitstechnisches Imperativ. Zwar gibt es technisch versierte Gleitschirmpiloten, die Klippenstarts beherrschen (durch Techniken wie den „Cobra-Launch“ oder extrem dynamisches Vorfüllen), doch für die breite Masse der Piloten stellt dieses Gelände eine lebensgefährliche Falle dar. Die Datenbank bestätigt dies durch die strikte Ablehnung von Gleitschirmen an diesem spezifischen Startplatz.
Koordinaten: N 48°36'49.67" E 9°47'46.63" Höhe: 680 m NN (180 m Höhendifferenz) Ausrichtung: Ost (O)
Der Rabenfelsen ist das Herzstück des Drachenfliegervereins Geislingen e.V. und repräsentiert den klassischen „Morgenberg“. Geographisch liegt er exponiert über dem Eybtal, einem der fünf Täler, die in den Geislinger Kessel münden.
Der Startplatz selbst ist physisch limitiert. Es handelt sich um eine kurze Rampe bzw. einen Felsvorsprung, der wenig Raum für Fehler lässt. Die Startentscheidung ist binär: Sobald der Pilot anläuft, gibt es nach wenigen Metern keinen Boden mehr. Dies erfordert eine mentale Härte, die vielen Flachlandpiloten fremd ist. Der Anlauf muss explosiv sein („Drei-Schritt-Commitment“), um sofortige Fluggeschwindigkeit zu erreichen. Zögerliches Anlaufen führt an der Kante zum Strömungsabriss.
Geheimtipp zur Windbeurteilung: Erfahrene Piloten verlassen sich nicht nur auf den Windanzeiger an der Rampe. Dieser kann durch den Stau-Effekt einen perfekten Wind vortäuschen, während 20 Meter davor (im Tal) bereits eine Scherung anliegt. Ein Blick auf die Vegetation im Talboden (Pappeln entlang der Eyb) ist essenziell. Biegen sich diese bereits stark, ist der Wind an der Kante durch den Kompressionseffekt (Venturi) wahrscheinlich zu stark für einen sicheren Start, selbst für Drachen.
Das optimale Zeitfenster für den Rabenfelsen ist extrem eng und spezifisch. Er funktioniert am besten in Hochdrucklagen mit einer stabilen Ostströmung zwischen 9:00 Uhr und 12:00 Uhr.
09:00 - 11:00 Uhr: Dies ist die Phase des laminaren Hangaufwinds, unterstützt durch die erste thermische Ablösung der aufgeheizten Ostwand. Hier sind soartechnisch die einfachsten Bedingungen zu finden.
Ab 13:00 Uhr: Sobald der Sonnenazimut über den Zenit wandert, fällt die Ostwand in den Schatten. Die Thermik stirbt abrupt ab („The Switch“). Wer jetzt startet, erlebt oft einen reinen Abgleiter. Das Sinken ist hier, bedingt durch die fehlende Sonneneinstrahlung und die oft einsetzende Kaltluftproduktion des Waldes, massiv. Ein „Absaufen“ ist fast garantiert.
Der Landeplatz liegt auf 500 m NN bei den Koordinaten N 48°36'43.84" E 9°48'07.68". Die Höhendifferenz beträgt netto nur 180 Meter. Dies lässt wenig Spielraum für eine ausgedehnte Platzrunde (Volte). Der Landeplatz ist von topographischen Hindernissen umgeben. Die Anfluginformationen deuten darauf hin, dass eine präzise Einteilung notwendig ist. Ein Überschießen des Landeplatzes führt in Hindernisse (Bäume, Straße), ein Unterschießen führt in ansteigendes Gelände oder Buschwerk. Für Drachenpiloten, deren Gleitwinkel flacher ist als der von Gleitschirmen, ist das Energiemanagement (Abbau von Höhe) in diesem engen Kessel die eigentliche Herausforderung. Die Verwendung von Bremschirmen ist bei thermischen Bedingungen ratsam, um den Anflugwinkel steiler gestalten zu können.
Lage: Oberböhringen, ca. 3 km südlich vom Rabenfelsen Ausrichtung: Südost (SO) Charakteristik: „Durchaus abenteuerlich“ , „Nichts für schwache Nerven“
Der Schleckerfelsen genießt in der lokalen Szene einen fast mythischen Ruf. Er ist einer der wenigen Startplätze am gesamten Albtrauf, der eine Südost-Komponente aufweist , was ihn bei entsprechenden Wetterlagen alternativlos macht – aber auch extrem gefährlich.
Südostwind auf der Alb ist selten eine stabile Hochdruckerscheinung. Oft ist er der Vorbote einer Föhnlage oder einer herannahenden Front aus West, die die Luftmasse vor sich herschiebt (pre-frontal). Dies bedeutet, dass die Luftmasse am Schleckerfelsen oft labil geschichtet und böig ist.
Der Schleckerfelsen ist kein freistehender Gipfel, sondern eine Abbruchkante eines weiten Plateaus. Wenn Südostwind auf dieses Plateau trifft, wird er nicht nur nach oben abgelenkt, sondern über die Kante beschleunigt. Das Phänomen ist bekannt als „Plateau-Venturi“. Die Windgeschwindigkeit nimmt in den letzten 10 Metern vor der Kante exponentiell zu. Ein Wind, der auf dem Plateau als angenehme 15 km/h gemessen wird, kann an der Startkante mit 30-40 km/h anliegen. Für Gleitschirme liegt dies bereits im Bereich der Trimmgeschwindigkeit, was einen Start unmöglich macht oder zum sofortigen Rückwärtsflug (Hebeln) führt.
Die wohl eindringlichste Warnung in den Flugforen lautet: „Nicht absaufen!“. Das Gelände unterhalb des Schleckerfelsens fällt in das sogenannte „Goißatäle“ ab. Es ist zerklüftet, dicht bewaldet und bietet keine offiziellen Notlandeplätze am Hangfuß. Ein Pilot, der nach dem Start keine Höhe gewinnt und unter die Hangkante sinkt, gerät in eine Zone mechanischer Turbulenz. Die Bäume und Felsvorsprünge im Goißatäle zerhacken den Wind in Rotoren. Ein Außenlandungsversuch hier endet fast zwangsläufig in einer Baumlandung. Rettungseinsätze sind aufgrund der Unzugänglichkeit des Geländes extrem aufwendig und oft nur per Hubschrauber mit Winde möglich.
Historische Unfalldynamik: Berichte aus der Vergangenheit dokumentieren Unfälle, bei denen Piloten (selbst erfahrene Drachenflieger wie Bob Baier) in Lee-Rotoren gerieten. Die Beschreibung von „Drachen, die explodieren“ oder unkontrollierten Flugzuständen unterstreicht die Gewalt der Rotoren, die sich bilden können, wenn der Wind nicht laminar, sondern leicht seitlich oder böig auf die Felsformationen trifft.
Koordinaten: Ca. N 48°35'0" E 9°48'0" Höhe: 673 m NN Ausrichtung: West (W) bis Nordwest (NW)
Türkheim fungiert als das „Abend-Pendant“ zum Rabenfelsen. Während der Osten morgens fliegt, wird Türkheim relevant, sobald der thermische Wind auf West dreht oder der überregionale Westwind dominiert.
Im Gegensatz zum naturbelassenen Rabenfelsen verfügt Türkheim über eine bauliche Infrastruktur: eine Startrampe, die auf einem aufgeschütteten Hügel errichtet wurde. Diese Rampe bietet einen entscheidenden aerodynamischen Vorteil: Sie hebt den Piloten aus der gröbsten Bodengrenzschicht heraus und sorgt für eine definierte Abrisskante. Dies macht den Start etwas kalkulierbarer als am Rabenfelsen. Dennoch bleibt der Start anspruchsvoll („Mittel“ ), da Seitenwindkomponenten an der Rampe schwer zu korrigieren sind.
Obwohl Türkheim als West-Startplatz klassifiziert ist, dreht der Wind am Albtrauf abends oft auf Nordwest. Hier liegt die Gefahr: Der Felssporn von Türkheim erzeugt bei einer Nordwest-Komponente ein massives Lee auf der Südseite des Startplatzes. Piloten, die versuchen, in der Abendthermik zu soaren und dabei zu weit nach Süden (Richtung Burgstall/Oberböhringen) versetzen, fliegen aus dem Luv direkt in die turbulente Leewalze des Sporns. Der Höhenverlust ist dabei dramatisch und führt oft dazu, dass der offizielle Landeplatz nicht mehr erreicht werden kann.
Während Rabenfelsen strikt HG ist, herrscht bei Türkheim eine gewisse Ambivalenz. Einige Quellen listen es als Drachenfluggelände, andere erwähnen Gleitschirme.
Realitätscheck: Aufgrund der Rampe ist der Start für Gleitschirme technisch suboptimal (Gefahr des Hängenbleibens an der Konstruktion). Ein Start neben der Rampe ist oft durch Bewuchs erschwert. Faktisch ist Türkheim primär ein Drachengelände. Gleitschirmpiloten werden hier oft geduldet, sofern sie die lokalen Regeln strikt einhalten und die Rampe nicht blockieren, aber es ist kein „anfängerfreundliches“ PG-Gelände.
Geheimtipp: Der Blick vom „Burgstall“ (lokal „auf der Budschlet“ genannt) bietet vor dem Flug eine exzellente Möglichkeit, die Windströmung im Tal zu beobachten. Wenn man von dort Schaumkronen auf den Bäumen im Tal sieht oder die Vögel im Lee der Kante kämpfen, sollte das Fluggerät im Auto bleiben.
Die Standardwetterberichte (ICON-D2, GFS) liefern für Geislingen oft unzureichende Daten, da das lokale Relief eigene Windsysteme generiert. Das Verständnis der „Geislinger Pumpe“ ist der Schlüssel zur Sicherheit.
Geislingen liegt im Schnittpunkt von fünf Tälern (Filstal, Eybtal, Rohrachtal etc.). Bei starker Sonneneinstrahlung wirkt die Stadt wie ein Heizkörper. Es entsteht ein massives anabatisches Saugen (Talwind), der Luft aus allen fünf Tälern in den Kessel zieht und dort als thermische Blase aufsteigen lässt.
Konvergenz: Oft treffen sich der Talwind aus dem Filstal (West) und der Talwind aus dem Eybtal (Ost) genau über der Stadt. Diese Konvergenzzone kann extrem starkes Steigen generieren („Magic Lift“), ist aber auch extrem turbulent, da zwei Luftmassen kollidieren.
Im Herbst neigt das tiefe Becken zur Inversionsbildung. Oben auf der Alb (Schleckerfelsen/Türkheim) kann strahlender Sonnenschein und guter Wind herrschen, während das Tal in einer Kaltluftblase liegt.
Der Durchstoß: Ein Pilot, der oben startet, fliegt durch die Inversionsgrenze. Der Durchflug ist gekennzeichnet durch:
Plötzlichen Verlust der Thermik (die Kaltluftblase deckelt die Thermik).
Winddrehung (Oft herrscht im Tal Windstille oder eine völlig andere Richtung als oben).
Beschlagen des Visiers/Brille durch Taupunktunterschreitung. Dies macht die Landeeinteilung extrem schwierig. Ein Windsack am Landeplatz, der „tot“ herabhängt, während oben 20 km/h Wind wehen, ist ein Warnsignal für eine solche Scherungsschicht.
Der Luftraum um Geislingen ist ein Minenfeld aus Restriktionen, die zwingend beachtet werden müssen, um den Fortbestand der Fluggebiete nicht zu gefährden.
Nur ca. 10 km nordöstlich liegt das Segelfluggelände Donzdorf-Messelberg. Obwohl Geislingen nicht direkt in der Platzrunde liegt, beeinflusst der Flugbetrieb die gesamte Region.
LPD-Funkpflicht: Ein absolutes Insider-Wissen ist die Funkregelung. Am Messelberg und in dessen Einflussbereich wird oft die Frequenz LPD 433.225 MHz zur Koordination genutzt. Dies ist keine offizielle Flugfunkfrequenz, sondern ein ISM-Band, das sich in der lokalen Drachen- und Gleitschirmszene als Standard etabliert hat, um mit der Segelflugleitung zu kommunizieren. Wer hier ohne LPD-Gerät fliegt, ist „blind“ und „taub“ für lokale Warnungen.
Die 6-Piloten-Regel: Am Messelberg selbst gilt eine strikte Limitierung auf maximal 6 Piloten (HG/GS) gleichzeitig in der Luft. Diese Regel soll die Kollisionsgefahr mit Segelflugzeugen minimieren. Bei Überfüllung droht Flugverbot. Diese Disziplin wird auch von Gästen in Geislingen erwartet – „Rudelbildung“ in der Luft wird von den lokalen Vereinen extrem kritisch gesehen.
Nördlich und westlich von Geislingen beginnt der komplexe Luftraum des Flughafens Stuttgart. Die Untergrenzen (FL 100, teilweise absenkbar) sind für normale Thermikflüge meist kein Problem, aber bei Streckenflügen Richtung Nordwesten kommt man schnell in Konflikt mit den Sektoren „Alb-Nord“. Eine genaue ICAO-Karten-Studie vor jedem Streckenflug ist obligatorisch.
Der Drachenfliegerverein Geislingen e.V. (DGV) ist der Halter der Gelände Rabenfelsen und Türkheim. Die Vereinsstruktur ist traditionell geprägt und stark auf das Drachenfliegen fokussiert.
Im Gegensatz zu kommerziellen Fluggebieten in den Alpen gibt es hier keine „Tageskarte am Automaten“.
Restriktiver Zugang: Aufgrund der Gefährlichkeit der Gelände („Nur für Geübte“) gibt es keine offene Gastflugregelung. Gastflüge sind in der Regel nur im Beisein eines Vereinsmitglieds und nach vorheriger Einweisung gestattet.
Kontakt: Der offizielle Ansprechpartner ist Roland Görz. Eine Kontaktaufnahme vor der Anreise ist zwingend. Einfach auftauchen und fliegen wird als Affront betrachtet und kann zu Platzverweisen führen.
Vereinsbus: Es gibt Hinweise auf Shuttle-Optionen (Vereinsbus) an Wochenenden, diese sind jedoch primär für Mitglieder organisiert. Gäste müssen sich hier arrangieren oder selbst organisieren (Hike & Fly ist am Rabenfelsen ohnehin Standard).
Angesichts der massiven Restriktionen und Gefahren für Gleitschirme am Rabenfelsen und Schleckerfelsen stellt sich die Frage nach Alternativen in der direkten Umgebung.
Feature Rabenfelsen/Schleckerfelsen Neidlingen (Alternative 1) Messelberg (Alternative 2) Primäres Gerät Drachen (HG) Gleitschirm & Drachen Gemischt (HG/GS) Schwierigkeit Expert (Klippenstart) Mittel (Schneisenstart) Anspruchsvoll (Toplandung verboten) Gäste-Status Restriktiv Willkommen (mit Einweisung) Limitiert (6-Piloten-Regel) Infrastruktur Keine/Minimal Startschneise, Toplandewiese Flugplatz, Fliegerhütte Windrichtung O / SO N / NW W / NW Export to Sheets
Tabelle 1: Strategischer Vergleich der Fluggebiete am Albtrauf
Neidlingen: Für Gleitschirmpiloten ist Neidlingen oft die bessere Wahl. Es bietet eine definierte Startschneise, ist offiziell für Gleitschirme zugelassen und bietet bei Nord/Nordwest-Lagen hervorragende Soaring-Bedingungen entlang der Limburg. Zudem ist die Gastregelung transparenter.
Messelberg: Wer Westwind sucht und in Türkheim nicht willkommen ist oder die Rampe scheut, findet am Messelberg eine Alternative, muss aber die komplexe Koexistenz mit Segelfliegern und die Funkregeln beherrschen.
Die Fluggebiete um Geislingen an der Steige sind Relikte einer puristischen Flugsport-Ära. Sie sind nicht auf Massentauglichkeit oder Fehlerverzeihung ausgelegt, sondern auf Leistung und Exklusivität für Starrflügler.
Für den Drachenflieger: Geislingen ist ein Paradies. Die Klippenstarts ermöglichen eine sofortige Energieumsetzung, die Thermikgüte über den Felswänden ist exzellent, und die Infrastruktur des Vereins ist auf die Bedürfnisse von Starrflüglern zugeschnitten.
Für den Gleitschirmpiloten: Diese Gelände sind „Forbidden Fruit“. Der Reiz des Besonderen wiegt das Risiko eines Klippenstart-Unfalls selten auf. Die aerodynamischen Nachteile flexibler Flächen an scharfen Abrisskanten sind physikalische Fakten, die auch durch Erfahrung nicht gänzlich eliminiert werden können.
Empfehlung: Meiden Sie den Rabenfelsen und Schleckerfelsen, wenn Sie nicht über explizite Klippenstart-Erfahrung und ein absolut souveränes Schirmbeherrschungs-Niveau verfügen. Nutzen Sie Türkheim nur bei optimalen Bedingungen und nach Einweisung durch Locals.
Checkliste für den Piloten:
Lizenz: B-Schein (Überlandberechtigung) ist faktisch Pflicht aufgrund der Außenlanderisiken.
Funk: LPD 433.225 MHz dabei haben (Messelberg-Monitoring).
Wetter: Prüfen Sie die Inversion. Nebel im Tal + Sonne oben = No Go für Tal-Landung.
Kontakt: Rufen Sie Roland Görz an, bevor Sie fahren.
Notfall: Speichern Sie die Nummer der Bergwacht Göppingen/Geislingen. Im Goißatäle gibt es keinen Handyempfang – ein Satelliten-Tracker (InReach/Spot) ist bei Streckenflügen über den Waldgebieten ratsam.
Geislingen ist kein Gelände zum „Einfliegen“ oder „Probieren“. Es verlangt Respekt, Demut vor der Topographie und ein tiefes Verständnis der unsichtbaren Kräfte, die zwischen Fels und Tal wirken. Wer diese Regeln missachtet, wird Teil der Unfallstatistik; wer sie beherrscht, erlebt den Albtrauf in seiner spektakulärsten Form.