
1 Startplatz, 1 Landeplatz
Ausführliche Recherche und lokales Wissen
Technisches Kompendium und Piloten-Guide: Fluggebiet Le Saix (Samoëns 1600)
In den Datenbanken internationaler Flugsportverbände, insbesondere in älteren Registern des DHV (Deutscher Hängegleiterverband) oder aggregierten Plattformen wie ParaglidingMap, tritt häufig eine signifikante Diskrepanz bezüglich des Startplatzes "Le Saix" auf. Es ist nicht ungewöhnlich, dass dieser fälschlicherweise mit Länderkürzeln wie DE (Deutschland) oder AT (Österreich) versehen ist oder mit ähnlich klingenden Toponymen im deutschsprachigen Raum verwechselt wird. Eine fundierte Analyse der geodätischen Daten und der vorliegenden Infrastruktur-Berichte bestätigt jedoch zweifelsfrei: Le Saix befindet sich in Frankreich, im Département Haute-Savoie, exakt oberhalb der Ortschaft Samoëns im Giffre-Tal.
Dieser Bericht dient als korrigierendes Referenzwerk und umfassender Guide, der weit über die rudimentären Informationen eines Standard-Geländehippos hinausgeht. Er richtet sich an Piloten, die das volle Potenzial des Grand Massif erschließen wollen. Das Plateau des Saix (oft auch als Samoëns 1600 bezeichnet) fungiert hierbei nicht nur als lokaler Startplatz für Gleitflüge, sondern als strategischer Knotenpunkt für thermische Einstiege in das massive Relief der Savoyer Voralpen und als Startrampe für komplexe Streckenflüge (XC) in Richtung Mieussy, Cluses oder Chamonix.
Die Bedeutung dieses Standortes resultiert aus seiner spezifischen Exposition und der aerologischen Interaktion zwischen dem überregionalen Windsystem und dem ausgeprägten Talwindsystem des Giffre-Tals. Während Anfänger hier oft ihre ersten Höhenflüge unter Anleitung der zahlreichen lokalen Flugschulen absolvieren, nutzen erfahrene Piloten das Plateau als Ausgangspunkt für technisch anspruchsvolle Transitionen über das Tal zum markanten Massiv des Criou.
Das Fluggebiet Samoëns unterliegt einer komplexen Mikrometeorologie. Für eine sichere Flugplanung ist das Verständnis der Interaktion zwischen dem synoptischen Wind (Höhenwind) und den thermischen Brisen entscheidend. Im Gegensatz zu einfacheren Fluggeländen kann eine Fehleinschätzung hier, insbesondere bei Westwindlagen, zu kritischen Flugzuständen führen.
Das Giffre-Tal verläuft in einer Ost-West-Achse. An thermisch aktiven Tagen entwickelt sich ein klassisches Talwindsystem, das von Westen (aus Richtung Marignier/Mieussy) das Tal hinaufströmt und in Richtung des Talschlusses bei Sixt-Fer-à-Cheval fließt.
Die vertikale Schichtung: Ein häufiges Phänomen am Saix ist die Entkopplung der Windschichten. Während am Landeplatz (ca. 700 m MSL) bereits am frühen Nachmittag ein kräftiger Talwind mit 20–30 km/h aus Westen wehen kann, befindet sich der Startplatz auf 1600 m MSL oft noch oberhalb dieser talgebundenen Strömung oder in einer Scherzone.
Implikation für Piloten: Die Windstille am Startplatz darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Tal sportliche bis turbulente Bedingungen herrschen können. Der Blick auf die Wasseroberfläche der Lacs aux Dames (direkt am Landeplatz) ist obligatorisch. Kräuselwellen oder Schaumkronen sind Warnsignale, die eine sofortige mentale Vorbereitung auf eine anspruchsvolle Landung oder den Verzicht auf den Start erfordern.
Der Startplatz Plateau des Saix ist primär nach Nord / Nord-West ausgerichtet. Diese Ausrichtung diktiert die fliegbaren Wetterlagen.
Die Ideale Lage (Nord / Nord-West)
Ein leichter überregionaler Wind aus Nord bis Nordwest ist ideal. Er strömt den Startplatz laminar an und unterstützt die thermische Ablösung an den Waldkanten unterhalb des Plateaus. Auch reine Thermiklagen ohne signifikanten überregionalen Wind sind gut fliegbar, da die lokale Hangthermik (Anabatische Winde) den Startplatz zuverlässig "belüftet".
Die Kritische Gefahr: Westwind (Le Danger de l'Ouest)
Die größte Gefahr dieses Fluggebietes ist der Westwind. Wenn der meteo-logische Wind (Höhenwind auf 2000m) signifikant aus West oder Süd-West weht, liegt das Plateau des Saix im Lee des vorgelagerten Massivs der Pointe de l'Arbaron und des Skigebiets von Les Carroz.
Lee-Rotoren: Die Topographie bildet westlich des Startplatzes eine Art "Goulet" (Rinne/Engpass). Bei Westwind wird die Luft durch dieses Nadelöhr gepresst und verwirbelt hinter den Geländekanten.
Das trügerische Idyll: Am Boden des Startplatzes kann es bei Westlagen gelegentlich ruhig wirken oder der Wind scheint sogar leicht von vorne zu kommen (durch einen Rückströmungseffekt des Rotors). Sobald der Pilot jedoch abhebt und aus dem bodennahen Schutzbereich herausfliegt, trifft er auf extrem turbulente, abwindige Luftmassen.
Warnung: Die lokalen Quellen und Flugschulen warnen explizit: "Danger of rollers in westerly winds". Bei prognostiziertem Westwind >15 km/h auf 2000m sollte auf den Startplatz La Bourgeoise oder Joux Plane ausgewichen werden, die freier angeströmt werden.
Ein Highlight des Fluggebiets ist die abendliche Restitution. Die bewaldeten Nord-West-Flanken unterhalb des Plateaus speichern die Nachmittagshitze. Wenn die Sonneneinstrahlung nachlässt und die Talsohle abkühlt, geben diese Wälder die gespeicherte Energie ab.
Wirkung: Es entsteht ein großflächiges, sanftes Steigen ("Magic Air"), das oft bis zum Sonnenuntergang anhält. Dies ermöglicht extrem ruhige, genussvolle Flüge ohne turbulente Thermik – ideal für "Sundowner"-Flüge mit Blick auf den Mont Blanc, der im Abendlicht glüht.
Die Erreichbarkeit des Startplatzes ist exzellent, variiert jedoch stark zwischen Sommer- und Wintersaison. Da Samoëns Teil des riesigen Skigebiets Grand Massif ist, profitieren Piloten von einer Hochleistungsinfrastruktur.
Für die Sommersaison 2025 gelten folgende logistische Parameter:
Mit der Bergbahn (Grand Massif Express - GME):
Die Télécabine startet am Ortsrand von Samoëns (nahe dem Campingplatz und Landeplatz) und führt direkt auf das Plateau des Saix.
Betriebszeiten 2025: Voraussichtlich vom 6. Juni bis 31. August. Im Juni oft nur an Wochenenden (Fr–So), im Juli und August täglich durchgehend von ca. 09:00 bis 16:45 Uhr.
Kosten: Ein Tagesticket für Fußgänger/Paragleiter liegt bei ca. 19,50 €. Einzeltickets für eine Bergfahrt sind oft günstiger (ca. 10–13 €), wobei die Preisstrukturen variieren können (oft gibt es Unterscheidungen zwischen MTB- und Fußgänger-Pass). Saisonkarten für den Sommer (~180 €) lohnen sich für Vielflieger.
Tipp: Prüfen Sie an der Kasse explizit nach dem "Ticket Piéton" oder "Ticket Parapente", da diese oft günstiger sind als die MTB-Tageskarten.
Mit dem PKW (Navette):
Die Straße D254 führt von Samoëns kurvenreich, aber gut ausgebaut hinauf nach Samoëns 1600.
Fahrzeit: Ca. 15–20 Minuten.
Parken: Auf dem Plateau gibt es riesige Parkflächen hinter den Appartementkomplexen. Der Fußweg zum Startplatz beträgt von dort nur etwa 3 Minuten. Dies ist die bevorzugte Option außerhalb der Betriebszeiten der Bergbahn oder für Piloten, die bis zum letzten Büchsenlicht fliegen wollen (wenn die Bahn schon steht).
Im Winter ist das Plateau des Saix das Herzstück des Skigebiets.
Zugang: Praktisch nur per Bergbahn (GME oder Vercland-Gondel) oder mit dem Auto (Schneeketten oft erforderlich).
Startfläche: Der Startplatz wird im Winter oft präpariert, liegt aber meist in unmittelbarer Nähe oder direkt auf der Piste "Les Demoiselles".
Konfliktvermeidung: Es ist essenziell, die Zonen der Skifahrer zu respektieren. Oft weisen Pistenmarkierungen den tolerierten Startbereich aus. Ein Start ist nur mit Skiern oder bei sehr festem Schnee zu Fuß möglich.
Der Startplatz am Plateau des Saix ist technisch anspruchsvoller, als es die breite Wiese auf den ersten Blick vermuten lässt.
Topographie: Es handelt sich um eine mittelsteile Grasflanke auf ca. 1630 m Höhe.
Die "Cuvette" (Mulde): Unmittelbar nach dem Abheben überfliegt man eine leichte Geländemulde bzw. einen Einschnitt. Dies ist der kritische Punkt bei Westwind: Die Mulde kanalisiert den Wind (Venturi-Effekt) und die seitlichen Ränder erzeugen Turbulenzen. Bei reinem Nordwind ist dies unproblematisch.
Starttechnik:
Die Fläche ist groß genug, um 2-3 Schirme parallel auszulegen.
Aufgrund der Neigung ist ein Vorwärtsstart bei Nullwind gut möglich.
Bei thermischer Ablösung (Zyklus) ist Wachsamkeit geboten: Die Thermik kann hier impulsiv durchziehen.
Samoëns ist ein exzellenter Ausgangspunkt für XC-Flüge, erfordert aber strategische Planung aufgrund der Talstruktur.
Ein sehr verlässlicher Thermik-Trigger ("Hausbart") befindet sich oft leicht rechts vom Startplatz (Blickrichtung Tal), über der Waldkante oder spezifisch über der Lifttrasse des Sessellifts Chariande Express. Die Metallstrukuren und die Schneise im Wald begünstigen hier die Ablösung. Dieser Bart dient als Fahrstuhl, um über den Grat (Tête des Saix, 2118m) zu kommen.
Der Criou ist die massive, fast senkrechte Felswand auf der gegenüberliegenden (nördlichen) Talseite. Er ist das Wahrzeichen von Samoëns.
Die Herausforderung: Vom Saix (Südseite des Tals, Nordexposition) muss man das Tal queren, um an die sonnenbeschienene Südseite des Criou zu gelangen.
Taktik: Man benötigt maximale Startüberhöhung am Saix. Die Talquerung führt durch die oft stabile Luft in der Talmitte. Ziel ist es, am Fuß der Felswände des Criou oder an den vorgelagerten Hängen anzukommen, wo starke Thermik wartet.
Warnung: Bei starkem Talwind kommt man am Criou oft tief an und befindet sich im Lee der Talwindströmung, die um die Kanten des Berges streicht. Diese Zone ist turbulent.
Ein klassisches kleines Dreieck oder flaches Out-and-Return:
Start am Saix.
Querung zur Bourgeoise oder direkt Richtung Westen die Krete entlang.
Weiterflug bis Mieussy / Pertuiset (die Geburtsstätte des Gleitschirmfliegens).
Rückflug: Dies ist der knifflige Teil. Der Rückweg nach Samoëns erfolgt oft gegen den Westwind (Talwind). Man muss sich an den Hängen der Pointe de Marcelly hochhalten, um nicht "abgespült" zu werden.
Der offizielle Landeplatz befindet sich bei der Base de Loisirs du Lac aux Dames, direkt neben dem Schwimmbad. Obwohl er riesig und hindernisfrei wirkt, geschehen hier die meisten Unfälle aufgrund der Aerologie.
Die Landevolte (Prise de Terrain en U - PTU) unterliegt strengen Regeln, um Konflikte mit anderen Nutzern (Bogenschützen, Badegäste) und der Aerologie zu vermeiden.
Richtung: Bei dem vorherrschenden Talwind (Westwind) wird in der Regel eine Linksvolte (Main Gauche) geflogen.
Die Abbauzone (Zone de Perte d'Altitude - ZPA): Der Abbau der Höhe muss zwingend über dem Sektor des Flusses Giffre bzw. dem südlichen Teil des Geländes erfolgen.
Absolutes Verbot: Der Überflug des Bogenschießplatzes (Tir à l'arc) und des Schwimmbads in niedriger Höhe ist strengstens untersagt. Dies gefährdet nicht nur die Sicherheit, sondern auch den Fortbestand des Fluggeländes.
Der Gradient: Da der Talwind am Boden durch Reibung und Hindernisse (Bäume am Flussufer) gebremst wird, herrscht in den letzten 10–20 Metern oft ein starker Windgradient. Der Wind nimmt schlagartig ab.
Flugtechnik: Mit Überfahrt (Hände hoch!) anfliegen, um beim Durchtauchen des Gradienten genug Energie zum Abfangen zu haben. Ein zu langsamer Anflug kann zum Strömungsabriss oder Durchsacken führen.
Ein inoffizieller, aber bei Einheimischen bekannter Landeplatz (vor allem im Winter oder bei geschlossener GME) befindet sich in Vercland, nahe der Talstation der alten Gondel (die inzwischen durch eine neue Bahn ersetzt wurde). Dieser Platz ist deutlich kleiner, technischer und abschüssiger. Er sollte nur angeflogen werden, wenn man die örtlichen Gegebenheiten kennt oder der Weg zur Piscine durch starken Gegenwind versperrt ist.
Abseits der offiziellen Datenbanken gibt es Details, die den Unterschied zwischen einem guten und einem perfekten Tag ausmachen:
Webcam-Intelligence: Nutzen Sie die Webcams "Samoëns 1600" und "Tête des Saix" nicht nur für Wolkenbilder. Achten Sie auf die Fahnen an den Liftstationen. Wenn die Fahne am Tête des Saix straff aus West weht, sparen Sie sich die Auffahrt – es ist wahrscheinlich "unfliegbar" (Rotor) am Startplatz, auch wenn es im Tal ruhig wirkt.
Après-Fly am See: Der Landeplatz an der Piscine ist perfekt gelegen. Die Bar du Lac oder das Restaurant am See bieten die Möglichkeit, direkt nach dem Packen (auf der großen Wiese) ein Landebier zu trinken. Es ist der soziale Treffpunkt der lokalen Szene.
Familientauglichkeit: Im Gegensatz zu vielen alpinen Startplätzen ist Le Saix extrem familienfreundlich. Während Sie fliegen, kann die Familie im Base de Loisirs baden, Golf spielen oder den Abenteuerpark nutzen. Der GME bringt auch Nicht-Flieger bequem zum Startplatz (und wieder runter), um den Start zu beobachten.
Der Startplatz Le Saix in Samoëns ist ein Juwel der Haute-Savoie, das jedoch Respekt einfordert. Die Kombination aus einfacher Logistik (GME) und komplexer Aerologie (Talwind, Westwind-Gefahr) macht ihn zu einem "Wolf im Schafspelz". Wer die Regel "Kein Start bei Westwind" befolgt und die Landevolte diszipliniert über dem Giffre plant, wird mit thermischen Flügen von höchster Qualität und einem Panorama belohnt, das vom Genfersee bis zum Mont Blanc reicht.
Haftungsausschluss: Gleitschirmfliegen ist ein Risikosport. Dieser Bericht basiert auf Datenstand 2025/2026 und ersetzt keine tagesaktuelle Wetterberatung, Geländeeinweisung durch lokale Flugschulen (z.B. Pégase Air, Les Tontons Volants) oder die eigene Pilotenentscheidung.