
1 Startplatz, 0 Landeplatzätze
Ausführliche Recherche und lokales Wissen
Analyse und Leitfaden für das Gleitschirmfliegen in der Jachenau: Eine Expertise für den modernen Para-Alpinisten Executive Summary
Die Jachenau, eine der am dünnsten besiedelten Regionen Oberbayerns, stellt im Kontext des Gleitschirmsports ein hochgradig spezialisiertes und meteorologisch komplexes Areal dar. Während die offizielle Dokumentation des Deutschen Hängegleiterverbandes (DHV) den Standort primär als Schleppgelände für die Grundausbildung und das Windentraining ausweist , offenbart eine tiefergehende Recherche eine lebendige, wenngleich sensible Hike-and-Fly-Kultur. Der Hirschhörnlkopf (1.515 m) und der Rabenkopf (1.559 m) fungieren hierbei als zentrale Anziehungspunkte für erfahrene Piloten, die den alpinen Aufstieg mit anspruchsvollen thermischen Bedingungen kombinieren möchten.
Dieser Bericht verdeutlicht, dass die Jachenau kein klassisches „Modefluggebiet“ ist. Die aerologischen Besonderheiten, namentlich der „Bayerische Wind“ und die ausgeprägte Föhnanfälligkeit des Isarwinkels, erfordern ein hohes Maß an Eigenverantwortung und fundierte Kenntnisse der lokalen Windsysteme. Ein kritischer Erfolgsfaktor für den Erhalt dieser Flugmöglichkeiten ist zudem das soziale Management: Die Duldung der Gipfelstarts durch die lokalen Grundbesitzer und Landwirte ist fragil und wurde in der Vergangenheit durch übermäßigen Pilotenandrang und rücksichtsloses Verhalten am Landeplatz massiv gefährdet. Der vorliegende Leitfaden liefert eine detaillierte Aufarbeitung der logistischen, technischen und sicherheitsrelevanten Aspekte, um Piloten eine fundierte Entscheidungsbasis für dieses anspruchsvolle Revier zu bieten.
Die Jachenau: Geografische und aerologische Einordnung
Das Tal der Jachenau erstreckt sich als sonnenexponiertes Hochtal zwischen dem Walchensee im Westen und der Isar im Osten. Diese Lage prädestiniert das Gebiet für eine thermische Aktivität, die oft früher einsetzt als in den tiefer gelegenen Tälern des Alpenvorlandes. Für den Gleitschirmsport ergibt sich daraus eine Zweiteilung der Möglichkeiten: die kontrollierte Ausbildung an der Winde im Talboden und der freie, alpine Start von den umliegenden Gipfeln.
Geologisch und topografisch ist das Gebiet durch steile Waldflanken und weite, grasbewachsene Bergrücken in den Gipfelregionen gekennzeichnet. Während die Täler auf etwa 780 m NN liegen, erreichen die umliegenden Gipfel Höhen von über 1.500 m, was eine nutzbare Höhendifferenz von über 700 m für Gleitschirmpiloten generiert.
Kenngröße Detailinformation Tallage
ca. 780 m bis 790 m NN
Hauptgipfel (Hike & Fly)
Hirschhörnlkopf (1.515 m), Rabenkopf (1.559 m)
Offizieller Status
Zugelassenes Schleppgelände; Gipfelstarts nur geduldet
Distanz von München
ca. 80 km (ca. 1:15 h Fahrtzeit)
Naturschutz
Teilweise Wald-Wild-Schongebiete (Betretungsverbote beachten)
Das offizielle Schleppgelände der Flugschule Adventure Sports
Der einzige im offiziellen DHV-Geländeregister geführte Standort in der Jachenau ist das Schleppgelände, das von der Flugschule Adventure Sports betrieben wird. Dieses Gelände ist für Gleitschirme und Hängegleiter gleichermaßen geeignet und stellt eine wichtige Säule für die Aus- und Fortbildung im süddeutschen Raum dar.
Technische Infrastruktur und Betriebsregeln
Die Schleppstrecke im Talboden ist auf eine effiziente Höhengewinnung unter kontrollierten Bedingungen ausgelegt. Ein wesentlicher Aspekt des Betriebs ist die strikte Einhaltung der Sicherheitsauflagen, insbesondere bei der Nutzung von Windenstarts.
Parameter Spezifikation Geländehalter
Flugschule Adventure Sports GbR
Koordinaten Landeplatz
N 47°36'24.90" E 11°29'14.51"
Schlepplänge
800 m
Maximale Schlepphöhe
750 m MSL
Startrichtungen
ONO und WSW
Funkpflicht
Zwingend erforderlich bei Ausklinkhöhen > 450 m GND
Der Flugbetrieb ist grundsätzlich nur in Absprache mit der Flugschule gestattet. Dies dient nicht nur der organisatorischen Abwicklung, sondern ist eine notwendige Sicherheitsmaßnahme, um Kollisionen zwischen Schleppbetrieb und freien Fliegern zu vermeiden. Piloten müssen eine gültige Landekarte erwerben, wobei Clubmitglieder oft von Gebühren befreit sind. Gastpiloten sollten sich vorab über die aktuellen Gebührenstrukturen informieren, die beispielsweise am nahegelegenen Brauneck bei ca. 7,50 EUR für eine 5er-Karte liegen.
Die Rolle der Ausbildung
Das Gelände wird intensiv für Grundkurse und die Ausbildung zur Windenstartberechtigung genutzt. Die Flugschule vermittelt hierbei nicht nur die technischen Fertigkeiten, sondern legt einen Schwerpunkt auf die meteorologische Einweisung, da das Talwindsystem der Jachenau bereits in geringen Höhen tückisch sein kann. Ein wesentlicher Vorteil für Flugschüler ist die unmittelbare Nähe von Übungshang, Flugberg und Landeplatz, was die logistische Effizienz während der Ausbildungstage steigert.
Der Hirschhörnlkopf: Das Epizentrum des bayerischen Walk & Fly
Der Hirschhörnlkopf gilt unter erfahrenen Piloten als einer der lohnendsten Aussichtspunkte des Isarwinkels, oft bezeichnet als der „kleine Bruder“ des wesentlich stärker frequentierten Jochbergs. Für Gleitschirmflieger bietet der Berg aufgrund seiner breiten Gipfelwiesen und der Ausrichtung zum Walchensee exzellente Startmöglichkeiten, sofern die Windbedingungen passen.
Logistik und Aufstiegsvarianten
Der Zugang zum Hirschhörnlkopf erfolgt klassischerweise vom Ort Jachenau aus. Der Wanderparkplatz am Schützenhaus (790 m NN) dient als primärer Ausgangspunkt.
Route Charakteristik Dauer Klassischer Aufstieg
Über die Kleine Laine und serpentinenreiche Waldpfade
ca. 2:00 h
Abstieg/Aufstieg via Kotalm
Länger, landschaftlich abwechslungsreich, führt über die Südflanke
ca. 2:30 h
Mountainbike-Kombination
Bis zur Kotalm befahrbar, restliche 360 Höhenmeter zu Fuß
Variabel
Der Aufstieg mit Gleitschirmausrüstung erfordert eine solide Kondition, da ca. 700 bis 750 Höhenmeter zu bewältigen sind. Moderne Leichtausrüstungen, die zwischen 4 kg und 10 kg wiegen, erleichtern diesen Prozess erheblich und sind für dieses Gelände dringend zu empfehlen. Während des Aufstiegs durch den Mischwald bieten sich immer wieder Ausblicke auf das Karwendel und die Jachenau, was die psychologische Belastung des „Hatschers“ mindert.
Die Pfundalm und das Gipfelplateau
Ein markanter Orientierungspunkt kurz vor dem Gipfel ist die Pfundalm (auch Bärenhauptalm genannt) auf 1.400 m NN. Diese unbewirtschaftete Alm liegt in einer sanften Geländesenke und bietet bei plötzlichen Wetterumschwüngen einen rudimentären Unterschlupf. Von hier aus sind es nur noch etwa 15 bis 20 Minuten bis zum eigentlichen Gipfelkreuz.
Das Gipfelplateau selbst ist durch einen breiten, grasbewachsenen Rücken gekennzeichnet, der ideale Bedingungen für das Auslegen des Schirms bietet. Dennoch ist Vorsicht geboten: An schönen Wochenenden ist der Gipfel stark von Wanderern bevölkert. Piloten sollten darauf achten, ihre Ausrüstung so auszulegen, dass Wanderwege nicht blockiert werden und keine Gefährdung für Schaulustige besteht.
Startcharakteristik und thermische Trigger
Die Hauptstartrichtung am Hirschhörnlkopf ist nach Nordosten bis Südosten orientiert. Dies ermöglicht es, die frühen thermischen Ablösungen zu nutzen, die an den Ostflanken entstehen.
Südost-Start: Der Klassiker. Der Hang neigt sich moderat und geht in eine weite Wiesenflanke über. Ideale Bedingungen herrschen bei schwachem überregionalem Wind und einsetzender Thermik.
West-Start: Technisch anspruchsvoller. Erfordert einen Startlauf in Richtung Walchensee. Hier muss besonders auf die Windsituation am Kesselberg geachtet werden, da dort oft Düseneffekte auftreten.
Nord-Start: Offiziell nicht empfohlen und technisch schwierig. Der Hang fällt steiler ab und führt schnell in bewaldetes Gebiet. Ein sicherer Überflug der Baumreihen muss hierbei jederzeit gewährleistet sein.
Der thermische „Hausbart“ steht oft über den felsigen Durchbrüchen südlich des Gipfels oder direkt über der Pfundalm, wenn die Sonne den Kessel entsprechend aufgeheizt hat. Piloten sollten versuchen, zügig über Gipfelniveau aufzudrehen, um den Talwind-Turbulenzen zu entkommen.
Der Rabenkopf: Die wilde, alpine Alternative
Während der Hirschhörnlkopf eher durch seine Lieblichkeit besticht, bietet der Rabenkopf (1.559 m) ein deutlich alpineres Erlebnis. Der Berg liegt nordwestlich der Jachenau und markiert den Übergang zum Kochelsee-Becken.
Aufstieg durch die Rappinschlucht
Für Piloten, die den Aufstieg als Teil des Gesamterlebnisses begreifen, ist die Route durch die Rappinschlucht ein „Muss“. Der Pfad führt entlang der Großen Laine und ist an einigen Stellen spektakulär in den Fels gehauen.
Schwierigkeit: T2 bis T3. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind mit schwerem Rucksack zwingend erforderlich.
Dauer: 3 bis 4 Stunden für den Aufstieg ab Jachenau.
Besonderheit: Die Schlucht ist bei Nässe oder Schnee extrem gefährlich und sollte dann gemieden werden.
Startmöglichkeiten am Rabenkopf
Der Gipfel des Rabenkopfs ist grasig, aber deutlich steiler als der des Hirschhörnlkopfs. Die Staffelalm (1.320 m), die kurz unterhalb des Gipfels liegt, bietet ebenfalls Startmöglichkeiten, ist jedoch während der Weidesaison oft durch Vieh besetzt.
Startplatz Ausrichtung Besonderheiten Gipfelhang Süd / Südost
Steiler Startlauf, sofortiger Thermikanschluss an der Südflanke möglich.
Staffelalm Ost / Süd
Flacher, aber oft von Weidevieh frequentiert; Rücksprache mit Älplern ratsam.
Ein Flug vom Rabenkopf bietet eine beeindruckende Aussicht auf den Kochelsee und das Staffelsee-Gebiet. Da der Berg jedoch im direkten Einflussbereich der Nordstau-Lagen und des Bayerischen Windes steht, ist die meteorologische Beurteilung hier noch kritischer als am Hirschhörnlkopf.
Meteorologie: Die unsichtbaren Kräfte im Isarwinkel
Das Fliegen in der Jachenau erfordert ein tiefes Verständnis lokaler Windphänomene. Die idyllische Kulisse täuscht oft über die Dynamik der Luftmassen hinweg, die durch die Topografie des Isarwinkels und des Walchensee-Beckens maßgeblich beeinflusst werden.
Der Bayerische Wind: Ein oft unterschätzter Gegner
Eines der wichtigsten aerologischen Merkmale der bayerischen Voralpen ist der „Bayerische Wind“. Dabei handelt es sich um ein regionales Windsystem, das an thermisch aktiven Tagen kühle Luftmassen aus dem Alpenvorland ansaugt.
Mechanismus: Durch die starke Erwärmung der Alpentäler entsteht ein lokales Tiefdruckgebiet, das die Luft aus dem Norden (Münchener Ebene) nachzieht. Da die Jachenau nach Osten zum Isartal und nach Westen zum Walchensee hin Verbindungen hat, kanalisiert sich dieser Wind in den Talräumen.
Gefahr für Piloten: Der Bayerische Wind setzt oft erst am Nachmittag (ab 14:00 oder 15:00 Uhr) mit voller Stärke ein. Ein Pilot, der am Hirschhörnlkopf in sanfter Thermik gestartet ist, kann bei der Landung im Tal auf einen kräftigen, böigen Nordostwind treffen, der im Lee der umliegenden Hügel für massive Turbulenzen sorgt.
Anzeichen: Einsetzende Dunstbildung im Norden oder eine plötzliche Zunahme der Windgeschwindigkeit an Bodenstationen im Vorland (z.B. Holzkirchen oder Bad Tölz).
Die Föhnfalle Jachenau
Aufgrund ihrer geografischen Ausrichtung ist die Jachenau besonders anfällig für Südföhn. Da das Tal relativ nah am Karwendelmassiv liegt, können Föhndurchbrüche hier mit extremer Plötzlichkeit und Gewalt auftreten.
Föhnschutzgebiete: Es gibt in der Jachenau keine verlässlichen Föhnschutzgebiete. Die Aussage „der Föhn ist noch weit weg“ ist lebensgefährlich. Sobald der Druckgradient zwischen Bozen und Innsbruck mehr als 4 hPa beträgt oder die typische Föhnmauer über dem Karwendel sichtbar wird, sollte auf Flüge verzichtet werden.
Anzeichen: Linsenförmige Wolken (Altocumulus lenticularis), außergewöhnliche Fernsicht und einsetzende Windstille im Tal bei gleichzeitig starken Böen auf den Gipfeln.
Thermik-Taktik und Inversionslagen
Gerade im Herbst oder an stabilen Hochdrucktagen im Spätsommer kämpfen Piloten oft mit Inversionen. Die Jachenau bietet hier einen Vorteil: Durch die hohe Startlage (1.500 m) befinden sich Piloten oft bereits über der stabilen Kaltluftschicht des Tals.
Emmentaler-Käse-Effekt: An Tagen mit schwacher Inversion können thermische Ablösungen die Schicht an bestimmten „Sollbruchstellen“ (z.B. dunkle Waldränder oder exponierte Felsen) durchbrechen. Geduld beim Zentrieren ist hier der Schlüssel zum Erfolg.
Hausbart-Garantie: Die Südflanken des Hirschhörnlkopfs zum Kotbach hin sind exzellente Thermiklieferanten, da sie senkrecht zur Mittagssonne stehen und durch den Wald eine hohe Rauigkeit aufweisen, die Ablösungen begünstigt.
Sicherheit und Unfallprävention: Lehren aus der Praxis
Die Analyse von Flugunfällen in den Alpen zeigt, dass die meisten Zwischenfälle in der Start- und Landephase sowie durch eine falsche Einschätzung der meteorologischen Bedingungen entstehen.
Kritische Phasen des Fluges in der Jachenau
Die Startentscheidung: Viele Piloten am Hirschhörnlkopf unterschätzen die Startbahnlänge bei Nullwind. Ohne Gegenwind steigt die erforderliche Abhebegeschwindigkeit signifikant an. Ein „Run like hell“ ist hier keine Floskel, sondern Überlebensstrategie.
Klapper in Bodennähe: Besonders bei thermischen Bedingungen am Gipfelgrat kann es zu massiven Klappern kommen, wenn der Pilot den Schirm nicht aktiv fliegt. Die Devise lautet: Hände an die Bremsen und permanenten Kontakt zum Schirm halten.
Landeproblematik: Da es für die Gipfelstarts keinen offiziell ausgewiesenen Landeplatz gibt, ist die Außenlandung die Regel. Hier besteht die Gefahr von Hindernissen wie Stromleitungen (in Jachenau eher selten, aber vorhanden) und Zäunen.
Unfallursache Präventionsmaßnahme Klapper beim Start
Konsequentes Groundhandling-Training und Schirmkontrolle vor dem Abheben.
Kollision in der Luft
Aktives Rausschauen („See and avoid“); Nutzung von elektronischen Helfern wie FLARM oder ADS-B Sendern.
Lee-Turbulenzen
Startplatz so wählen, dass man im Luv des aktuellen Windes bleibt; Talwindsysteme vorab studieren.
Die Bedeutung der Schutzausrüstung
Obwohl im Hike-and-Fly-Bereich jedes Gramm zählt, darf die Sicherheit nicht kompromittiert werden. Die Nutzung eines Gurtzeugs mit zertifiziertem Protektor ist obligatorisch, da „Arschlandungen“ bei schwierigen thermischen Bedingungen auch erfahrenen Piloten passieren können. Die Diskussion um alternative Kopfbedeckungen wie Ribcaps zeigt zwar ein Bedürfnis nach Minimalismus, im ernsthaften Gleitschirmsport ist ein vollwertiger Helm jedoch durch nichts zu ersetzen.
Rechtlicher Rahmen und das Gebot der Diskretion
Eines der heikelsten Themen in der Jachenau ist der rechtliche Status der Gipfelstarts. Offiziell handelt es sich beim Hirschhörnlkopf und Rabenkopf nicht um zugelassene Fluggelände nach § 25 LuftVG.
Die „Duldung“ und ihre Grenzen
Seit über einem Jahrzehnt werden Starts von diesen Gipfeln geduldet. Diese Duldung ist jedoch kein verbrieftes Recht, sondern ein Privileg, das auf dem Wohlwollen der Landeigentümer und der Gemeinde basiert.
Die Krise von 2011: Ein massiver Zustrom von Piloten, ausgelöst durch eine auswärtige Flugschule, die das Gelände mit Bussen ansteuerte, führte fast zum kompletten Verbot. Das Landen zwischen weidenden Kühen und das rücksichtslose Auslegen von Schirmen auf hohen Futterwiesen waren die Hauptstreitpunkte.
Verhaltenskodex: Piloten sollten sich als „Einzelwanderer“ tarnen. Große Gruppenbildungen am Start- oder Landeplatz sind zu vermeiden. Die Wiesen dürfen nur im gemähten Zustand betreten werden, und nach der Landung ist der Schirm umgehend am Rand der Fläche zusammenzulegen.
Der „Geheimtipp-Effekt“ im digitalen Zeitalter
Die Veröffentlichung von Flügen in Portalen wie DHV-XC oder XContest hat maßgeblich zur Bekanntheit der Jachenau beigetragen. Dies wird von lokalen Piloten jedoch mit großer Skepsis gesehen.
Empfehlung: Um die Duldung nicht zu gefährden, sollten Flüge von inoffiziellen Startplätzen entweder gar nicht oder ohne die exakten GPS-Koordinaten des Startpunkts hochgeladen werden. Der Schutz des Geländes hat Vorrang vor dem persönlichen Punktestand in einer Online-Rangliste.
Flugschulen-Tabu: Kommerzielle Schulungen oder Tandembetrieb durch auswärtige Unternehmen sind an diesen Gipfeln streng verpönt und führen unweigerlich zu Sanktionen durch die Gemeinde.
Logistik, Anreise und das „Drumherum“
Ein erfolgreicher Flugtag in der Jachenau beginnt mit der richtigen Planung der Anreise und endet mit einer respektvollen Integration in das dörfliche Leben.
Anreise mit dem PKW
Die Jachenau ist über die A8 (Ausfahrt Holzkirchen) und weiter über Bad Tölz und Lenggries erreichbar.
Parken: Nutzen Sie ausschließlich den offiziellen Wanderparkplatz am Schützenhaus. Die Gebühren von ca. 5,00 EUR (Stand 2022) sind eine wichtige Einnahmequelle für die Gemeinde und tragen zur Akzeptanz des Tourismus bei.
Navi-Adresse: Dorf 7 1/8, 83676 Jachenau.
Besonderheit: In der Jachenau gibt es keine Tankstelle! Stellen Sie sicher, dass Sie ausreichend Kraftstoff für die Rückfahrt haben.
Anreise mit Bahn und Bus
Die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist ökologisch sinnvoll und aufgrund der guten Anbindung an die Bayerische Regiobahn (BRB) absolut machbar.
Bahn: Mit der BRB von München Hbf bis Lenggries.
Bus: Mit der Regionalbuslinie 9595 (RVO) bis zur Haltestelle „Jachenau Post“.
Frequenz: Der Bus fährt am Wochenende nur unregelmäßig (meist einmal vormittags hin und einmal nachmittags zurück), daher ist ein genauer Blick in den Fahrplan unerlässlich.
Kulinarik und Übernachtung
Die Jachenau hat sich ihren dörflichen Charakter bewahrt. Es gibt keine Hotelburgen, sondern authentische bayerische Gastfreundschaft.
Jachenauer Schützenhaus: Direkt am Parkplatz gelegen. Nach einem Pächterwechsel bietet es eine exzellente Küche, die fränkische Einflüsse (z.B. Schäufele) mit bayerischer Tradition verbindet. Idealer Ort für das „After-Flight-Beer“.
Gasthof Jachenau: Ein Traditionsbetrieb im Ort, der auch Webcams zur Wetterbeobachtung bereitstellt.
Grasmüllerhof: Bietet Ferienwohnungen und ist als flugsportfreundlicher Betrieb bekannt.
XC-Potenzial und Streckenflug-Optionen
Obwohl die Jachenau oft als Ziel für Genussflüge und kleine Gleitflüge zum Walchensee gesehen wird, bietet sie bei entsprechenden Bedingungen ein beachtliches Streckenflugpotenzial.
Klassische Routen ab Hirschhörnlkopf
Die Ost-Route (Richtung Brauneck): Bei guter Thermik kann man über die Glaswand und die Benediktenwand in Richtung Lenggries fliegen. Dies ist eine der schönsten Routen der Voralpen, erfordert jedoch eine Arbeitshöhe von mindestens 2.000 m, um die Täler sicher zu queren.
Die West-Route (Richtung Herzogstand): Ein Flug entlang des Grats zum Jochberg (Achtung: Startverbot am Jochberg beachten!) und weiter zum Herzogstand/Heimgarten. Von dort aus ist der Anschluss an das Estergebirge und weiter nach Garmisch möglich.
Die Karwendel-Querung: Nur für Experten. Bei extrem hoher Basis kann der Sprung über das Rißtal ins Hochkarwendel gewagt werden.
Luftraumstruktur und Beschränkungen
Das Streckenfliegen in der Jachenau ist durch die Nähe zum kontrollierten Luftraum von München (CTR) und den militärischen Übungsgebieten limitiert.
Höhenbeschränkungen: In der Regel ist im Luftraum Echo über den Alpen bei FL 130 (ca. 3.960 m) Schluss, oft liegen die Beschränkungen durch die Nähe zu Innsbruck oder München jedoch deutlich tiefer.
Transponderpflicht: Für Flüge über 5.000 ft MSL ist in vielen angrenzenden Gebieten ein Transponder erforderlich, was für die meisten Hike-and-Fly Piloten das Ende der Strecke bedeutet.
Wildschutz: Beachten Sie die ausgewiesenen Wildruhezonen, besonders im Bereich der Benediktenwand und des Isartals. Ein Überflug mit geringer Höhe kann hier zu empfindlichen Strafen und Geländeberboten führen.
Fazit: Die Zukunft des Fliegens in der Jachenau
Die Jachenau ist ein Juwel der bayerischen Flugberge, das seinen Charme gerade aus der Ruhe und der Abwesenheit von Massentourismus zieht. Die Analyse zeigt jedoch, dass dieser Zustand fragil ist.
Zusammenfassung der Experten-Tipps (Secret Guide)
Wetter-Check: Nutzen Sie die Webcam der Staffelalm (Blick Nord) und des Gasthofs Jachenau zur Echtzeit-Beurteilung. Der Windwert am Brauneck (12 km entfernt) ist ein guter Indikator für den überregionalen Wind, aber kein Ersatz für die lokale Beobachtung.
Ausrüstungswahl: Ein moderner A- oder Low-B Schirm in Leichtbauweise ist für dieses Gelände ideal. Die thermischen Bedingungen können ruppig sein, was ein hohes Maß an passiver Sicherheit wertvoll macht.
Diskretion: Seien Sie ein Botschafter des Sports. Verhalten Sie sich gegenüber Wanderern und Einheimischen höflich und unauffällig. Die Jachenau ist ein Dorf, in dem jeder jeden kennt – Fehlverhalten spricht sich innerhalb von Stunden herum.
Bayerischer Wind: Planen Sie Ihre Landung spätestens für den frühen Nachmittag ein, um den stärksten Talwindphasen zu entgehen.
Das Fliegen in der Jachenau ist mehr als nur ein Sport; es ist ein Privileg. Wer die Berge mit Respekt behandelt, die meteorologischen Hausaufgaben macht und sich in die lokale Gemeinschaft einfügt, wird hier Flüge erleben, die in ihrer landschaftlichen Schönheit und fliegerischen Befriedigung ihresgleichen suchen. Die Jachenau bleibt ein Ziel für „konditionsstarke Romantiker“ und Piloten, die den Wert eines selbst erarbeiteten Starts zu schätzen wissen.